Die Kraft Gottes
1. Die zum Zentrum allen Seins hinziehende Kraft
2. Die vom Zentrum allen Seins fortschleudernde Kraft / Die drei Gunas der Maya /
3. Die Kraft an der Grenze - Die Jiva-Atmas
Die zu Krsna gehörige Cit-Sakti ist die von Ihm ungetrennte Kraft des ewigen Seins, der vollen Wissens- oder Erkenntniskraft und des unendlichen Glücks (sac-cid-ananda) in ihrem dynamischen Leben. In einer besonderen Manifestation heisst sie Lila-Sakti oder Yoga-maya. Sie gestaltet Gottes Spiel (Lila). Unablässig zieht sie die Atmas zu Gott hin. Deshalb heisst sie auch Akarsana-Sakti (die Kraft, die anzieht); man kann sie mit der Zentripetalkraft der Physik vergleichen. Auch die genannten sechs grossen Gottesfüllen sind Manifestationen von Gottes innerer Kraft, der Cit-Sakti (auch Svarupa-Sakti genannt).
Im Visnu-Puranam wird diese höchste Kraft als eine Dreiheit dargestellt:
"In Dir, der Du aller Urgrund bist, findet sich die einzig Dir eigene Kraft, als Hladini, Sandhini und Samvit." (Visnu-Puranam I,12.48)
Jiva Gosvami beschreibt diese Saktis oder Kräfte folgendermassen:
"Durch welche das SEIN (Gottes) gegründet ist und auch anderen mitgeteilt wird, durch welche auch alles Sein der Dinge, der Zeit und des Orts verursacht wird, das ist die Sandhini-Sakti (die Kraft des ewigen Seins).
Deren Wesen Erkenntnis ist und durch welche Erkenntnis mitgeteilt wird, das ist die Samvit-Sakti (die Kraft der Erkenntnis und des wahren Wissens).
Deren Wesen Glück ist und durch welche diese höchste Erkenntnis, die reines Glück ist, auch anderen erkenntlich gemacht wird, das ist die Hladini-Sakti (die Kraft der sich ewig steigernden Glückseligkeit)."
Die Samvit-Sakti wird auch Bhakti genannt. Es ist die Erkenntniskraft Gottes, durch die Er Sich Selbst erkennt, und durch die auch andere Ihn erkennen können.
Die Hladini-Sakti heisst auch Premabhakti. Es ist Gottes eigene Kraft, die Ihm Selbst Glück schenkt und durch die diese höchste Erkenntnis, die voller Glückseligkeit ist, auch anderen erkenntlich gemacht wird.
Wenn diese Premabhakti einem Atma (dem ewigen unvergänglichen spirituellen [göttlichen] Lebewesen, bzw. der Seele) geschenkt wird und das Herz und alle Sinne (auch den Geist) durchdringt, verhilft sie diesem Gottgeweihten (Bhakta) dazu, den geliebten Gott und Sein Reich nicht nur klar zu schauen, sondern Ihm sogar unmittelbar zu dienen und Ihn erfreuen zu dürfen. Denn es heisst, die Premabhakti, die Essenz von Gottes Cit-Sakti, hat eine solche Macht, dass Krsna unter ihren Einfluss gerät und dass der in Citgestalt überall Seiende "genötigt" wird, Sich vor dem Bhakta sichtbar zu machen.
Diese höchste Vollkommenheit ist sehr schwer zu bekommen, ohne völlig an Krsna (Gott) angehaftet zu sein, auch wenn man Ihm lange Zeit Sadhana-Bhakti darbringt. Es heisst, dass Sich Krsna durch die Premabhakti Selbst verschenkt. Deshalb gibt Er bereitwillig Befreiung (Erlösung), jedoch verleiht Krsna mit grosser Zurückhaltung diese Premabhakti.
In der Gestalt Sri Krsna-Caitanyas verschenkte Er diese höchste Vollkommenheit freimütig und ohne Unterscheidung an alle Lebewesen, weshalb Er als der grossmütigste Avatara gepriesen wird.
2. Die vom Zentrum allen Seins fortschleudernde Kraft
Auf der Überseele aller Dinge, dem Paramatma, ruht die Maya-Sakti, die grosse Maya der Welt, Maha-maya.
Alles, was gemessen und berechnet werden kann, alles was unserem Intellekt zugänglich ist gehört zum Bereich der Maya. Deshalb erklärt Srila Bhaktivinoda Thakura, dass man dem Geist und nicht den Worten der offenbarten Schriften seine Aufmerksamkeit schenken soll. Man darf nie vergessen, dass die spirituelle Welt unbegreiflich, unmessbar und unfassbar ist.
Diese Maya drückt sich in unterschiedlicher Weise aus. Als "verhüllende Kraft" verhüllt sie das reine Bewusstsein des Atma im Körper. Als "fortschleudernde Kraft" schleudert sie den Atma vom Zentrum allen Seins (Gott) fort. Durch sie erhält der ewige und unveränderliche Atma ein falsches Ichbewusstsein (welches ihn veranlasst, sich mit dem grob- und feinstofflichen Körper zu identifizieren) und eine feinstoffliche (psychische) und eine grobstoffliche (physische) Hülle. Als fortschleudernde Kraft kann man die Maya mit der Zentrifugalkraft der Physik vergleichen.
Die Maya bewirkt nicht nur Täuschung, Unwissenheit oder Illusion. Als Prakrti, die Gesamtheit der sichtbaren und unsichtbaren Natur, ist sie gestaltende Kraft und die Grundsubstanz aller Stoffe (Materie).
Die Welten von Zeit und Raum sind nicht Illusion, weil sie letztlich auf Gott beruhen. Doch aufgrund ihres Wesens, sich endlos von der Erschaffung bis zur Zerstörung zu wandeln, kann kein Lebewesen die beständige Freude in dieser materiellen Welt finden. Deshalb bezeichnet man die Suche nach beständigem Glück, getrennt von Gott, als Illusion.
Die Maya ist eine Dienerin Gottes. Es ist ihre Aufgabe - ähnlich einem Gefängnisaufseher - alle Seelen, die mit der inneren Haltung der Ausbeutung geniessen wollen, zu fesseln. Deshalb führt sie diese Wesen vom Zentrum allen Seins fort und bindet sie mit den unsichtbaren Fesseln der Unwissenheit. Deshalb heisst sie auch Durga. Durga ist eine Festung, ein Gefängnis. Als Vidya, Kraft des Wissens, macht sie es möglich, dass jene Wesen, die sich dem Urgrund (Gott) wieder zuwenden wollen, zu Ihm zurückfinden. Ihnen löst sie die Fesseln und bietet Hilfe zu ihrer Befreiung (mukti).
Gleich der Cit-Sakti (Svarupa-Sakti), tritt auch die Maya der Welt gestalthaft, als Person und gestaltlos, als ihre Kräfte, auf.
Die drei Gunas der Maya
Zur klaren Erkenntnis der Welt und des Menschen gehört gemäss den Schriften (Sastras) vor allem das Wissen von den drei Gunas der Maya.
Das Sanskritwort Guna bedeutet Qualität, Kette, Fessel, Strick, Seil. Die Texte unterscheiden: das träge finstere Tamah (Dunkelheit), das aktive feurige Rajah (Leidenschaft), und das stille leichte Sattva (Reinheit).
Wenn in einem Menschen der Guna Sattva vorherrscht, so sind die Auswirkungen: Im Sinne der Schriften (den Veden) zu handeln und zu sprechen; aufrichtig sein; freigebig sein; den Geist zu zügeln; die Sinne zu beherrschen; Ausdauer; Leid ertragen zu können; gegen sich selbst hart sein; Zufriedenheit mit jedem Mass des Erwerbs; Fähigkeit auf etwas zu verzichten; höfliche Bescheidenheit; Überlegung; kritisches Unterscheiden; Bemühen, das sich in den Grenzen des Gesetzes und der Schicklichkeit hält; Vertrauen in die offenbarten Schriften; Freiheit von Lug und Betrug; Barmherzigkeit. (Bha XI,25.2)
Wenn in einem Menschen der Guna Rajah vorherrscht, so sind die Auswirkungen die folgenden: Begehren nach Lebensgenuss; geschäftige Tätigkeit und Rastlosigkeit; blinder Stolz; trotz Erlangung dessen, was man begehrt, ist man unzufrieden; Hochmut; zu höheren Mächten (Halbgöttern oder auch zu Gott, dem Herrn aller Götter) um Reichtum und dergleichen zu beten; sich selbst verschieden und besser als andere zu fühlen; geniessen von Sinnesobjekten; Begeisterung für Krieg und Kampf; Schätzung des eigenen Ruhmes und Namens; die Neigung andere Wesen lächerlich zu machen; seine eigene Kraft zur Schau stellen und sich damit brüsten; grosse Anstrengung, sein Ziel mit Gewalt zu erreichen. (Bha XI,25.3)
Die Auswirkungen des Tamah-Guna sind: Ärger auf Grund von Ungeduld und Mangel an Ausdauer; Besitzgier; Geiz; unwahre und den Schriften entgegengestellte Redeweise; Grausamkeit (z.B. das Töten von Tieren, nicht des Überlebens willen, sondern allein um der Befriedigung der Zunge willen); auf Kosten anderer leben; Vorgeben etwas zu sein, was man nicht ist; sich müde fühlen; zu viel schlafen; sich selbst bemitleiden; niedergeschlagen sein, sich unglücklich fühlen; Furchtsamkeit; Trägheit. (Bha XI, 25.4)
Die Bhagavad-gita enthält einige Darstellungen des Wesens der Gunas. Noch ausführlicher ist die Gunalehre im Bhagavatam (z.B. XI, Kap. 25). Dort wird unter anderem genau analysiert, was gunahaftes Wissen, gunahafte Überzeugung, gunahafte Freude ist, und welches Wissen, welche Überzeugung und welche Freude über den Gunas der Maya liegt.
Krsna spricht:
"Das reine Wissen vom Atma und Brahman
ist sattvahaft.
Das Wissen vom Menschen als
Einheit von Körper und Geist
ist rajahhaft.
Das alltägliche Wissen,
das sich bloss auf irdisches Wohl bezieht,
ist tamahhaft.
Doch das Wissen, das in Mir gründet,
ist frei von den Gunas." (Bha XI,25.24)
"Sattvahaft ist die tatkräftige Überzeugung,
dass das Forschen nach dem Atma
der Sinn des Lebens sei.
Rajahhaft ist die Überzeugung,
dass der Zweck des Lebens das Erfüllen
der den Menschen gebotenen Pflichten sei.
Tamahhaft ist die Überzeugung,
dass das Nichtbeachten (dieser Pflichten)
der Zweck des Lebens sei.
Tatkräftige Überzeugung aber,
dass das Mir-Dienen der Zweck des Lebens sei,
ist frei von den Gunas." (Bha XI,25.27)
"Die Freude, die aus dem Selbst (Atma) entsteht,
ist sattvahaft.
Die Freude, die aus der Berührung der Sinne
mit den Sinnesobjekten entsteht,
ist rajahhaft.
Die Freude, die aus Verwirrung und
Erniedrigung entsteht,
ist tamahhaft.
Die in Mir gründende Freude
ist jenseits der Gunas." (Bha XI,25.29)
Mit harter Klarheit wird im Bhagavatam betont, dass nicht nur Grobphysisches, sondern auch alles Geistig-Intellektuelle der Maya zugehört:
"Das wirkliche Selbst (Atma) -
ist nicht der Körper, der aus Erde besteht,
noch die Sinne oder die Götter,
die über sie wachen;
nicht Atem, Wind, Wasser, Feuer,
nicht der Geist (Verstand);
all dies ist einfach Materie.
Auch nicht Intelligenz,
noch materielles Bewusstsein,
nicht das (falsche) Ichbewusstsein,
nicht Äther oder Erde,
noch die Objekte der Sinneswahrnehmung
und auch nicht die ungestaltete Urkraft der Materie
können als das Selbst (Seele) bezeichnet werden. (Bha XI,28.24)
"Oh, bester unter den Menschen (Uddhava),
alle Dinge und Gefühle,
die 'im Menschen' und 'in der Natur' gründen,
bestehen aus den drei Gunas der Maya.
Auch alles, was er sieht und erlebt,
alles, was er hört, und alles,
was er mit seinem Geiste denkt." (Bha XI,25.31)
"Das aus den Gunas stammende
Tun und Lassen, bestimmt die Art des
Umhergetriebenwerdens des Menschen
in der Wandelwelt (von Geburt zu Geburt)."
(Bha XI,25.32)
Auch die Religion, wenn sie noch irgend einen Lohn anstrebt oder für treue Pflichterfüllung ein (vergängliches) Himmelsglück nach dem Tode verspricht, ist von dieser harten Scheidung zwischen den Kategorien Maya und Bhakti nicht ausgeschlossen.
In der Bhagavad-gita spricht Krsna als göttlicher Guru (Lehrer) zu Seinem Schüler Arjuna:
"Die Veden handeln von den drei Gunas der Maya. Werde frei, oh Arjuna, von den drei Gunas. Sei über der Dualität der Maya, frei vom Trieb zu erraffen und festzuhalten, wurzle im reinen ewigen Sein, sei im Atma gegründet." (Bg 2.45)
Diese drei Gunas werden von der Ehefrau Sivas (Durga) verkörpert. Sie ist die personifizierte Sakti Sivas, die personifizierte Maya. Als seine Ehefrau ist sie, ebenso wie Siva selbst, ein Bhakta oder Diener und Geweihter Krsnas.
Diese Wunderkraft Gottes, die Maha-Maya, besitzt die Fähigkeit, dass sie jedem einzelnen Wesen - entsprechend dem Grad seiner Unwissenheit - die ihm entsprechende "Wirklichkeit" zum Erleben entgegenhält. Ihre Aufgabe ist es, den Gottabgewandten die wahre Wirklichkeit zu verhüllen und ihnen statt dessen scheinbare Wirklichkeit vorzuführen.
Im Gegensatz zur Yoga-Maya, die unmittelbar mit Krsna Selbst verbunden ist. Yoga-Maya ist Seine herrliche Kraft des Seins, der Erkenntnis und der Liebe. Ihre Aufgabe ist es, in immer neuen Entfaltungen den Gottzugewandten unendliche wahre Wirklichkeit vorzuführen, aber dabei, zur Steigerung des ewigen Spiels, bestimmte Aspekte des Herrn verhüllt oder hervorhebt. So verhüllt sie zum Beispiel oft Gottes Allmacht und Majestät, um Seine göttliche Lieblichkeit und Süsse völlig aufleuchten zu lassen.
3. Die Kraft an der Grenze
Die Jiva-Atmas
Zwischen den beiden gewaltigen Kräften Svarupa-Sakti und Maya-Sakti befindet sich die dritte grosse Kraft Gottes, die Tata-stha-Sakti, die Kraft an der Grenze (tata) oder auch Jiva-Sakti genannt. Aus dieser Kraft sind die zahllosen Atmas oder Seelen gebildet. Sie heissen auch Ksetrajna, Feldkenner. Sie alle sind Anschauer des Feldes (Ksetra), d.h. aller Vorgänge in ihren psychischen und grobphysischen Hüllen.
Jeder der unendlich vielen Atmas (Seelen), deren Gesamtheit die Jiva-Sakti ausmacht, ist seinem wirklichen Wesen nach todloses Leben. Der Atma, unser wahres inneres Selbst, gehört seiner Natur nach eigentlich gar nicht zu dieser Welt von Raum und Zeit, sondern zur Welt des Unmessbaren, Unberechenbaren, also zum unendlichen Reich Gottes. Der Atma wird nicht geboren und stirbt nicht. Das wird auch von Krsna bestätigt:
Die Seele wird nie geboren und sie stirbt nie. Sie ist unermüdlich, ewig jung und dennoch uralt. Obschon der Körper Gegenstand von Geburt und Tod ist, kann die Seele nie zerstört werden. (2.20)
Das Wesen des Atma ist wirkliche ewige Existenz (sat), reine Erkenntnis, Wissen (cit), und Glückseligkeit, Freude (ananda). Diese "Eigenschaften" sind mit dem Atma ewig verbunden, genau so wie Licht und Wärme mit dem Feuer verbunden sind. Natürlich besitzt der Atma diese nur in kleinem Masse, denn er ist auch nur ein winziger abgesonderter Teil des höchsten Herrn. Der Atma hat echtes Ichbewusstsein, d.h. das Bewusstsein: Ich bin Atma und ich gehöre meinem Wesen entsprechend zu Gott, der Gestalt voller unbegrenzter Lieblichkeit. Im Wesen des Atma liegt Willensfreiheit, Initiative und Spontanität. Er kann nie von etwas, was nicht zur Kategorie Atma gehört, nie von den Sinnen, dem Verstand oder dem Intellekt, die aus Maya bestehen, begriffen werden. Der Atma erkennt sich selbst durch seine ihm eigene Erkenntnisfähigkeit (cit).
Die Atmas "beginnen" ihre Existenz im Brahman, der leuchtenden Ausstrahlung Gottes und Seines Reiches. Hier, zwischen dem Gottesreich und den materiellen Universen (dem Reich Mayas), geniesst der Atma (die Seele) in vollständiger Passivität die Freude und das Glück, welches vom Gottesreich ausströmt. Sobald der Atma dieses Glück durch Aktivität steigern möchte, muss er sich entscheiden, auf welche Weise er sein Glück steigern will: Durch Widmung, Hingabe und liebevollen Dienst oder durch Ausbeutung, ein auf sich selbst bezogenes Nehmen. Es ist der freie Wille des Atma, der diese Entscheidung fällen muss. Wer sich widmen will, erreicht ohne Umwege das ewige Reich Gottes, wo er einen unvergänglichen göttlichen Körper erhält, der alle Möglichkeiten zum Gottdienen bietet. Wenn er sich Eigengenuss wünscht, d. h., wenn er Gott imitieren will und selbst das Zentrum allen Seins sein möchte, kommt er in den Bereich der Maya. Nur hier kann er die irrige Vorstellung ausleben, selbst der Meister zu sein. - So wird sein Bewusstsein als Atma gelähmt, und er vergisst sich selbst.
So wird er zum Jiva-Atma (oder Jiva), der von einer Hülle, dem grob- und feinstofflichen Körper aus dem Stoff der Maya, umgeben ist. Und aufgrund des falschen Ego (ahankara), beginnt er sich mit diesen veränderlichen Hüllen zu identifizieren. Das Wort Jiva wird hergeleitet von der Wurzel jiv und bedeutet Leben und Leben verleihen.
Die grosse Unterweisung Krsnas in der Bhagavad-gita beginnt mit einer Darlegung des Wesens des Ewigen, dem jeder Atma angehört, des Bewusstseins, das der Jiva-Atma verloren hat und das er durch Yoga (Verbindung mit der Fülle des Ewigen) wieder erlangen kann.
Erreicht der Atma durch die vollständige Entsagung der materiellen Welt die Erkenntnis seiner selbst, geht er wieder zurück ins Brahman, in die leuchtende Ausstrahlung Gottes. Diese Form der Erlösung wird von den Schriften jedoch nicht als endgültige Erlösung (Befreiung oder Mukti) anerkannt, denn der Atma kann wieder in die vergängliche Welt der Ausbeutung herunterfallen. Nur wer mit der Hilfe eines echten Bhaktas (Gottgeweihten) seine innere Herzenshaltung verändert und eine Haltung von Liebe und Hingabe zu Gott entwickelt (Bhakti), wird durch die Gnade Gottes und des Bhaktas ins ewige Gottesreich gelangen. Und Krsna verspricht, dass jeder, der Sein ewiges Reich erreicht, nie mehr in die vergängliche Welt von Geburt und Tod zurückkehren muss.
Das Aufgeben aller eigensüchtigen oder weltlichen Tätigkeiten genügt also nicht, um in die Welt der ewigen Vielfalt, in das Reich Gottes, aufzusteigen. Es braucht die positive, aktive und liebevolle Zuwendung zu Gott.
Ihrer Natur nach ist also die Jiva-Sakti, d.h. die Gesamtheit der Atmas, im Wesen Cit-Sakti, aber nicht in der Fülle der Cit-Sakti, sondern in geminderter Intensität und in zahllose Strahlen (Funken) vereinzelt. Jedes Partikelchen eines Strahles ist ein Atma. Wenn er in die Dunkelheit der Maya hineingeht verleiht er je nach der Dichte der Hüllen, allem Bewegten und Unbewegten im Weltall einen grösseren oder geringeren Grad von Leben und Bewusstsein. Die Erkenntnis der Schriften weiss von nichts gänzlich Leblosem im All; denn alles ist von den Atmas und in letzter Konsequenz vom Paramatma durchdrungen.
Von den höchsten Devas (Halbgöttern) wie Brahma bis hinunter zu Mikrobe, Kristall und Stein sind alle diese Wesen ihrer inneren Natur nach Jiva-Atmas.
Sie haben sich entschieden, Eigengenuss zu suchen und den können sie nur finden, wenn sie sich von ihrem eigenen Urgrund abwenden und Sinnesorgane zum Geniessen des Stoffes (der Materie) erhalten.
Zur Erfüllung ihres eigenen Wunsches werden diese Atmas von der Maya, die Gottes Willen vollzieht, in feinstoffliche und grobstoffliche Hüllen, die aus der Substanz der Maya bestehen, gekleidet.
Aus dem Guna Tamah der Maya sind die Welten der Materie und die Körper der Lebewesen gebildet. Vorwiegend aus dem Guna Tamah (Unwissenheit) und verhältnismässig viel Rajah (das aktive Prinzip, die Leidenschaft) sind die Sinnesorgane und der aktiv ordnende und Schlussfolgerungen ziehende Geist (Verstand; manah) der Wesen gebildet. Aus dem Guna Tamah und verhältnismässig viel Sattva (Reinheit) ist die denkende und Vorstellungen bildende Intelligenz (buddhi) und auch das Bewusstsein und Unterbewusstsein (Citta) gebildet, jene psychische Hülle, die dem Atma am nächsten liegt. Aus den Gunas der Maya ist auch der falsche Ichsinn (Ahankara) gebildet, d.h. das Vermögen, diese verschiedenen Hüllen als eine Einheit zu erleben.
Die feinstoffliche psychische Hülle kann mit einem Hemd und der grobstoffliche Körper mit einer schweren Jacke verglichen werden. Wir (die Atmas) sagen unter dem Einfluss der Maya "Ich" zu dem, was lediglich mit Jacke und Hemd zu vergleichen ist.
Der Atma, der von grober und feiner Materie Unberührte, der Ungeborene, Todlose, Ewige, dessen Wesen ein Tropfen "sac-cid-ananda" (Sein-Erkenntnis-Freude) ist, glaubt, das Schicksal seiner vergänglichen Hüllen sei sein eigenes Schicksal und sagt: "Ich bin hungrig, ich bin satt, ich bin gesund, ich bin krank, ich bin Deutscher, ich bin Christ, ich bin Hindu, ich bin Frau, ich bin Mann" usw., lauter Verblendungen, bewirkt durch Maya. All diese falschen Identifikationen nehmen wir auf uns, nur um unser eigenes Begehren (zu geniessen), erfüllen zu können. So akzeptieren die Atmas diese Welt der Materie, denn ohne Körper, Geist und Sinne (aus dem Stoff der Maya) vermöchten die Atmas ja gar nicht für sich selbst zu geniessen und Pläne zum Genuss zu schmieden, sondern sie könnten nur ihren eigenen Urgrund (Gott) erkennen und Ihm dienen.
Im Bhagavatam wird berichtet:
"In seinem ganz von Bhakti durchglühten Geist, ganz (auf Bhagavan) ausgerichtet und rein, sah er (Vyasadeva, der Verfasser des Bhagavatam) den urewigen Gott (der Ganzheit und Fülle ist). Dann sah er die Maya, die nur mittelbar wie von fern in Ihm gründet und völlig unter Seiner Kontrolle stand.
Durch den Einfluss der drei Gunas, erhält der reine Atma ein falsches Ichbewusstsein und betrachtet sich als ein Produkt der Materie; deshalb erleidet er die Reaktionen seiner Taten." (Bha I,7.4-5)
Das Bhagavatam führt weiter aus:
"Wenn der Atma der Anziehungskraft der Maya erliegt, wird er von Furcht überwältigt. Weil er durch die Maya vom höchsten Gott (Krsna) getrennt wird, wandelt sich seine Lebensauffassung ins Gegenteil. Er beginnt sich selbst als ein Produkt der Materie zu sehen. Um diesen Fehler rückgängig zu machen, verehrt ein Mensch, der wirklich weise ist, Krsna - als seinen Guru (Lehrer), als seine verehrungswürdige Gottheit und als die Überseele (Paramatma) - durch den Vorgang des reinen Dienens (Bhakti)." (Bha XI,2.37)
Gewissermassen ist es Gnade der Maya, wenn auch täuschende Gnade, dass dem Atma Körper, Geist und Sinne aus Mayastoff zur Erfüllung seiner Begehren nach Eigengenuss gegeben werden. Und es ist wahre Gnade, dass jeder Genuss, der nun im Reich der Maya gefunden wird, vergänglich ist, nur gleichsam einen Augenblick dauert und im Untergrund als Bodensatz bitteres Leid in sich birgt. In der Bhagavad-gita (5.22) sagt Krsna: "Alle Genüsse, die aus Berührung der Sinne mit den Sinnesobjekten entstehen, sind der Mutterschoss von Leid." So erfüllt die materielle Welt, das Reich der Maya, unsere Wünsche nach selbstischem Genuss und drängt uns andererseits - aufgrund ihres zeitweiligen und leidvollen Charakters - nach wahrer, beständiger Freude zu suchen.
Wenn der Teil des Karma, der zu dem gegenwärtigen Körper geführt hat, sich ausgewirkt hat, dann stirbt der Mensch. Beim Sterben wird der grobstoffliche Körper, zu dem der Atma "ich" sagte, abgelegt und kehrt zu den Elementen der Maya zurück, aus denen er stammt. Doch es ist bekannt, dass die Begierden auch beim Altern zumeist nicht schwächer werden, eher anwachsen. Auch beim Sterben, wenn der Atma den vermorschten Körper, zu dem er "ich" sagte, loslässt, bleibt der Wunsch des verblendeten Atma nach einem Körper, der Genuss gewährt, bestehen. Zwar legt er die grobstoffliche Hülle ab, doch die den Augen unsichtbare feine psychische Hülle mit allen ihr eingekerbten Trieben und Leidenschaften haftet bei ihm und er sagt weiter "ich" zu ihr. Es ist so, wie wenn jemand beim Schlafengehen die Jacke auszieht, aber das Hemd anbehält. Die psychische Hülle ist ein recht schmutziges Hemd, denn nach der Lehre der Upanisaden, der Gita und der Puranas sind in die tiefste Schicht dieser feinen Hülle (Citta, Unterbewusstsein), alle Eindrücke des vergangenen Lebens aufbewahrt. Nicht nur die Eindrücke des letzten Erdenlebens, sondern die Eindrücke der Lust und des Leids aus unzähligen vergangenen Leben. Diese Eindrücke, in dem ursprünglich klar reflektierenden Spiegel des Bewusstseins und Unterbewusstseins haben die Süsse, die Qual und das Aroma der einstigen Leben bewahrt; sie sind zu den unbewussten Lust- und Hasskeimen (Vasanas) geworden. Beim Herannahen des Todes wird zwar das Ichsagen des Jiva-Atma zu dem bisherigen Körper immer schwächer, aber noch bevor er diesen Leib innerlich völlig loslässt, steigt aus der Masse jenes Karma aus vielen Leben, das sich noch nicht ausgewirkt hat, aus der ungestümen Gier noch unerfüllter Wünsche, mit unwiderstehlicher Kraft ein Bild auf. Es ist das Bild seines künftigen Körpers. Welches Bild aus der Fülle der einstigen Eindrücke aufsteigt, hängt ab vom stillen Walten des "inneren Lenkers", dem Paramatma, der in jedem Wesen weilt.
Im Einklang mit Brh IV,4.3. sagt das Bhagavatam: "So wie eine Raupe ein Blatt nicht verlässt und erst dann, wenn sie ein neues Blatt ergriffen hat, es verlässt, so gibt man beim Sterben das Ichgefühl zum alten Körper nicht auf, ehe man nicht einen anderen (ergriffen) hat. Das geschieht dann, wenn das Karma, das den alten Körper veranlasst hat, zu Ende ist und das Karma, das den neuen Körper verursacht, einsetzt." (Bha IV,29.77) Im Bhagavatam (IV,29.76) wird auch beschrieben, wie beim kleinen Kind die Lust- und Hasskeime aus vergangenen Leben noch wie schlafend ruhen und noch nicht ihre Keimkraft erlangt haben; wie aber beim Heranwachsen zum Jüngling oder zur jungen Frau diese Wunschkeime aufwachsen und zur vollen Reife gelangen, so dass die innere Hülle, die den Atma bedeckt, bald wieder im alten unersättlichen Begehren brennt.
Auf diese Weise wandern die Atmas, die ihr wahres Wesen als Atma vergessen haben, von einer Hülle aus Begierden umgeben, entsprechend ihren Wünschen von Körper zu Körper, von Geburt zu Tod - durch ihnen ganz wesensfremde Welten.
Die Upanisad sagt:
"Wer Wünsche noch begehrt und ihnen nachsinnt, wird nach den Wünschen da und dort geboren." (Mund. III,2.2)
Den Upanisaden und Puranas und anderen Schriften zufolge, führt dieser scheinbare Gestaltwandel des Atma durch mehrere Millionen Bewusstseinszustände. Er kann ein dumpferes Bewusstsein als der Mensch erlangen, oder manchmal ein lichteres Bewusstsein; d.h., sein wahres Wesen wird von der Halbgottgestalt bis zur Mikrobengestalt von den unterschiedlichsten Körpern verhüllt.
Krsna-Caitanya erklärt Seinem Schüler Sanatana Gosvami:
"Manchmal wird das Lebewesen zu höheren Planetensystemen und zu Wohlstand erhoben, und manchmal ertrinkt es in höllischen Umständen..." (Cc II, 20.118)
Warum leiden die Jivas? Hätte Gott es nicht anders einrichten können? Solche Fragen nach einer Rechtfertigung Gottes tauchen in den Schriften gar nicht auf. Denn es ist der freie Wille der Atmas, der sie in den Einflussbereich der Maya bringt. Und später sind sie den Gesetzen dieser Welt der Maya unterstellt, die dafür sorgt, dass alle Handlungen (Saat) des Lebewesens im Laufe der Zeit zu ihm zurückkommen in Form von Glück und Leid (Ernte der Früchte).
Krsna (Gott) will keine Sklaven. Er lässt jedem Wesen die Freiheit seiner Willensentscheidung. Doch in den Schriften findet jeder Jiva, der aus dem Irrgarten der materiellen Welt herausfinden möchte, eine Fülle von Informationen, die ihm helfen seine Verbindung (yoga) zum Herrn (dem höchsten Ziel aller Yoga-Vorgänge) aufzunehmen.
Krsna sagt:
"Oh Arjuna, jeder, der Mich als die ursprüngliche höchste Persönlichkeit Gottes kennt, ohne daran zu zweifeln, ist der Kenner aller Dinge. Daher erweist er Mir ständig liebevollen Dienst (Bhakti). So habe Ich dir den vertraulichsten Teil der vedischen Schriften enthüllt, oh Sündloser. Wer dies versteht, wird weise werden, und seine Bemühungen werden zur Vollkommenheit gelangen." (Bg 15.19-20)
Inhaltsverzeichnis
Worterklärung
Fortsetzung
www.bhakti-yoga.ch
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