Begegnung mit Ramananda Raya
Dieses Kapitel enthält eine gekürzte Wiedergabe von Berichten über die Begegnung Sri Caitanyas mit Seinem ewigen Gefährten Ramananda Raya. Im Gespräch der beiden entfaltet sich die innere Dramatik des geheimen Spieles von Radha und Krsna und den Gopis, die dem göttlichen Paar dienen.
Gottes Tun ist immer vollkommen ursachlos (yad-rcchaya), durch nichts bedingt, ständig voll spontaner, motivloser, unfaßbar beweglicher Initiative und Spielfreude. Eben ist Er noch in unbegreiflicher Gnade in Selbstoffenbarung überströmt. Jeden Unbekannten, scheinbar ganz Unwürdigen, der Ihm in den Weg kam, hat Er umarmt und hat ihm Sakti, Seine Premabhakti, gegeben. Nun, da Er Ramananda Raya, einem vielgeliebten Freund aus früherer Lila, begegnet, gefällt es Ihm in der Freude Seines Entfaltungsspiels, Sich zu entziehen - und den anderen herauszufordern, um dessen dienende erkennende Liebe (durch die Gott Sich Selbst immer tiefer erkennt) ins Grenzenlose (bis zur hellen Verzweiflung) zu steigern.
(Caitanya-caritamrta II.8)
Mahaprabhu sagt zu Ramananda Raya: "Rezitiere Strophen (aus den Sastras) und gib Definitionen, was der Weg und das 'Ziel' ist." (Ramananda Raya geht auf das Spiel ein. Er beginnt ganz von unten und sagt, die Ausübung der Pflichten, der eigenen Kaste und dem eigenen Lebensstand entsprechend, sei Bhakti zu Visnu und sei Weg und Ziel; er belegt seine Aussage mit einer Strophe aus dem Visnu-Puranam).
Mahaprabhu sagt: "Das ist äußerlich, wertlos, nicht der Rede wert. Sage mehr!"
Raya: "Das beste Ziel ist Hingabe allen Tuns an Krsna. 'Was du tust, was du ißt, was du opferst, was du hinschenkst, was du dir in Askese versagst, das alles tue als Opfergabe für Mich.'" Mahaprabhu: "Das ist äußerlich - sage mehr!"
Raya: "Den Pflichten seiner Kaste und seiner Lebensstufe entsagen (und immer bei Gott Zuflucht nehmen), das ist das Ziel. (Wieder zitiert er Krsnas Worte aus der Bhagavad-gita) 'Gib alle (religiös-sozialen) Pflichten auf und nimm einzig bei Mir Zuflucht. Sorge dich nicht; Ich werde dich von allen Sünden befreien (die aus der Unterlassung solcher Pflichterfüllung entstehen)'." Mahaprabhu: "Das ist äußerlich - sage mehr!"
Raya: "Bhakti mit Jnana gemischt ist das höchste Ziel. 'Wer vom Brahman erfüllt ist, gestillten Geistes und sich nicht sorgt und nichts begehrt, wer den Einen (Paramatma) in allen Wesen sieht, der erlangt höchste Bhakti zu Mir.'" Mahaprabhu: "Das ist äußerlich - sage mehr!"
Raya: "Bhakti, die leer von Jnana ist (leer vom Begehren nach Befreiung), ist das höchste Ziel. 'Ganz und gar haben sie das Bemühen um Jnana aufgegeben, verehrend grüßen sie (Dich) mit dem Körper, mit der Stimme und mit dem Geist und leben von den Worten, die von Dir handeln und ganz von selbst von den Seienden ausgesprochen werden. Sie verharren (ruhevoll) an ihrem Ort und in dem Lebensstand, in dem sie sind, und von eben diesen bist Du besiegt, obwohl Du unbesiegt bist in den drei Welten.'" (Erst jetzt, als Raya das Wesen derer beschreibt, die nicht aus sich selbst leben, sondern nur von den Worten Gottes, die aus dem Munde der Premabhaktas stammen, erfolgt eine zögernde Bejahung.) Mahaprabhu: "Das geht wohl an - aber sage mehr!"
Raya: "Premabhakti ist das beste aller Ziele." Mahaprabhu: "Das geht an - doch fahre fort!"
(So steigert sich das Spiel der Fragen und Antworten dauernd. Ramananda Raya wird herausgefordert, allmählich den verborgensten Schatz seines Herzens zu enthüllen. Er spricht, wie er selbst sagt, längst nicht mehr aus eigener Kraft, sondern mit der Sakti, die ihm Krsna-Caitanya schenkt. Mit dieser göttlichen Kraft der reinen Erkenntnis und der Gottesfreude schildert er die Herrlichkeit der vertraulichsten Premabhakti in Vraja, d.h. das Glück der dienenden Liebe der Spielgefährten und Freunde, der Eltern und der geliebten Freundinnen Krsnas, der Gopis, zu Bhagavan Krsna, "ihrem ewigen Freund, der die Fülle des Brahman ist".)
Mahaprabhu: "Das ist köstlich. Das ist sicherlich der Höhepunkt aller Ziele, aber wenn du so gut sein willst, sage es, wenn es noch etwas Höheres gibt." Raya: "Ich weiß wirklich nicht, ob jemand vorher auf Erden darüber hinaus noch eine solche Frage gestellt hat."
(Nun schildert er auf Wunsch Caitanyas ausführlich - auf der Basis der Sastras - das Wesen der erlesensten aller Gopis, Radhas, als die Essenz der Cit-Sakti, als die ewige Gestalt der Freudenkraft Bhagavans [Hladini-Sakti], die Bhagavan unermeßliches Glück zu schenken vermag und durch die Er Sich Selbst am tiefsten erlebt. Er schildert das Wesen der beiden, die eins sind, und deren Premabhakti zueinander seit Ewigkeit ... bis Caitanya ihm mit der Hand den Mund zuhält: nun solle er abbrechen.)
Raya: "Das, was Du mich aussprechen machst, das eben sage ich. Was ich sage - ob es gut oder falsch ist, weiß ich nicht. Gibt es in den drei Welten irgendwo einen so fest in sich gegründeten Weisen, daß er unbeweglich bleiben könnte im Tanzdrama Deiner Lila?"
So ging - in Prema versunken - die ganze Nacht dahin. Am Morgen brachen beide auf, um ihre jeweiligen Pflichten zu tun. Beim Abschied fiel Raya Ihm zu Füßen und bat Ihn flehentlich: "Um mir Gnade zu erweisen, bist Du hierhergekommen; bleibe zehn Tage hier und läutere meinen bösen Sinn. Außer Dir vermag niemand den Jiva zu erretten, und außer Dir vermag niemand Prema zu Krsna zu geben."
Mahaprabhu: "... Von zehn Tagen kann gar keine Rede sein, so lange wie Ich lebe, kann Ich deine Gesellschaft nicht entbehren. In Puri werden du und Ich beisammen sein, und in Ruhe und Frieden werden wir unsere Tage in Freude im Berichten von Krsna verbringen."
Darauf gingen beide fort, um ihre jeweiligen Pflichten zu tun - am Abend kam Raya zu Ihm. Sie umarmten einander, saßen an einem stillen einsamen Ort nieder und in Ananda stellten sie Fragen und gaben sie Antworten. Mahaprabhu fragte, Raya antwortete - so verbrachten sie die Nacht.
Mahaprabhu: "Was ist die beste von allen Wissenschaften?" Raya: "Außer der Wissenschaft von Krsna-Bhakti gibt es keine andere Wissenschaft."
Mahaprabhu: "Was ist der größte Ruhm, den ein Mensch haben kann?" Raya: "Ruhm haben, heißt als Premabhakta Krsnas bekannt sein."
Mahaprabhu: "Unter allen Formen von Reichtum - was ist der wahre Reichtum?" Raya: "Prema zu Radha-Krsna ist der wahre Reichtum."
Mahaprabhu: "Was ist das größte Leid?" Raya: "Außer dem Leid des Getrenntseins von dem Bhakta Krsnas gibt es überhaupt kein Leid."
Mahaprabhu: "Wer ist wirklich ein Freier (mukta) unter den Freien?" Raya: "Wer Prema zu Radha-Krsna hat, der ist ein wahrhaft Freier."
Auf diese Weise verbringen beide die ganze Nacht im Rasa des Berichtens von Krsna, tanzend, singend, weinend. Am Morgen gingen beide wiederum an ihre Pflichten und trafen sich wieder am Abend.
Während des Beisammenseins unterhielten sie sich mit Gesprächen über Krsna. Dann fiel Raya zu Gauras Füßen nieder und bat: "Das Wesen Krsnas, das Wesen Radhas, das Wesen des Prema, des Rasa, das vielfache Wesen der Lila - so viel ist in meinem Herzen lebendig geworden, als ob Narayana den Brahma die Veden empfangen ließe. Das ist das Wesen Gottes, des inneren Lenkers, daß Er äußerlich gar keine Worte spricht, aber im Herzen die Sache selbst aufleuchten macht. Doch ein Zweifel blieb in meinem Herzen; erweise mir Gnade und beseitige ihn.
Vordem sah ich Dich als einen Sannyasi, doch jetzt sehe ich Dich als einen jungen Hirten (gopa), dunkelblau leuchtend (syama). Vor Dir sehe ich eine goldene Gestalt, deren goldenes Leuchten überdeckt Deinen ganzen Körper. Ich sehe darin offenbart den Mund mit der Flöte und im Ausdruck mannigfaltiger Prema sind die Lotosse Deiner Augen unstet. Wenn ich Dich so sehe, bin ich tief erstaunt. Prabhu, sage mir ohne Verstellung, was ist der Grund dafür?" (Noch einmal will Krsna-Caitanya Sich ihm entziehen.)
Mahaprabhu sagt: "Du hast ganz dichte Premabhakti zu Krsna. Was du siehst - das liegt eben in der Natur der Prema. Wenn der ganz große Bhakta irgend etwas sieht, was unbeweglich oder beweglich ist, so leuchtet ihm eben dort Sri Krsna auf. Ob er Bewegliches oder Unbewegliches sieht, so sieht er gar nicht mehr dessen Gestalt, sondern überall leuchtet vor ihm die geliebte Gottheit seines Herzens. Du hast ganz starke Prema zu Radha-Krsna. Deshalb leuchtet dir überall Radha-Krsna auf."
Raya sagt: "Prabhu, Du bist wirklich ein Meister im Verstellen; verheimliche Dein eigenes Wesen nicht vor mir! Du hast den Glanz der Liebe Radhas Dir zu eigen gemacht! Um Deinen eigenen Rasa zu erleben, bist Du Avatara geworden. Deine eigentliche geheime Absicht ist Erleben von Prema. Ganz nebenbei geschieht es, daß Du die drei Welten mit Prema erfüllst. Du bist gekommen, um mich zu befreien - und nun verstellst Du Dich - was soll das!?"
Da lächelte Mahaprabhu und ließ ihn Sein eigenes Wesen sehen: Krsna, den König des Rasa (rasaraja), und Radha, die Gestalt höchster Premabhakti (mahabhava), beide eine Gestalt.
Ramananda Raya sah es und wurde ohnmächtig in Ananda; er konnte den Körper nicht aufrecht halten und fiel zu Boden. Mahaprabhu brachte ihn mit der Berührung Seiner Hand wieder zum Bewußtsein zurück; und als Raya Ihn wieder im Sannyasi-Gewand sah, war er erstaunt.
Mahaprabhu umarmte ihn, ermutigte ihn und sagte: "Außer dir hat niemand diese Gestalt gesehen. Du hast Erkenntnis von Meinem Wesen und Meiner Lila und Meinem Rasa - deshalb habe Ich dich Meine Wesensgestalt sehen lassen. Mein Körper ist nicht Gauranga (gaura-anga, Goldgestalt), die goldene Farbe stammt von der Berührung mit Radhas Körper. Außer dem Sohne Nandas (Krsna) berührt sie niemanden. Von ihrer Liebe ist Mein ganzes Wesen durchdrungen und also erlebe Ich die Lieblichkeit Meiner Selbst. Vor dir habe Ich keinen Grund, etwas zu verheimlichen und zu verbergen. Durch die Kraft der Prema weißt du den ganzen geheimen Sinn. Halte alles verborgen und teile es niemals mit. - Die Welt würde nur spotten - ist Mein Tun doch wie das Tun eines Irren. Ich bin der eine Narr und du bist der andere. So sind wir beide einander gleich."
So verbrachte Er in Gesellschaft Ramananda Rayas zehn Nächte in der Freude des Berichtens von Krsna. Viele tiefe Geheimnisse der Vraja-lila wurden erörtert, doch haben sie kein Ende.
Dann bat Mahaprabhu Ramananda Raya aufbrechen zu dürfen und sagte ihm beim Abschied: "Laß die weltlichen Dinge; gehe nach Puri! Ich will Meine Pilgerfahrt rasch beenden und bald kommen. Wir beide werden in Puri sein und in Glück die Zeit mit Berichten von Krsna zubringen." Dann umarmte Er Ramananda, schickte ihn fort und begab Sich zur Ruhe. Am Morgen machte Mahaprabhu Sich auf den Weg, grüßte ehrend eine Bildgestalt Hanumans und brach nach dem Süden auf.
Inhaltsverzeichnis
Sanskrit-Worterklärung
Fortsetzung
www.bhakti-yoga.ch
|