Datum:  So 1, Sep 2002  14:16
Betreff:  Re: [vaishnavatum] Umwandlung

Antwort an Giri

Haribol Giri


> Haribol,
> vielleicht war ich ein wenig geschockt, weil meine ganze Krsnaliteratur
> (Gita,das gesamte Bhagavatam) sind ein Opfer der Fluten geworden, und wenn man
> dann gleich eine mail bekommt, das Krsna für alles sorgt und alles bewahrt,
> klingt es ein wenig wie ein Schlag ins Gesicht.

Das kann ich gut nachvollziehen. Die hier widergegebene spirituelle Betrachtungsweise - alles ist Krsnas Segen -, ist zwar richtig und ein für das Bewusstsein beruhigender Gedanke. Steckt man jedoch persönlich knüppeltief in der Misere, hilft nur das tief verinnerlichte Wissen und nicht das gelernte Wissen, das den Weg vom Kopf zum Herzen noch nicht geschafft hat. Ehrlich gesagt, ich würde in Deiner Lage wohl ähnlich empfinden und würde unserem Krsna wohl so einiges erzählen, wie sein "Kümmern" auf mich wirkt. Aber ich kann auch den philosophischen Aspekt sehr gut sehen, fällt es einem aus der sicheren Distanz doch leicht - solange man die wenigen veröffentlichten Einzelschicksale nicht an sein Herz heran lässt -, ein solches Desaster distanziert und rein philosophisch zu analysieren. Das ist vielleicht ein Nachteil der modernen Nachrichtentechnik. Es gibt so viel Elend zu sehen, zu lesen oder zu hören, dass eine gewisse innere Gefühlsdistanz schon fast unabdingbar ist, ein notwendiger Selbstschutz. Diesen Selbstschutzmechanismus kennst Du bestimmt auch von Dir selbst.


> (Also, wer da was übrig hat (kann man ne Gita übrig habenß), kann sie ja an
> Chr. Lindner, Kirchplatz 2, 01279 Dresden senden, Spendenaufrufe sind ja
> inzwischen in).


Ich habe keine übrige Gita, könnte Dir aber ein paar Bücher von Walther Eidlitz zukommen lassen. Schreib mir an -----Email----- was Du gerne haben würdest. Ich bin sicher, mit der Hilfe von allen 50 Mitlesern im Forum hier, wird sich Deine Bibliothek wieder rasch füllen.

> Ansonsten stimmt es schon, andere hat es viel schlimmer getroffen, aber
> andererseits kann ich auch nichteinfach mit einem Hare Krsna über das ganzer
> Leid
> hinweggehehen. Schlammschippen war zur Zeit wichtiger.

Schlammschippen und gleichzeitig über Krsna meditieren, wenn das in der momentanen Gefühlslage möglich ist.

> Zum anderen, daß alles nur mein Schlechtes Karma (daweile hab ich das doch
> erst letztes Jahr durch den Jaganath-Umzug losgeworden), bei
> Umweltkatastrophen find ich das schwierig zu glauben, das alle Menschen dann
> das selbe Karma haben.

Was ist schon schlechtes Karma? Auf jeden Fall ist «Karma» ein äusserst komplexes Thema. Ein kleines Beispiel:
Jemand wird in der Familie eines Millionärs geboren. - Gutes Karma auf den ersten Blick.
Er hätte die Freiheit, sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen, die Möglichkeit, vielen Menschen zu helfen. Jedoch verursacht der grosse Reichtum sehr oft eine gewisse Arroganz, ein Sich-Besser-Fühlen-Als-Andere, verbunden mit einem spirituellen Desinteresse.
So sind die äusseren Umstände nicht automatisch eine Richtschnur für "gutes" oder "schlechtes" Karma. Erst das «wie die individuelle verkörperte Seele mit den äusseren Umständen umgeht» kann zeigen, ob es sich in diesem individuellen Fall um gutes oder schlechtes Karma handelt.

Ich glaube auch nicht, dass auch nur ein Mensch genau dasselbe Karma wie ein anderer hat. Der Begriff «Massenkarma» wurde meines Wissens erst in neuerer Zeit formuliert und durch verschiedene New-Age-Bücher verbreitet. Aus der Sanskrit-Sprache wäre mir kein entsprechender Begriff bekannt. Die Wortwahl ist selbst bei einem so grossen Ereignis wie jetzt unrichtig, weil nicht jeder in gleichem Ausmass betroffen ist (materiell) und vor allem nicht jeder gleich damit umgeht. Es hat also - wie das Karma definiert ist - völlig individuell verschiedene Auswirkungen. Mal von den rein materiell messbaren Effekten abgesehen, sind die psychologischen Folgen ganz unterschiedlich. Manche nehmen es vielleicht zum Anlass, nach Gott zu suchen, den Sinn des Lebens zu erforschen und für andere ist es der letzte "Beweis" für die Nichtexistenz Gottes oder der Beginn erster Zweifel am eigenen Gottesverständnis.
Das ist jetzt alles ganz grob von mir gezeichnet, zeigt aber, wie sich selbst bei «Massenereignissen» das Karma vollständig individuell auswirken kann.

> Ausserdem ist Gott fein raus: Alles gute ist ein Segen Gottes und alles
> schlechte unser schlechtes Karma. Ist das nicht ein wenig zu einfach
> gestrickt?

Im Karma sind sowohl die angenehmen wie auch die unangenehmen Reaktionen mit eingeschlossen. Also auch alles Gute, das uns widerfährt, ist eine Reaktion auf vergangene gute Handlungen. Die Denkart des Vaishnava sieht aber den höchsten Herrn als Lenker der sich manifestierenden karmischen Reaktion (die Ursache sind immer die vergangenenHandlungen der Lebewesen - gut und schlecht). Wenn Leid kommt, denkt der gottliebende Vaishnava: "Lieber Krsna, danke, dass Du mir so wenig Leid zugeführt hast, denn aufgrund meiner vergangenen Taten hätte ich viel mehr Leid verdient." Der Vaishnava sieht sowohl im Leid als auch in der Freude den höchsten Herrn. Diese Sichtweise kommt aber nicht vom Kopf, sondern sie lebt im Herzen, das in zunehmender Liebe mit Krsna verbunden ist. Imitation dieser Sichtweise und spirituellen Gefühle ist schlicht nicht möglich und würde nur in Frustration enden, im schlimmstenn Fall gar in der Abwendung von Gott.
Jeder steht an einem bestimmten Punkt seiner spirituellen Entwicklung, und es bleibt einem keine andere Wahl, als sich mit den Dingen des Lebens von dort aus auseinanderzusetzen, wo man selbst steht.

> Ich hoffe das soviel kritische Gedanken hier erlaubt sind.
> Euer Giri


Dieses Mail-Forum wurde von mir für den kritisch-konstruktiven Gedankenaustausch ins Leben gerufen. Also keine Angst! Geäusserte Kritik oder Zweifel ermöglichen eine innere Auseinandersetzung und vielleicht stehen wir auch mal unseren eigenen Ängsten gegenüber. Das kann meines Erachtens nicht schaden. Wir möchten ja alle unsere spirituelle Liebe erwecken. Furcht, Angst oder Zwang sind aber auf dem Pfad der Liebe keine guten Ratgeber.

Meine besten Wünsche
Gaurahari d.


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