Das Erscheinen Krsnas in Mathura Mit zarter Eindringlichkeit werden im Bhagavatam die einzelnen Phasen der "Geburt" des Ungeborenen beschrieben. "In der tiefen Dunkelheit der Nacht, erschien der höchste Herr, Visnu, der Sich im innersten des Herzens eines jeden befindet, aus dem Herzen Devakis wie der Vollmond, der am östlichen Horizont aufgeht." (Bha X,3.8)Betroffen betrachtete Vasudeva den unfaßbar erstaunlichen Knaben. Er hatte vier Arme und Er hielt die vier Zeichen der göttlichen Allmacht und Majestät in Seinen Händen: die Muschel, die das Urwort AUM in sich birgt, die Keule der Weltherrschaft, das Rad der reinen Erkenntnis (cakra) und den Lotos des freien Spiels. Ein Goldgewand (aus Cit) bedeckte Seinen Körper (aus Cit), der leuchtete wie eine frische Monsunwolke. Auf Seiner Brust befand sich das göttliche Srivatsa-Zeichen und an Seinem Hals der funkelnde Kaustubha-Juwel. Das "Kind" besaß langes, wallendes Haar, und Sein Helm und Seine Ohrringe glitzerten ungewöhnlich, denn sie waren mit wertvollen Vaidurya-Juwelen besetzt. Mit Seinen Schmuckstücken, unter denen sich ein funkelnder Gürtel, Armbänder und Armreifen befanden, sah das Kind sehr bezaubernd aus. Durch Seine natürliche Ausstrahlung wurde der ganze Kerker erhellt. Überschwemmt von Freude, sah Vasudeva mit weit offenen Augen auf seinen Sohn, welcher der allmächtige Gott Selber war, und er pries Seine Majestät als den höchsten Purusa. Auch Devaki preist glücklich lächelnd ihr Kind, Sein Gottwesen erkennend als den ewigen Grund der Welt und als den Beschützer der Gottgeweihten. In tiefer Verwunderung schließt sie ihre Gebete und sagt ehrfürchtig: "Zur Zeit der Vernichtung geht der gesamte Kosmos, der alle sich bewegenden und sich nicht bewegenden Lebewesen (Atmas) enthält, in Deinen göttlichen Körper ein und ruht dort ohne Schwierigkeit; doch nun kam diese Gestalt in meinen Schoß. Den Lebewesen in dieser materiellen Welt wird es gewiß fast unmöglich sein, in dieser Art zu denken." (Bha X,3.31)Sri Krsna benimmt Sich keineswegs wie ein neugeborenes Kind, das nicht sprechen kann. "Gott sprach" (Bhagavan uvaca) heißt es im Text, der diese Szene wiedergibt. Sri Krsna berichtet Devaki und Vasudeva aus ihren vergangenen Lebensläufen, in denen sie beide bereits zweimal vorher Mutter und Vater eines Avataras Gottes gewesen sind. Einmal waren sie die Eltern des Avataras Prsnigarbha und das andere Mal des Avataras Vamana. Devaki und Vasudeva sind ewige Gestalten, besondere Formen der Cit-Sakti Gottes, beständig erfüllt mit mütterlicher und väterlicher Liebe zu dem Allmächtigen. Doch nun wird Devaki, die so klar die Gottesmajestät ihres Sohnes erkannt hatte, von mütterlicher Liebe und Sorge überwältigt. Sie vergißt für einen Augenblick, daß Sri Krsna todlos, ewig unverletzbar ist. So bittet sie Ihn, Seine Natur zu verhüllen und wie ein gewöhnliches Kind auszusehen, damit der atheistische König Kamsa Ihm kein Leid antue.* (* Unter dem Einfluß der Yogamaya erwacht ihr mütterlicher Beschützerinstinkt. Sie möchte Kamsa glauben machen, dass Krsna ein ganz gewöhnliches Kind sei und daher keine Bedrohung für ihn darstelle.) Krsna, der Sich immer den Wünschen Seiner Premabhaktas fügt, willigt ein und sieht plötzlich aus wie ein gewöhnliches neugeborenes Kind mit zwei Händen. Wie ihm von Krsna geheißen wurde, nimmt Vasudeva Ihn auf seinen Arm. Die Fesseln, die seine Füße umschlossen hatten, fallen ab. Die versperrte Kerkertür öffnet sich von selbst, die Schildwachen vor dem Tor sind in Schlaf versunken. Die ganze Stadt Mathura schläft. Das alles wird von der Yogamaya bewirkt, die Krsnas Spiel gestaltet. Durch die regnerische Nacht wandert Vasudeva mit Krsna auf den Armen zu dem Fluß Yamuna, der das Königsland von dem Hirtenlande Vraja trennt. Infolge anhaltenden Regens, führt die Yamuna Hochwasser, und ihre schäumenden Wellen tosen wild. Sanft donnern die Wolken über ihnen, während sich eine Gasse in der Flut vor Vasudeva bildet, mit angestauten Wasserwänden zu beiden Seiten. Trockenen Fußes schreitet er hindurch zum anderen Ufer, hinüber ins Hirtenreich, das ebenfalls in tiefem Schlaf versunken ist. Vasudeva betritt das Haus Nandas, des Königs der Gopas, der Kuhirten. Yasoda, die Hirtenkönigin hat eben ein Mädchen geboren. Sie liegt ebenfalls im festen Schlaf. Vasudeva legt den kleinen Krsna an ihre Brust, nimmt das Mädchen und trägt es zurück über den Fluß. Die Türen des Gefängnisses öffnen sich von selbst vor ihm, und die Fesseln schließen sich wieder um seine Fußgelenke. Das Kind, das er auf Devakis Bett gelegt hat, beginnt zu schreien. Die Wächter schrecken aus dem Schlaf, eilen zum König, welcher ebenfalls aus dem Schlaf schreckt. Er springt sofort aus dem Bett und denkt: "Nun ist Kala, der unüberwindliche Zeitfaktor, geboren worden, um mich zu töten!" Von diesem Gedanken in Schrecken versetzt, eilt Kamsa unverzüglich in den Kerker. Obwohl Devaki ihn beschwört, barmherzig zu sein, ergreift er das Kind in rasendem Zorn bei den Füßen und versucht es auf einen Stein zu schmettern. Das Kind, Yogamaya, entschlüpft Kamsas Händen und erhebt sich in die Luft, wo es sich als die Göttin Durga (die Maya der Welt) zeigt, mit acht Armen, die mit himmlischen Waffen bewehrt sind, und voll Schrecken vernimmt der Asura ihre Stimme: "O du Narr", sagt die große Maya Gottes zu Kamsa. "Was würdest du gewinnen, wenn du mich töten könntest. Dein Vernichter ist bereits anderswo geboren. Töte deshalb nicht unnötigerweise andere Kinder!" Darauf verschwand sie. Kamsa war im höchsten Maß verwundert über ihre Worte. Er löste unverzüglich die Fesseln seiner Schwester Devaki und seines Schwagers Vasudeva. Mit demütig vorgebrachten philosophischen Erklärungen bat er um Verzeihung und fiel mit Tränen in den Augen zu ihren Füßen. Da Kamsa den Worten der Göttin Durga vorbehaltlos glaubte, bekundete er wieder seine familiäre Zuneigung zu ihnen. Kamsa ließ am nächsten Morgen seine Minister rufen und berichtete ihnen alles, was er von Durga gehört hatte. Nachdem die Minister, welche die gleiche Asura-Mentalität besaßen wie Kamsa, alles vernommen hatten, gaben sie ihm folgenden Rat: "Wenn dem so ist, o König der Bhoja-Dynastie, sollten wir heute beginnen, sämtliche Kinder zu töten, die in den Dörfern, Städten und Weidegebieten während der letzten zehn Tagen geboren wurden. Wir sollten auch alle echten Brahmanas (Priester), die Opfer darbringen, töten; auch alle Kühe, aus deren Milch das für alle Opfer notwendige Butterfett gewonnen wird, müssen getötet werden. Auch alle anderen großen Heiligen, Weisen und Vaisnavas müssen beseitigt werden. Dies ist der einzige Weg, wie man Visnu töten kann!" Aufgrund seiner asurahaften Intelligenz, erteilte Kamsa ihnen die Erlaubnis, überall hinzugehen, um ihre schändlichen Pläne zu verwirklichen. (Zusammengefasst aus dem Bha X, 2., 3. und 4. Kapitel; siehe auch "Krsna - Die Quelle aller Freude" von A.C. Bhaktivedanta Svami.) So beginnt die geheimnisvolle Lila Krsnas, der in dieser Welt erscheint, um die höchste Liebe zu lehren, die religiösen Prinzipien wieder zu errichten und der Menschheit einen Ausweg zu zeigen, wie man diese Welt des Egoismus und der Ausbeutung wieder verlassen kann.
|
|---|