Reinkarnation im frühen Christentum
Ein Auszug aus dem Buch
"REINKARNATION" von Ronald Zürrer
(ISBN 3-907824-01-6)
Origenes von Alexandria
Aus den vorangegangenen Zitaten wird erneut deutlich, daß das Wissen um die Karma-
und Reinkarnationsgesetze zur Zeit Jesu noch selbstverständlich war und wohl auch
zum urchristlichen Gedankengut gehörte. Wir müssen uns daher an dieser Stelle
fragen, wie es dazu kam, daß dieses Wissen später verlorenging. Und wenn wir zur
Beantwortung dieser Frage die Geschichte des Reinkarnationsgedankens im
Frühchristentum untersuchen wollen, so müssen wir uns zunächst auch über die
folgende wichtige Tatsache, die heute oft vergessen wird, im klaren sein:
Das frühe Christentum kannte in den ersten Jahrhunderten nach Jesus noch keine
festen Lehrsätze (Dogmen), wie sie heute als unumstößliches Fundament der
katholischen Kirchenlehre gelten. Als Glaubensgrundlage dienten in erster Linie
die Originalhandschriften des Neuen Testaments, wobei zu beachten ist, daß es
darin noch keine systematische Aufstellung irgendwelcher Lehren und keine aus
formulierten Abhandlungen über irgendwelche Grundsätze in Religion und Philosophie
gab, sondern nur fragmentarische Erzählungen mit geringem Bemühen um eine
chronologische Ordnung sowie kurze Gespräche und Briefe. Daneben galten auch die
etwas systematischeren Schriften der Kirchenväter oder Kirchenlehrer als
maßgeblich, welche jedoch die unterschiedlichsten Themen behandelten und dabei
durchaus nicht in allen Punkten übereinstimmten.
Unter dem Begriff der Kirche wurde auch noch keine feste Organisation oder
Institution verstanden, sondern sie stellte vielmehr eine lockere Gruppe oder
Gemeinschaft derer dar, die bestrebt waren, die von Jesus und seinen Anhängern
verkündete Botschaft zu verstehen und dementsprechend zu leben. Wichtig ist
ebenfalls die Tatsache, daß es im Urchristentum noch keine Trennung in eine
griechische und eine römische Kirche gab und daß die ersten großen Kirchenlehrer
allesamt dem griechischen Kulturkreis entstammten und der im Entstehen begriffenen
christlichen Lehre folglich zuweilen eine deutlich griechische Prägung gaben. (Die
Streitigkeiten zwischen der römischen und der griechischen Kirche führten erst
später, im Jahre 1054, zum großen Schisma, d.h. zur Kirchenspaltung in die
griechisch-orthodoxe und römisch-katholische Kirche.)
In den ersten Jahrhunderten nach Jesus war die Entwicklung der Kirchenlehre also
maßgebend bestimmt von den theologischen Lehrsätzen, die von den führenden
Kirchengelehrten in speziellen Kirchenversammlungen festgelegt wurden. Doch je
mehr sich das aufstrebende Christentum in den kommenden Jahrhunderten zu einer
wirtschaftlich und politisch mächtigen Weltreligion entwickelte, desto mehr gingen
auch viele der ursprünglichen Grundgedanken verloren, und an ihre Stelle traten
oft eher "weltliche" Überlegungen - um es gelinde auszudrücken. Es ist daher
augenscheinlich, daß uns grundlegende theologische Untersuchungen unweigerlich ins
Urchristentum führen, denn die ersten Christen waren, wie sich zeigen wird, nicht
nur zeitlich "näher bei Christus".
Diesen Sachverhalt möchten wir in der Folge am Beispiel der wohl herausragendsten
und einflußreichsten Persönlichkeit des Urchristentums illustrieren: Origenes
von Alexandria (185-254), dessen Name gerade im Zusammenhang mit dem
Reinkarnationsgedanken immer wieder genannt wird - und dies zurecht.
Origenes ist der erste und einer der größten Gelehrten und Bibelkenner, die das
Christentum je gekannt hat. Er war ein Wissenschaftler, der alle weltlichen Ehren
der damaligen griechischen Bildungswelt errungen hatte, und er ist außerdem der
einzige, der die Lehre des Christentums auch literarisch in Form eines
geschlossenen philosophischen Systems darstellte. Um alle seine Aussagen auf ein
breites biblisches Fundament abzustützen, erstellte er sich eine umfassende
Textausgabe des Alten Testaments (die "Hexapla"), so daß er seine Lehren immer auf
diese Grundlage beziehen konnte. Er beherrschte neben der griechischen Sprache
auch Hebräisch (die Sprache der alttestamentarischen Urtexte), und erlernte
darüber hinaus sogar eigens die Muttersprache Jesu, Aramäisch, um auch die Texte
jener im Original lesen zu können, die Jesus persönlich gekannt und sein Leben und
seine Lehren schriftlich festgehalten hatten. Origenes kann also, ohne
Übertreibung, als Universalgelehrter von Weltrang bezeichnet werden. Er ist "Zeuge
höchsten christlichen Wissens und dessen überragender Lehrer. Seine literarische
Hinterlassenschaft stellt bis ins 20. Jahrhundert die umfassendste und tiefste
Erschließung der Bibel dar." (aus der Einleitung des Buches "Origenes der
Diamantene" von Robert Sträuli, 1987). Origenes war zudem der Leiter der berühmten
Katechetenschule von Alexandria (im heutigen Ägypten), wo sich auch die größte
Bibliothek des Altertums befand, mit der umfangreichsten Schriftensammlung der
gesamten damaligen Welt. Viele Fachkenner sind sich darüber einig, daß sich mit
größter Wahrscheinlichkeit dort auch zahlreiche vedische Originaltexte in Sanskrit
befanden, denn es herrschte bereits damals ein reger kultureller und
philosophischer Austausch zwischen den Gelehrten der griechischen, persischen und
indischen Hochkulturen. Diese höchst bedeutende Bibliothek wurde indes im Jahre
389 von einem christlichen Glaubensfanatiker, dem Patriarchen Theophilus, in Brand
gesteckt.
Durch diese bedauernswerte Tat wurde wertvollstes Wissen unwiederbringlich
zerstört, was die historische Forschung heute erheblich erschwert. Es ist jedoch
wichtig zu beachten, daß aufgrund dieser Tatsache keiner der späteren
Kirchengelehrten nach Origenes solche Voraussetzungen für seine wissenschaftliche
Arbeit hatte wie Origenes - auch nicht jene, die später versuchten, seine Lehren
zu widerlegen.
Kurzum: Origenes hatte also Kenntnis sämtlicher verfügbaren Originaldokumente des
Christentums, sowohl der heiligen Schriften der Juden als auch der Evangelien und
Apostelbriefe und der heute als apokryph («unecht») bezeichneten Schriften, und er
verfügte außerdem über fundiertes Wissen der griechischen, persischen und
vermutlich auch der vedischen Philosophie. Er hatte Pythagoras, Platon und Plotin
gelesen und war ein persönlicher Schüler des großen Gelehrten Ammonius Sakkas aus
Alexandria (175-242), des Begründers der neuplatonischen Lehre.
Die umfassende Gelehrsamkeit des Origenes auf theologischem Gebiet veranlaßte den
damaligen Bischof von Alexandria, Demetrius, diesen einmaligen Sachkenner auf
Missionsreisen zu schicken, insbesondere wenn es darum ging,
Meinungsstreitigkeiten unter Theologen zu widerlegen. Wie erwähnt, vertraute er
Origenes auch die Leitung der blühenden Katechetenschule an, verlieh ihm also ein
kirchliches Lehramt.
Der gleiche Bischof Demetrius aber war später auch der erste, der Origenes der
Irrlehre bezichtigte, wobei seiner Handlungsweise jedoch offensichtlich ein rein
egoistisches Motiv, nämlich gekränkte Eitelkeit und Neid, zugrunde lag: Als die
Bischöfe in Caesarea (Palästina), wo sich Origenes längere Zeit zu Lehrzwecken
aufhielt, diesen aufgrund seiner Beliebtheit und Gelehrsamkeit zum Presbyter
(Priester) weihten, sah Demetrius darin einen Eingriff in seine Rechte und
veranlaßte in Origenes' Abwesenheit die Aberkennung seiner Priesterwürde und seine
Verbannung (dies im Jahre 231). Dieser "Fall Origenes" ist in der christlichen
Kirchengeschichte wahrscheinlich das erste Beispiel eines Konfliktes zwischen
einem unabhängigen christlichen Gelehrten und der Autorität der über ihm stehenden
kirchlichen Behörde - das erste Beispiel also für den Kampf um die Wahrheit gegen
den Kampf um die Macht im hierarchischen System. Leider, so muß man allerdings
sagen, bei weitem nicht das einzige und letzte.
In den folgenden Jahrhunderten wurden die Lehren dieses größten aller
Kirchengelehrten, der zu seinen Lebzeiten keinen Sachkenner gleichen Ranges
gekannt hatte, immer wieder der Häresie (Ketzerei) bezichtigt. Dennoch vertraten
einige führende Theologen auch nach Origenes' Tod weiterhin seine Ansichten, so
daß die theologischen Streitigkeiten um seine Lehren mit einem für die heutige
Zeit unvorstellbaren Fanatismus ausgetragen wurden.
Weil, vor allem in Palästina, bis ins 6. Jahrhundert (also 300 Jahre nach seinem
Tode) teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände unter den betroffenen Mönchsgruppen
herrschten, übergaben einige Origenes-Gegner dem im Jahre 542 in Palästina
weilenden päpstlichen Gesandten Pelagius eine Klageschrift an den herrschenden
Kaiser Justinian I. in Konstantinopel (Byzanz). Diese Schrift wie auch andere
Motive führten in der Folge dazu, daß die Lehren des Origenes offiziell aus der
aufstrebenden christlichen Kirche verbannt wurden. Wir werden im Anschluß noch auf
den genauen Verlauf der Beseitigung seiner Lehren zu sprechen kommen. Vorerst
wollen wir aber diese sogenannt "ketzerischen" Ansichten, die zu derartig
tiefgehenden Streitigkeiten und zu solch blutigen Auseinandersetzungen in der
frühchristlichen Geschichte führten, etwas genauer betrachten.
Origenes' Lehre
Origenes verfaßte insgesamt rund 2000 Schriften, die später leider alle
größtenteils zerstört wurden. Seine bis in die heutige Zeit überlieferten Werke
lagen zudem lange Zeit nicht im Original, sondern nur in der lateinischen
Übersetzung des Rufinus von Aquileja vor, der in der Einleitung selbst zugibt, daß
er bei der Übertragung vom Griechischen ins Lateinische gezwungen war, gewisse
Korrekturen im Sinne der kirchlichen Dogmen vorzunehmen. Erst vor wenigen
Jahrzehnten wurden in Ägypten einige Originale von Origenes' Schriften gefunden,
die sich in der Tat von der Übersetzungen des Rufinus an wichtigen Stellen
teilweilse deutlich unterscheiden. Dennoch können wir anhand der überlieferten
Textstellen die Grundzüge seiner Lehre skizzieren: Origenes lehrte, daß es eine
Rangordnung unter den Wissenschaften gebe, an deren Spitze nicht mehr die
Philosophie, sondern vielmehr die Theologie, die Wissenschaft über Gott, zu stehen
habe: "Wenn die Söhne der Weltweisen von Geometrie, Musik, Grammatik, Rhetorik und
Astronomie sagen, sie seien die Mägde der Philosophie, so können wir von der
Philosophie in ihrem Verhältnis zur Theologie dasselbe sagen." Folglich verlangte
er von den Theologen, sämtliche verfügbaren alten philosophischen und
wissenschaftlichen Schriften zu kennen und durchzuarbeiten und allem ein gerechtes
Ohr zu leihen, wofür er selbst das beste Beispiel gab.
In seinen Lehren nimmt Origenes denn auch eine weitgehende, ja für die
Kirchenmacht zu weit gehende Verschmelzung christlicher mit neuplatonischen
Gedanken vor. In seinem Hauptwerk "De principiis" (Von den Grundlehren) beschrieb
er, gleich den Neuplatonikern, das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen (d.h.
den Seelen) wie jenes zwischen der Sonne und dem Glanz, der von ihr ausstrahlt -
ein Vergleich übrigens, der sich, wie erwähnt, bereits im vedischen Visnu Purana
(1.22.53) findet. Jesus steht dabei als Gottes Sohn in gleichem Abstand von beiden
zwischen Gott und den Menschen als Vermittler.
Weiter lehrte Origenes, daß die gesamte Schöpfung - also sowohl die unvergängliche
spirituelle Welt als auch die zeitlich begrenzte körperliche (materielle) Welt -
von Gott geschaffen wurde und daß "kein Wesen existiert, das nicht von Ihm sein
Dasein erhalten hätte". Mit anderen Worten, alle Vernunftwesen (von Origenes
Logika genannt) gehen ewig aus Gott hervor und sind demzufolge selbst auch ewig,
da sie mit Gott verwandt sind. Im Urzustand waren alle Logika nichtmaterielle
Wesen und gaben sich der unmittelbaren Schau ihres gemeinsamen Vaters hin.
Interessant ist an dieser Stelle auch der Vergleich des zusammenhängenden Welt-,
Gottes- und Menschbildes des Origenes mit den entsprechenden Aussagen der
Bhagavad-gita, die ihm, dem großen Gelehrten, aller Wahrscheinlichkeit nach
bekannt war:
Gott sprach: Ich bin der Ursprung sowohl der spirituellen als auch der
materiellen Welt. Alles geht von Mir aus. Die Weisen, die dies vollkommen
verstanden haben, beschäftigen sich in Meinem hingebungsvollen Dienst und
verehren Mich von ganzem Herzen. (Bg. 10.8)
Alle Lebensformen werden durch Geburt in der materiellen Natur ermöglicht, und
Ich bin der samengebende Vater. (Bg. 14.4)
Die individuellen Unterschiede zwischen den "himmlischen, irdischen oder
unterirdischen Wesen", so lehrte Origenes, sind erst durch den Fall, das Wegfallen
von Gott, entstanden. Grund und Ursache dieses Falles sind demnach nicht im
Schöpfer zu suchen, sondern in den Lebewesen selbst, da, wie er schreibt, "die
Ursache der Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit unter den einzelnen Geschöpfen
von ihren eigenen Bewegungen herrührt, die teils lebhafter, teils träger sind,
entsprechend ihrer Tugend und Schlechtigkeit, nicht aber aus ungleicher Behandlung
durch den Ordner der Welt." Auch hier ist die Parallele zur vedischen Lehre der
drei Erscheinungsweisen (Gunas) unübersehbar:
Die materielle Natur besteht aus drei Erscheinungsweisen - Tugend, Leidenschaft
und Unwissenheit. Wenn das Lebewesen mit der Natur in Berührung kommt, wird es
durch diese Erscheinungsweisen bedingt. (Bg. 14.5)
Man sollte verstehen, daß die materielle Natur und die Lebewesen anfanglos sind.
Ihre Umwandlungen und die Erscheinungsweisen der Materie sind Produkte der
materiellen Natur. Die Natur gilt als die Ursache aller materiellen Ursachen und
Wirkungen, wohingegen das Lebewesen die Ursache der verschiedenen Leiden und
Genüsse in dieser Welt ist. So folgt das Lebewesen in der materiellen Natur den
Wegen des Lebens und trifft mit Gut und Schlecht in den verschiedenen
Lebensformen zusammen. (Bg. 13.20-22)
Gemäß Origenes ist bestimmend für den Ort, an dem sich ein Vernunftwesen aufgrund
seiner "eigenen Bewegung" befindet, sein eigener freier Wille, den ihm der
Schöpfer als größtes Geschenk mitgegeben hat und durch den es der Seele möglich
ist, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Er schreibt:
Denn der Schöpfer gewährte den Intelligenzen, die er schuf, willensbestimmte,
freie Bewegungen, damit in ihnen eigenes Gut entstehe, da sie es mit ihrem
eigenen Willen bewahrten. Doch Trägheit, Überdruß an der Mühe, das Gute zu
bewahren, und Abwendung und Nachlässigkeit gegenüber dem Besseren gaben den
Anstoß zur Entfernung vom Guten.
Auch bei einem anderen großen Kirchengelehrten, dem frühen Dalmatier Hieronymos
(347-419), dessen größte Leistung die erste lateinische Bibelübersetzung (die
"Vulgata") war, vereinigen sich klassisch-griechische und biblische
Überlieferungen. In seinen "Epistulae" heißt es:
Alle körperlosen und unsichtbaren vernünftigen Geschöpfe gleiten, wenn sie in
Nachlässigkeit verfallen, allmählich auf niedere Stufen herab und nehmen Körper
an je nach Art der Orte, zu denen sie herabsinken: zum Beispiel erst aus Äther,
dann aus Luft, und wenn sie in die Nähe der Erde kommen, umgeben sie sich mit
noch dichteren Körpern, um schließlich an menschliches Fleisch gefesselt zu
werden... Dabei wechselt der Mensch seinen Körper ebensooft, wie er seinen
Wohnsitz beim Abstieg vom Himmel zur Erde wechselt.
Und in einem Brief an Demetrius schreibt Hieronymos, daß "die Reinkarnationslehre
unter den ersten Christen als geheime, den Laien nicht offenbarte Überlieferung
behandelt und nur den Auserlesenen erklärt wurde."
Aus diesen Zeugnissen geht hervor, daß sowohl Origenes als auch andere bedeutende
frühchristliche Theologen, Philosophen und Kirchenlehrer - so zum Beispiel auch
Justinus der Märtyrer (100-165), Tatian (2. Jhd.), Clemens von Alexandria
(150-214), Gregorios von Nyssa (334-395), Synesios von Kyrene (370 413) oder auch
der Hl. Augustinus (354-430) und der Bischof Nemesios von Emesa (um 400-450) - die
Ansicht vertraten, daß die Seelen der Menschen schon vor der Entstehung der
materiellen Welt vorhanden waren. Mit anderen Worten, all diese frühen
Kirchenlehrer waren von der später so umstrittenen Präexistenz der Seele
vollständig überzeugt. Diese wiederum ist, wie bereits dargelegt, eine wichtige
Voraussetzung für die Reinkarnationslehre und wird außerdem durch die folgende
Bibelstelle bestätigt:
Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe
ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich
geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jer 1,4-5)
In "De principiis" vertritt Origenes denn auch ganz direkt die Prinzipien von
Karma und Reinkarnation. Es heißt dort beispielsweise:
Wenn man wissen will, weshalb die menschliche Seele das eine MaL dem Guten
gehorcht, das andere Mal dem Bösen, so hat man die Ursache in einem Leben zu
suchen, das dem jetzigen Leben voranging. Jeder von uns eilt der Vollkommenheit
durch eine Aufeinanderfolge von Lebensläufen zu. Wir sind gebunden, stets neue
und stets bessere Lebensläufe zu führen, sei es auf Erden, sei es in anderen
Welten. Unsere Hingabe an Gott, die uns von allem Übel reinigt, bedeutet das
Ende unserer Wiedergeburt.
Und an einer anderen Stelle schreibt er:
Aufgrund einer Anziehung an das Böse nehmen bestimmte Seelen Körper an, zunächst
einen menschlichen. Nachdem ihre Lebensspanne als Mensch dann abgelaufen ist,
wechseln sie aufgrund irrationaler Begierden in einen Tierkörper über, von wo
sie auf die Ebene von Pflanzen sinken. Aus diesem Zustand erheben sie sich
wieder, indem sie die gleichen Stufen durchlaufen, und kehren zu ihren
himmlischen Orten zurück.
Nach Origenes besteht also letztlich der Sinn und Zweck allen Lebens innerhalb der
materiellen Welt darin, daß sich die Seelen durch viele Inkarnationen hindurch
läutern und veredeln, bis alle, durch Befolgen der Gebote Jesu und durch ihre
Liebe und Hingabe zu Gott, schließlich wieder in die ewige Gemeinschaft Gottes
gelangen:
Denn Gott lenkt die Seelen nicht nur im Hinblick auf die, sagen wir, fünfzig
oder sechzig Jahre dieses irdischen Lebens, sondern auf die unendliche Ewigkeit;
denn Er hat die geistige Substanz unvergänglich gemacht und Ihm selbst verwandt,
und die vernünftige Seele ist nicht von der Heilung ausgeschlossen, als wäre sie
auf das Leben hier auf Erden beschränkt... Diese [Rückkehr zu Gott] muß mam sich
aber nicht als ein plötzliches Geschehen vorstellen, sondern als ein
allmähliches, stufenweise im Lauf von unzähligen und unendlich langen Zeiträumen
sich vollziehendes, wobei der Besserungsprozess langsam den einen nach dem
anderen erfaßt; einige eilen voraus und streben rascher zur Höhe, andere folgen
in kurzem Abstande, und wieder andere weit hinten; und so gibt es zahllose
Stufen von Fortschreitenden, die aus der Feindschaft zur Versöhnung mit Gott
kommen, und am Ende steht der "letzte Feind", welcher der "Tod" genannt wird,
und der ebenfalls vernichtet wird, auf daß er nicht länger ein Feind sei.
Diese letzte Aussage bezieht sich auf die Bibelstelle 1 Kor 15,26, die Origenes
wie folgt erklärt:
Die Vernichtung des letzten Feindes ist aber so zu verstehen, daß nicht seine
von Gott geschaffene Substanz vergeht, sondern seine feindliche Willensrichtung,
die nicht von Gott, sondern von ihm selbst stammt. Er wird also vernichtet,
nicht um künftig nicht zu sein, sondern um künftig nicht mehr "Feind" und "Tod"
zu sein.
Auch gemäß der vedischen Theologie besteht die einzige Möglichkeit für die Seele,
aus dem Kreislauf der Seelenwanderung auszubrechen - also "den letzten Feind,
welcher der Tod genannt wird" zu bezwingen -, darin, daß sie sich von ihrer
feindlichen Gesinnung Gott gegenüber abwendet und sich Ihm wieder zuwendet:
Diejenigen, die Mich verehren, die all ihre Tätigkeiten Mir weihen, Mir ohne
Abweichung hingegeben sind, sich im hingebungsvollen Dienst beschäftigen und
immer über Mich meditieren, indem sie ihren Geist fest auf Mich richten - sie
befreie Ich sehr schnell aus dem Ozean von Geburt und Tod. (Bg. 12.6-7)
Die Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation
Wie gesagt ist es höchst bedauerlich, daß das Gesamtwerk der Lehren Origenes'
nicht mehr in vollem Umfang und im Original vorliegt, sondern aus den Schriften
anderer, die teilweise seine Gegner waren, rekonstruiert werden mußte. Die
Zeugnisse des Wissens um Karma und Reinkarnation sind jedoch trotzdem noch so
zahlreich, daß es verwundert, daß und wie es gelingen konnte, sie später bis in
die heutige Zeit als bedeutungslos hinzustellen oder zu verschweigen.
Hier finden wir ein Beispiel dafür, wie viel die institutionalisierte Kirche im
Laufe der Zeit vom ursprünglichen Gedankengut wegschnitt und abtrennte, um ihr
eigenes, enges, selbstgeschaffenes Lehrgebäude zu errichten. Ja, sie beraubte das
Christentum, dessen Verwalter sie zu sein behauptet, um Teile des grundlegenden
Wissens über die Zusammenhänge, die den Unterweisungen Jesu Christi für die
Menschheit erst Sinn geben. Und die herausgebrochenen Teile dieses Fundaments
wurden dann notdürftig mit blinden Dogmen ersetzt.
Bei der exakten Untersuchung dieser Sachverhalte steht die heutige historische
Wissenschaft vor dem Problem, daß zahlreiche Glaubensfanatiker der Vergangenheit
oftmals bedenkenlos historische Zeugnisse vernichtet und verfälscht haben und ihre
Meinungsgegner nicht nur mit geistigen, sondern vor allem mit politischen oder
kriegerischen Mitteln bekämpften. Der aus einem solchen Kampf hervorgegangene
Sieger pflegte dann seine Anschauung als die alleingültige Wahrheit zu verkünden.
Will man daher heute feststellen, ob die Lehre der Reinkarnation tatsächlich im
Urchristentum enthalten war, muß man auch die politischen Hintergründe jener Zeit
aufhellen.
Wie wir bereits ausführten, hatte das frühe Christentum in der Zeit des Origenes
noch keine festen Dogmen gekannt, und unter dem Begriff der Kirche wurde noch
keine feste Institution verstanden. Die Entwicklung der Kirchenlehre war also
hauptsächlich von gewissen theologischen Lehrsätzen bestimmt gewesen, die an
Kirchenversammlungen festgelegt worden waren. Erst nachdem das Christentum im 4.
Jahrhundert römische Staatsreligion geworden war, entstanden die ersten Dogmen,
wobei der Entstehung dieser kirchlichen Glaubenssätze bekanntlich keine innere
Systematik zugrunde lag. Sie wurden nicht als allgemeingültige Glaubenswahrheiten
verfaßt, sondern waren ursprünglich Leitsätze zur Abwehr gewisser
Glaubensauffassungen, die mit kirchlichen Interessen nicht übereinstimmten und
daher zu Irrlehren erklärt werden mußten.
Offiziell nach dem Konzil zu Nicaa (das erste große Konzil der Kirchengeschichte)
im Jahre 325 - aber, wie anzunehmen ist, auch schon vorher - begann die bewußte
Abänderung oder gar Ausmerzung mißliebiger oder unverstandener Stellen in den
Schriften des Neuen Testaments. Von kirchlichen Behörden eigens zu diesem Zwecke
ernannte Corrctores wurden bevollmächtigt, Schrifttexte im Sinne dessen zu
"korrigieren", was nach Ansicht der Machthaber als richtig galt. Es ist
wahrscheinlich, daß in jener Zeit zahlreiche Stellen des Neuen Testaments, welche
die Reinkarnationslehre betrafen, entfernt wurden.
Diese Praxis wurde auch durch die folgenden drei ökumenischen Konzilien nicht
aufgehalten - Konstantinopel (381), Ephesus (431) und Chalcedon (451). Im
Gegenteil, diese arbeiteten Jesus Christus immer klarer als den einzigen Erlöser
unseres Zeitalters heraus und stellten jedem "wahren" Christen die Befreiung aus
der Sterblichkeit des materiellen Körpers alleine durch das Annehmen Christi und
seiner Kirche! - in Aussicht. Dadurch wurde natürlich die Lehre der Reinkarnation
zusehends verdrängt, da sie für den "wahren" Christen nicht mehr zutreffend (und
auch nicht mehr erwünscht) war, bis sie schließlich auf dem nächsten, dem fünften
Konzil (Konstantinopel, 553) endgültig abgeschafft wurde.
Liest man die Geschichte der Konzilien und der Entstehung der Dogmen nach, muß man
zudem feststellen, daß diese vielfach von heftigen Auseinandersetzungen über den
rechten Glauben begleitet war. Hierbei ging es meist nicht so sehr um die
Grundsätze der Religion oder um das Wohl der Gläubigen, als vielmehr um die
Führungsrolle und den Einfluß der Kirche. Da es sich also letztlich um eine
politische Entscheidung handelte, welche Auffassung sich durchsetzte, muß man
davon ausgehen, daß in den Dogmen in erster Linie eigennützige kirchliche
Interessen ihren Niederschlag fanden. Die spätere Erklärung, bei der Entstehung
der Dogmen habe der heilige Geist mitgewirkt oder sie seien gar von Gott
offenbart, ist unter diesen Voraussetzungen wenig glaubwürdig.
In diesem Umfeld müssen wir auch die Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation
betrachten, deren Verlauf im folgenden kurz dargestellt werden soll. Aus
vielfältigen, zum Teil machtpolitischen und zum Teil egoistisch-menschlichen
Gründen waren also nach dem Tode des Origenes zahlreiche theologische
Streitigkeiten um seine Lehren entbrannt, insbesondere auf dem Gebiet der
Eschatologie, der "Lehre von den letzten Dingen". Und weil Origenes als die
überragende Gestalt der frühen Kirche überall anerkannt wurde - er galt als die
Autorität schlechthin, und Gegner wie Befürworter beriefen sich auf ihn -,
verknüpfte man das Wissen um die Reinkarnation immer mehr mit seinem Namen.
Der Streit und die innerkirchlichen Intrigen um Origenes wurde im Verlauf der
darauffolgenden Jahrhunderte immer heftiger und forderte immer dringender eine
endgültige Entscheidung. So kam es in der Mitte des 6. Jahrhunderts schließlich zu
einem folgenschweren Ereignis, welches in der Konsequenz die Verdrängung und
Beseitigung der Reinkarnationslehre aus dem institutionalisierten Christentum
auslöste.
Die Synode zu Konstantinopel (543)
Auf Drängen des byzantinischen Kaisers Justinian I. (527-565) wurde im Jahre 543
in Konstantinopel eine Synode der Ostkirche einberufen, die das erklärte Ziel
hatte, die theologischen Differenzen um die Lehren des Origenes (der 300 Jahre
zuvor gelebt hatte!) ein für allemal zu beenden. Diese Lehren wurden, ohne
Rücksicht auf die Haltung des damaligen römischen Papstes Vigilius, durch die
Synode mit neun Anathemata (Bannflüchen) belegt, wobei der für die Frage der
Seelenpräexistenz und der Reinkarnation entscheidende erste Bannfluch lautet:
Wenn einer sagt oder meint, die Seelen der Menschen seien präexistent gewesen,
insofern sie früher Geistwesen und heilige Mächte gewesen seien, es habe sie
aber Überdruß ergriffen an der Schau Gottes und sie hätten sich zum Schlechten
gewendet, darum sei die göttliche Liebe in ihnen erkaltet ... und seien zur
Strafe in Körper hinabgeschickt worden - der sei anathema
(verflucht).
Außerdem wurden (im neunten Bannfluch) auch all diejenigen verflucht, die nicht
glauben würden, daß es eine ewige Bestrafung der Dämonen und gottlosen Menschen
gebe. All diese Verfluchungen geschahen auf die äußerst persönlich motivierte
Anweisung von Kaiser Justinian (und dessen intriganter Gemahlin Theodora), der
sich selbst als Oberherrn der Kirche verstand. Über diesen zwielichtigen Kaiser
schreibt der Historiker Georg Ostrogorsky in seiner "Geschichte des byzantinischen
Staates" (in: "Handbuch der Altertumswissenschaft", 1963):
Auch als Christ blieb Justinian Römer, und die Idee einer Autonomie der
religiösen Sphäre war ihm völlig fremd. Päpste und Patriarchen behandelte er als
seine Diener. In derselben Weise wie er das Staatswesen leitete, dirigierte er
auch das Kirchenleben, in jede Einzelheit der Kirchenverfassung persönlich
eingreifend. (S. 65)
Noch deutlicher drücken es B. Altaner und A. Stuiber in "Patrologie - Leben,
Schriften und Lehre der Kirchenväter" (1966) aus:
Mit terroristischer Politisierung der Theologie versuchte Justinian, die
geistigen Anreger der Vergangenheit und Gegenwart zu verketzern, hatte aber auch
den Ehrgeiz, selbst als theologischer Schriftsteller zu glänzen. (S. 513)
Und Hermann Bauer schreibt in "Der Einfluß Ostroms" (1982):
Umso leichter hatte es Kaiser Justinian, da in Rom Papst Vigilius residierte,
der wegen der Ostgotengefahr auf militärische Hilfe des Kaisers angewiesen war
und darüber hinaus eine Marionette der Kaisergemahlin Theodora war, der er das
Papstamt (537) letztlich verdankte. Die Persönlichkeit des Kaisers, die
allgemeine Kriegssituation im oströmischen Reich und dazu die drohende Gefahr,
in Palästina durch origenistisch gesinnte Mönchsgruppen noch einer zusätzlichen
innenpolitisch-religiösen Kriegsfront gegenüberzustehen, diese Gründe gaben das
politische Motiv zur Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation.
Ein weiteres Motiv gab Justinians ehrgeizige und herrschsüchtige Frau Theodora.
Sie war (nach Procopius) die Tochter eines Bärenwärters im Amphitheater von Byzanz
gewesen. Ihren kometenhaften Aufstieg zur Herrscherin des Reiches begann sie als
Kurtisane. Um mit ihrer schändlichen Vergangenheit ganz zu brechen, ließ sie
später als sittenstrenge Kaiserin 500 ihrer ehemaligen Berufsgenossinnen
mißhandeln und martern. Da sie nach den Gesetzen des Karma (die Origenes in seinen
Schriften "De principiis" und "Contra Celsum" unmißverständlich bejaht hatte) in
einem späteren Leben für diese Greueltaten hätte büßen müssen, wirkte sie nun beim
Kaiser darauf hin, die Wiedergeburtslehre einfach abzuschaffen. Von der
Wirksamkeit dieser Aufhebung durch einen "göttlichen Beschluß" muß sie ganz und
gar überzeugt gewesen sein.
Aus welchen fragwürdigen Motiven auch immer - Tatsache ist, daß an der Synode der
Ostkirche im Jahre 543 Origenes' Lehren verdammt wurden. Die Bannflüche wurden
daraufhin unter dem unnachgiebigen Druck Kaiser Justinians von sämtlichen
Patriarchen unterzeichnet, einschließlich Papst Vigilius', der 544 eigens zu
diesem Zwecke fast gewaltsam nach Konstantinopel gebracht wurde. Mit ihrer
Unterzeichnung reihte die Kirche den bedeutendsten und herausragendsten Theologen
des frühen Christentums, Origenes, aus rein weltlichen Gründen unter die
ketzerischen Irrlehrer. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß in der Folge in den
kirchlichen Dokumenten aufs neue alles entfernt oder verändert wurde, was gegen
diese dogmatischen Lehrsätze sprach. Die heutige Geschichtsforschung muß sich also
auf Stellen stützen, die offenbar übersehen wurden.
Das Konzil zu Konstantinopel (553):
Ein historischer Irrtum
Origenes' Lehre von der Präexistenz und der Reinkarnation der Seele wurde dann
zehn Jahre später, also 553, durch das fünfte ökumenische Konzil zu
Konstantinopel nochmals verurteilt, wobei inhaltlich ungefähr dieselben
Bannflüche wie zehn Jahre zuvor ausgesprochen wurden. Dadurch wurde die
Reinkarnationslehre offiziell zur "heidnischen Irrlehre" erklärt und rechtmäßig
abgeschafft, und somit ist es jedem gläubigen und kirchentreuen Christen seitdem
strengstens verboten, an die Reinkarnation zu glauben... - Dies jedenfalls glauben
bis zum heutigen Tage praktisch alle Kirchenhistoriker sowie auch der überwiegende
Teil der weltweiten Christenheit.
Tatsächlich aber fiel das urchristliche Wissen um die Reinkarnation im Jahre 553
einem fatalen historischen Irrtum zum Opfer. Denn die vermeintlich offizielle
Verfluchung der Wiedergeburtslehre war, wie oben beschrieben, lediglich auf eine
persönlich motivierte Machtdemonstration des byzantinischen Kaisers Justinian
zurückzuführen.
Entweder gingen bedeutende Teile der Konzilsakten, die den Fall Origenes betrafen,
durch "Zufall" verloren oder wurden später aus irgendwelchen Gründen gefälscht,
oder aber - was wahrscheinlicher ist - es wurde an den acht offiziellen
Konzilssitzungen über Origenes und seine Verfluchung gar nicht verhandelt! Denn
die Sitzungen befaßten sich laut Protokoll lediglich mit dem Streit um drei von
Justinian als Ketzer bezeichnete Gelehrte (den sogenannten "drei Kapiteln"), gegen
die der Kaiser schon vier Jahre zuvor ein Edikt erlassen hatte. Von Origenes
jedoch ist keine Rede. Auch die folgenden Päpste Pelagius I. (556-561), Pelagius
II. (579-590) und Gregorius (590-604) reden vom fünften Konzil, ohne Origenes auch
nur zu erwähnen. Doch obwohl über Origenes in den Konzilssitzungen offenbar nicht
verhandelt wurde, findet sich im 11. Canon des Konzils der folgende Bannfluch:
Wer nicht verflucht... Origenes samt seinen gottlosen Schriften und alle anderen
Häretiker, welche verflucht sind von der heiligen katholischen und apostolischen
Kirche..., der sei verflucht.
Vermutlich wurde dieser seltsame Bannfluch von Kaiser Justinian vor Eröffnung des
Konzils den Patriarchen vorgelegt, die dann zur Unterzeichnung genötigt
wurden.
Interessant ist auch, daß Papst Vigilius bewußt an keiner einzigen Sitzung
teilnahm, obwohl er sich auf Geheiß des Kaisers während der fraglichen Zeit (5.
Mai bis 2. Juni 553) in Konstantinopel aufhielt. Aus diesem Grunde stand dem
Konzil nicht wie üblich der Papst vor, sondern der Patriarch von Konstantinopel,
Eutychius, ein treuer Diener Kaiser Justinians. Ebenfalls interessant ist, daß von
den anwesenden 165 Bischöfen nur einige wenige aus den Westländern zugelassen
waren, während die anderen eine Teilnahme unter diesen Voraussetzungen ablehnten.
Das heißt: Das Konzil zu Konstantinopel war praktisch eine ganz persönliche
Versammlung Kaiser Justinians, auf dem er mit seinen von ihm abhängigen Vasallen
(gegen den Protest des Papstes und der römischen Bischöfe) die Lehre von der
Vorexistenz der Seele willkürlich mit Fluch und Bann belegte und damit der
ursprünglich christlichen Lehre der Reinkarnation die Grundlage entzog.
(Aufgrund der Tatsache, daß sich Papst Vigilius geweigert hatte, am Konzil zu
Konstantinopel teilzunehmen, wird von einigen fortschrittlichen katholischen
Gelehrten neuerdings bezweifelt, ob dieses Konzil und die damaligen "Beschlüsse"
überhaupt für die Katholiken kirchenrechtliche Gültigkeit besitzen, ob, mit
anderen Worten, die Lehre von der Reinkarnation nicht nach wie vor ein Teil des
kirchlichen Gedankengutes sei...)
Das vierwöchige Konzil endete am 2. Juni 553, aber erst am 8. Dezember 553
unterzeichnete Papst Vigilius unter dem unnachgiebigen Druck des Kaisers und aus
Angst vor der Exkommunikation (!) und vor der Ernennung eines Gegenpapstes
schließlich die Konzilsakte - vermutlich ohne etwas über die vorherigen
Abmachungen gegen Origenes zu wissen. "Alles in allem also eine höchst
zweifelhafte Angelegenheit. Von Rechtmäßigkeit keine Spur!", schreibt Rudolf
Passian in seinem Buch "Wiedergeburt - Ein Leben oder viele?" (S. 223).
Wer sich in kurzer Form über die Art, wie man Glaubensdifferenzen zu Zeiten der
ersten fünf ökumenischen Konzilien auszutragen pflegte, informieren möchte dem sei
die kleine Schrift von Dr. iur. Robert Kehl, "Ein sonderbarer Heiliger Geist",
empfohlen. Kehl fordert von den Kirchen, "wenn sie wieder glaubwürdig werden
wollen", eine klare Distanzierung von jenen Konzilien und den dort (vor dem
Hintergrund von Terror und Intrigen) gefaßten Beschlüssen.
Der Reinkarnationsglaube ist nicht unchristlich
Der dubiose Bannfluch Kaiser Justinians 300 Jahre nach Origenes' Tod ist von der
Kirche bis heute offiziell nicht revidiert worden. Im Gegenteil setzte sich die
Überzeugung, der Fluch sei ein Teil der gültigen Konzilsbeschlüsse, trotz aller
Ungereimtheiten im Laufe der Jahrhunderte allmählich im Denken der Kirche fest.
Dennoch bleibt es eine Tatsache, daß das vermeintliche Verbot der
Reinkarnationslehre, wenn wir es genauer betrachten, nichts weiter ist als ein
Geschichtsirrtum ohne jede ökumenische Gültigkeit.
Oder anders ausgedrückt: Es ist den Christen nicht offiziell verboten, an
Reinkarnation zu glauben! - Die Reinkarnationslehre ist dem Christentum durchaus
nicht fremd, wohl aber dem Kirchentum...
Denn später wurde die Reinkarnationslehre von der Kirche im Konzil zu Lyon (1274)
und im Konzil zu Florenz (1439) erneut aufs schärfste verurteilt. Daraufhin wurden
die Anhänger dieser Lehre unerbittlich verfolgt und oft sogar hingerichtet. Das in
diesem Zusammenhang wohl berühmteste Beispiel ist der bereits in Kapitel 5
erwähnte italienische Gelehrte und ehemalige Dominikanermönch Giordano Bruno
(1548-1600). Für sein philosophisches Bekenntnis zur Lehre der Seelenwanderung
brachte man ihn im Jahre 1592 vor das christliche Inquisitionsgericht, das ihn
nach langer Gefangenschaft schließlich zum Feuertode verurteilte. Am 17. Februar
1600 wurde er auf dem Campo dei Fiori in Rom öffentlich auf dem Scheiterhaufen
verbrannt.
Als Gründe für diese Praxis wurden angegeben, daß der Reinkarnationsgedanke im
Widerspruch zu verschiedenen christlichen Dogmen der Eschatologie (Lehre von den
letzten Dingen) stünde, so zum Beispiel zum Dogma der Auferstehung des Leibes oder
zur Grundlehre, daß sich in diesem einen Leben das Heil oder Unheil des Menschen
entscheide und daß die Seele unmittelbar nach diesem einen Erdenleben in den
ewigen Himmel oder in die ewige Hölle gehe. Außerdem beinhalte sie von der Kirche
verurteilte Meinungen wie die der anima separata (vom Leib unabhängige Seele) oder
der Präexistenz der Seele.
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