Die vielen Gottesreiche des EINEN

Die Vorstellung von verschiedenen unendlichen Gottesreichen ist menschlicher Fassungskraft nur in einem Nacheinander oder in einem Nebeneinander und nicht in ihrer Gleichzeitigkeit zugänglich. In ihrer Gesamtheit sind sie unausdenkbar (acintya). Gemäss den Bhakti-Schriften, vor allem der Werke von Sanatana, Rupa, Raghunatha und Jiva Gosvami aus der Caitanya-Schule, kann man sich das unendliche ewige Reich als eine Kugel vorstellen, die nach keiner Dimension hin ein Ende aufweist, weder nach innen noch nach aussen und die unendlich viele Schnittflächen aufweist. Diese "Kugel" ist gleichzeitig das unendliche Reich Radha-Krsnas, Laksmi-Narayanas, Sita-Ramas usw. Das Reich Gottes ist nicht ein einziges Reich, sondern zahllose Reiche, jedes von ihnen eine volle göttliche Unendlichkeit. Alle diese Reiche sind am gleichen Ort, ohne dass das Geschehen in einem dieser Reiche von dem gleichzeitigen Geschehen in den anderen Gottesreichen im mindesten gestört würde. Die Gesetze irdischer Mechanik gelten dort nicht. Es können sich dort zwei, drei... unendlich viele Dinge am gleichen Ort befinden.
Man könnte hierzu ein Beispiel geben, das diese örtliche Gleichzeitigkeit vielleicht ein wenig erhellt: Beim Kabel-TV oder Satelliten-TV befinden sich viele verschiedene Programme an demselben Ort. Je nach Empfangsfrequenz sehen wir ein bestimmtes Programm. Alle anderen Programme sind jedoch gleichzeitig auch "anwesend". Die verschiedenen Programme stören sich in ihrem gegenseitigen Handlungsablauf nicht im geringsten. Je nachdem wie unsere Frequenz eingestellt ist, empfangen wir ein entsprechendes Programm. Die Frequenz, in diesem Beispiel, wäre mit einer ganz bestimmten Art der Beziehung und der Liebe zu Gott vergleichbar. Je nach der Art der Liebe zu Gott, offenbart Er Sich auf eine bestimmte Weise mit dem dazu passendem Gottesreich, das die bestimmte Art der liebevollen Beziehung zu Gott unterstützt und begleitet.
Sri Krsna kann auch gleichzeitig Kind, Knabe, Jüngling, Kuhhirt, Krieger und königlicher Held sein, doch ohne in allen diesen Seinsweisen weder in Raum noch in Zeit eine Begrenzung zu haben. Seine zahllosen Reiche, Seine ewigen Mitspieler, das Geschehen in jedem dieser ewigen unendlichen Reiche, es ist alles gleichzeitig da (sarva-vyapi) und es füllt alles in Zeit und Raum restlos aus, so dass ausserhalb von Ihm für gar nichts anderes Platz oder Zeit übrig ist.
Das unendliche Reich der göttlichen Allmacht von Laksmi-Narayana wird Vaikuntha genannt. Doch dem Wesen nach sind alle Reiche Gottes Vaikuntha, d.h. ohne Bruch (vi-kuntha); die Zeit zersplittert dort nicht in jedem Augenblick schmerzhaft in Vergangenheit und Zukunft. Deshalb ist eine weitere Bedeutung von Vaikuntha, frei von Angst. Ewige Gegenwart ist dort. Das Sanskritwort für Zeit (kala) wird abgeleitet von der Wurzel kal, dahintreiben. Wie ein Schlächter eine Viehherde mitleidslos zum Schlachthaus treibt, so treibt die gewaltige Kraft der Zeit alle Wesen von den lichtschimmernden Devas, die Millionen Jahre leben, bis zum geringsten Wurm und Insekt unaufhaltsam dem Tode zu. Doch die Zeit in den immerdar und überall gegenwärtigen Reichen Gottes ist nicht von solcher Art. Dort sind Zeit und Raum nicht die Herren, sondern die Diener allen Geschehens, Zeit und Raum sind dort von der Natur der Cit-Sakti. Sie schrumpfen ein und dehnen sich aus, wie es am besten dem Fortgang des verborgenen göttlichen Geschehens entspricht.
Einer der Namen für das innerste aller unendlichen Gottesreiche (Goloka-Vrndavana) ist Vraja. Der Name Vraja wird gedeutet: man kann in alle Ewigkeit schreiten (vraj) ohne jemals an ein Ende zu kommen.
Zwischen Krsna und Seinen Mitspielern in jedem der Reiche besteht die Beziehung acintya-bhedabheda, d.h. sie sind in unausdenkbarer Weise getrennt und nicht getrennt, verschieden und nicht verschieden, geschieden und nie geschieden. In jedem der Reiche sind wieder unendlich viele Sichtbarwerdungen (prakasa) des EINEN, die Manifestation von unendlich vielen Krsnas und von Krsnas ewigen Begleitern, wobei alle diese Manifestationen voneinander unberührt sind. Obwohl jeder Krsna allwissend ist, so ist Sich doch der eine Krsna dem anderen mit Ihm identischen Krsna nicht bewusst.
Das Geschehen wird noch unergründlicher, weil mancher Gottgeweihte, Gott dienend, gleichzeitig in vielen Gottesreichen weilt, und mancher von ihnen überdies zuweilen von einem Gottesreich ins andere wandert oder von der Erde aus in ein Gottesreich gelangt, wie z.B. Narada Muni.
Wenn der Atma eines Gottgeweihten, der noch auf Erden lebt, dem Herrn unmittelbar begegnet, weil Krsna, der ewiglich überall Seiende, von der Art der Premabhakti dieses Bhakta angezogen worden war und Sich sichtbar gemacht hat; wenn der Bhakta also in den Cit-Kosmos dieser "Kugel" hineingenommen wird, findet er sich auf einer der unendlich vielen Schnittflächen der Kugel wieder. Er steht z.B. Krsna in dessen ewiger Seinsweise als Kind gegenüber und Krsna ist von bestimmten ewigen Begleitern umgeben und er dient Ihm nun als dem ewigen Kind in dem Reiche der göttlichen Lieblichkeit und Schönheit und unbekümmerten Ausgelassenheit. Ein anderer Bhakta, der dem Majestätsaspekt Gottes zustrebt und Ihm dienen will, findet sich im Reich der Gottesallmacht Narayanas und dient Ihm in diesem Reich.
Der Nichtbhakta aber erlebt anstelle dieser Kugel eine Häufung von Weltsystemen der Materie und findet dort die Gesetze von Zeit und Raum.

 

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Sanskrit-Worterklärung

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