Mantra-Meditation ist für alle
Ausschnitt aus den Vrinda-Yoga-Kurs:
Nispanda Bhava ist eine Übung, die - in Verbindung mit der Mantra-Meditation - auf weltliche Angelegenheiten gerichtete mentale Tätigkeiten zum Stillstand kommen lässt. Bhava bedeutet hier "Geisteshaltung", ni "ohne" und spanda "Bewegung".
Nehmen sie dazu eine Körperhaltung ein, in der sie sich für längere Zeit ohne Bewegung bequem fühlen. Es mag für sie von Vorteil sein, sich dafür mit dem Rücken an eine Wand anzulehnen oder in einem bequemen Stuhl Platz zu nehmen. Achten sie darauf, dass die Atmung dabei nicht zusammengedrückt wird und ihr Blut ungehindert durch alle Körperteile fliessen kann. Schliessen sie die Augen und entspannen sie sich.
Ähnlich wie ihr Körper die Wand oder den Stuhl als Stütze benutzt, findet ihr Geist in der Mantra-Meditation einen Halt. Sprechen sie den Mantra halblaut aus und richten sie mit Hilfe des Gehörs die Aufmerksamkeit auf den Klang der Silben. Bleiben sie dabei aufmerksam und passen sie die Geschwindigkeit und Lautstärke so an, dass sie die einzelnen Silben deutlich verstehen können. Es kann hilfreich sein, die Stimme vorübergehend etwas lauter werden zu lassen, um den rastlosen Geist und die Sinne zu beruhigen. Konzentrieren sie sich auf die Betonung jeder einzelnen Silbe des Mantra, damit sie damit so vertraut werden, wie ein Musiker mit der Tonleiter. Neben dem Maha-Mantra
Hare Krishna Hare Krishna
Krishna Krishna Hare Hare
Hare Rama Hare Rama
Rama Rama Hare Hare
eignet sich auch folgende Klangschwingung, die von bedeutenden Bhakti-Lehrern wie Srila Bhaktivinoda Thakura als besonders wirkungsvoll beschrieben wird:
Nityananda Gauranga
Die Mantra-Meditation als wirkungsvollste Yoga-Methode
In den vergangenen Lektionen haben wir vielfach darauf hingewiesen, dass die Wirkung einer Übung noch verstärkt wird, wenn sie mit der Mantra-Meditation verbunden wird.
Wie bereits in der Einleitung erklärt wurde, setzt sich der Begriff Mantra aus den zwei Wortsilben man "Geist" und tra "befreien" zusammen. Der Mantra 'befreit' den feinstofflichen Körper (Ahankara, Citta, Buddhi und Manas) von Äonen-alter Verschmutzung (welche mit einer dicken Staubschicht verglichen wird).
Citta ist das rein empfangende, passive Bewusstsein und Unterbewusstsein. Es wird oft mit dem Spiegel des Bewusstseins verglichen. Je weniger Staub diesen Spiegel bedeckt, umso reiner ist das Bewusstsein, und umso klarer ist die Erkenntnis der Objekte dieser Welt und von unserem wahren Selbst.
Der Staub, von dem es das Bewusstsein zu reinigen gilt, sind die Ichsucht ("Ich" und "Mein", die auf der Dualität dieser Welt beruhenden Ego-Wünsche und Besitzansprüche), die Triebe, die Ängste, der Neid, die Eifersucht, die Sympathien und Antipathien dieser Welt. Je reiner das Bewusstsein ist, umso klarer wird das eigene Wesen als Atma und die höchste Persönlichkeit Gottes (welche sich durch das Mantra offenbart) erkannt. Wenn das Mantra, das gleichzeitig immer ein Name Gottes ist, In seiner reinsten Form meditiert wird (suddha-nama), erreicht der Mantra den innersten Kern unseres spirituellen Selbst (den Atma, die Seele) und entfaltet dort seine ganze Kraft, der vollkommenen Liebe und Erkenntnis Gottes.
Das Thema aller Mantren ist die geheimnisvolle Musik der Seele. Die Schöpfung kommt aus dem Klang und die geheimnisvolle Musik der Seele ist die Klangschwingung, welche die Schöpfung und alles, was in uns Trennung und Ängste verursacht hat, wieder mit dem Ursprung zusammenführt und harmonisiert. Die Mantras schwingen, aber sie schwingen auf verschiedenen Stufen. Es wird uns oft nicht möglich sein, uns beispielsweise im Nispanda Bhava-Asana ruhig hinzusetzen und uns in eine Mantra-Meditation zu versenken.
Es ergeben sich aber täglich unzählige gute Gelegenheiten, unseren Geist in das Mantra zu versenken. Wir können viel Kraft aus den Warteminuten vor einem Termin schöpfen, wenn wir in das Mantra eintauchen, anstelle uns vor dem bevorstehenden Arztbesuch oder der Prüfung zu ängstigen, dem Vorstellungsgespräch verunsichert entgegenzusehen oder uns über die bevorstehenden schwierigen Arbeits- und Geschäftstermine den Kopf zu zerbrechen. Und wieviele Minuten im Tag verbringen wir mit Warten (beim Einkaufen, vor irgendeinem Schalter, bei der Bahn- oder Busstation usw.), und beschäftigen dann unseren Geist aus purer Langeweile mit dem Beobachten und Klassifizieren anderer Leute Aussehen und Verhalten? Dabei könnten wir uns mit dem Mantra etwas von der Ruhe schenken, welche uns in dieser hektischen Zeit oft verloren geht.
Manchmal, zum Beispiel wenn wir putzen, mag es uns leichter fallen, eine bestimmte Angelegenheit mit klarem Verstand zu betrachten, um so ein Ergebnis zu erhalten. Aber viel zu oft fliesst der Strom unserer Gedanken während einer mechanischen Arbeit nur ziellos dahin. Vielleicht brüten wir über ein Problem oder eine Kränkung und stellen uns vor, was wir alles täten, wenn wir nur könnten. Manchmal brüten wir in Gedanken nur über unsere Vorlieben und Abneigungen, die wir gegenüber anderen Personen und Dingen hegen, oder wir nehmen nicht einmal richtig wahr, mit welchen Gedanken sich unser Geist gerade beschäftigt. Letztlich ist diese Art der geistigen Beschäftigung ermüdend und frustrierend.
Eine völlig andere Erfahrung und Wirkung stellt sich ein, wenn wir bei mechanischen Arbeiten unsere geistige Aufmerksamkeit auf das Mantra richten. Es belebt wie ein Stärkungsmittel, denn unser Gemüt kann sich entspannen, wenn wir uns bemühen, unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf denselben Geistesinhalt zu lenken. Anstatt einen Gedanken nach dem anderen in unterschiedlichen Wellen negativer Emotionen aneinanderzureihen, wird durch die Ausrichtung auf denselben Gedankeninhalt (das Mantra) eine beständige Welle derselben Frequenz erzeugt. Der Geist wird beruhigt, das Gemüt entspannt sich, neue Kraft wird aufgetankt und das Wichtigste: Unser Selbst (der Atma) erhält Nahrung durch die Berührung des Höchsten.
Zu einem entspannten Schlaf und damit bereits zu einer guten Starthilfe in den neuen Tag verhilft uns das abendliche Einschlafen im Bewusstsein des Mantras. Wir können die Aufregungen und Freuden des Tages loslassen und die aus dem Mantra ausströmende Kraft und Ruhe in unseren Schlaf hinübernehmen. Wer diese letzten Augenblicke des Tages in dieser Weise nutzen kann, wird über die erfrischende und erholsame Wirkung erstaunt sein.
In diesem besonderen Fall der Mantra-Meditation lohnt es sich, den Geizhals als Vorbild zu nehmen und bestrebt zu sein, all die Minuten zu sammeln, die sich uns täglich anbieten, unseren Geist im reinigenden und erfrischenden Quellwasser der Mantra-Meditation zu baden.
Die Mantra-Meditation ist nicht bloss Beigabe, um die Wirkung von Yoga-Übungen verstärken zu können. Die Harinama-Mantra-Meditation ist in sich selbst vollkommen und unabhängig. Es heisst sogar, dass im Kali-yuga andere Yoga-Vorgänge erst dadurch Vollkommenheit erlangen können. Diese Mantra-Meditation ist nicht nur der empfohlene Yoga-Vorgang für das Kali-yuga, sie ist auch jedem Menschen, in jedem Moment zugänglich, unabhängig seiner sozial-gesellschaftlichen Stellung, sei er/sie ein Verbrecher, eine Prostituierte, ein Kind aus vornehmen Hause, ein König oder PräsidentIn eines Landes. Ob qualifiziert oder nicht, jeder einzelne Mensch kann dieses transzendente Geburtsrecht der Seele in Anspruch nehmen.
Während diese Mantren in früheren Zeiten geheim gehalten und nur vom Guru dem jeweiligen Schüler ins Ohr geflüstert wurden, hat sich dies mit dem Erscheinen Chaitanya Mahaprabhus vor 500 Jahen schlagartig verändert. Dieser "verborgene Avatar" (siehe Kap. 24.4.) schenkte den grossartigen Vorgang der Mantra-Meditation einem Jeden, ungeachtet der Qualifikation oder Nicht-Qualifikation des Betreffenden und auch ohne dass dadurch die Wirkung geschmälert worden wäre.
Der Bhakti-Lehrer Srila B. R. Shridhara Maharaja schreibt hierzug im letzten Abschnitt seines Buches "Der golden Vulkan voller göttlicher Liebe":
Manchmal fragen die Menschen: "Weshalb hat Sich Sri Chaitanya Mahaprabhu dazu entschieden, die höchste Auffassung von göttlicher Liebe - krishna-prema - an die niedrigste Schicht von Menschen zu verschenken, an die Menschen des Kali-yuga?"
Aber eben das entspricht dem ureigensten Wesen des Sri Chaitanya-avatara. Warum entstammten die Gopis, die als die herausragendsten Geweihten gelten, einer gering geachteten sozialen Schicht? Was ist die eigentliche Bedeutung der höchsten Vorstellung von Edelmut? Was sollte sein Wesen sein? Denen zu helfen, die am allerbedürftigsten sind.
Und weil Sri Chaitanya Mahaprabhu von dieser höchsten Position zu uns herabkommt, kann Er nicht gewöhnliche Dinge verschenken. Gerade Er muss das Wertvollste weitergeben, und Seine Aufmerksamkeit muss auf die gerichtet sein, die am bedürftigsten sind. Ist das unnatürlich?
Die höchste Edelmütigkeit muss dem Niedrigsten und Bedürftigsten seine Aufmerksamkeit zollen. Und wenn Er ihnen helfen will, wird Er das in Seiner ganz eigenen Weise tun. Er kann nicht einfach nur Glas oder Steine unter sie verteilen. Wenn Er aus dem Überfluss von Edelsteinen und Juwelen schöpfen kann, warum sollte Er dann nach Steinsplittern suchen, um sie an jene zu verteilen, die ganz unten stehen. Er muss den niedrigsten und bedürftigsten Menschen das gewähren, was Er für wahren Reichtum hält.
www.bhakti-yoga.ch
|