Sarvabhauma begegnet Sri Caitanya Mahaprabhu
Über die Begegnung Caitanyas mit Sarvabhauma, einem der tonangebenden indischen Philosophen seiner Zeit, gibt es drei ausführliche Berichte, die leicht voneinander abweichen. Es treten drei verschiedene Schichten im Wesen Sarvabhaumas zu Tage.
Vrndavana Dasa, der Autor des Caitanya-bhagavata, ist mehr an den Gestalten und deren Spiel (lila) miteinander interessiert, und die Philosophie tritt dadurch leicht in den Hintergrund. Sarvabhaumas Zugehörigkeit zur ewigen Lila wird schon von Anfang an sichtbar. Im Caitanya-Candrodayam ist der gefeierte Lehrer äußerlich ein harter skeptischer Logiker. Im Caitanya-caritamrta wird gezeigt, daß er anfänglich im unpersönlichen Denksystem Sankaracaryas gefangen war. Alle drei Berichte jedoch münden einstimmig in die hier wiedergegebenen huldigenden Strophen, die Sarvabhauma Caitanya widmete, als er dessen wahres Wesen erkannte. - Der Hintergrund der Begebenheiten ist die tägliche mächtige Verehrung im Tempel Jagannatha-Krsnas. Sarvabhauma ist der oberste Priester dieses Tempels und einflußreicher Berater des Königs von Orissa. Seine außergewöhnliche Gelehrtheit zeigt sich besonders darin, daß sehr viele Sannyasis (Mönche), die als die Lehrer der gesamten Gesellschaft betrachtet werden, sich bei Sarvabhauma über Vedanta belehren ließen, obschon er ein Haushälter (Verheirateter) war.
Die Verehrung der Bildgestalt Sri Jagannathas in Puri ist sehr alt. Im siebten Akt des Caitanya-Candrodayam wird geschildert, wie das Brahman in Menschengestalt (Krsna-Caitanya) und die Bildgestalt Jagannatha-Krsnas im Tempel einander anblicken - und es wird betont, daß kein Unterschied zwischen beiden besteht.
(Caitanya-bhagavata III,2)
Mit dem Schritt eines trunkenen Löwen ging Er schnell und betrat das Innere der Tempelburg. Es war Gottes Wunsch, daß gerade zu dieser Zeit Sarvabhauma kam, um Jagannatha zu sehen. Da kam Mahaprabhu, das Leben der Welt, und schaute (die Bildgestalten) Jagannatha (Krsna), Subhadra (Krsnas Schwester, die Yogamaya) und Sankarsana (Balarama). Als Mahaprabhu Jagannatha sah, brüllte Er laut (humkara) und wollte Jagannatha umarmen. Von Ananda überwältigt, tat Er einen Sprung; nach allen Seiten spritzten die Tränen Seiner Augen und in einem Augenblick von Ananda (Glückseligkeit) stürzte Er ohnmächtig hin.
Die törichten Tempelwachen sprangen hin, um Ihn zu schlagen, doch schnell hinderte sie Sarvabhauma daran, denn er dachte: "Eine solche Sakti kann ein bloßer Mensch nicht haben. Dieses Brüllen, Donnern, dieser Premastrom, das ist Offenbarung von etwas Überweltlichem." Sarvabhauma schüchterte die Tempelwachleute ein, die nun in Entfernung voll Furcht saßen. Mahaprabhu ist fast ohne Bewußtsein. Er, der Herr von Vaikuntha, sah nur Jagannatha, Seine eigene geliebte Gestalt.
Mahaprabhu war versunken in Sein Wesen als Bhakta. Ohne Bewußtsein der Außenwelt trieb Er in den Fluten des Prema-Ozeans. Sarvabhauma sorgte dafür, daß Seine Ananda-Ohnmacht nicht gestört werde. Schließlich beschloß Sarvabhauma, Mahaprabhu in sein Haus zu bringen. Er gab der Tempelwache den Auftrag, "dieses Menschenjuwel" aufzuheben. Sie tun es nach der Art, wie beim Wagenfest die Bildgestalt Jagannathas vom Thron auf den Wagen gehoben wird. Wer versteht das geheimnisvolle Benehmen des Herrn, daß Er auf diese Weise vom Throne im Tempel in Sarvabhaumas Haus kam! Unter Hari-Rufen trugen sie Ihn fort, als gerade Seine Bhaktas hinzukamen und sahen, wie die Leute Ihn forttrugen, so wie Ameisen ein Reiskorn tragen.
Sarvabhauma gab den Bhaktas einen Führer mit, damit sie zum Anblick Jagannathas gehen konnten. Doch der Mann, der ihnen Jagannatha zeigen sollte, mahnte, sie sollten sich recht gesetzt benehmen und es nicht so wie der Gosvami machen. "Ich verstehe nicht, was für eine Art von Leuten ihr seid. Erst beruhigt euch und dann kommt in den Tempel. Denn einer von euch hat sich so aufgeführt, daß es ein Wunder ist, daß Jagannatha noch auf dem Throne sitzt. Einem anderen hätte es das Leben gekostet, so schwer ist Er auf den Boden gestürzt! Ihr seid seltsame Leute. Also, bitte nehmt euch zusammen!"
Die Bhaktas lachen und versichern ihm, sich recht benehmen zu wollen. Dann schauen sie Jagannatha, den in vierfacher Entfaltung sichtbar Offenbarten (als Jagannatha, Balarama, Subhadra und als das Sudarsana-Cakra). Alle werfen sich grüßend Gott zu Füßen. Die Tempelbrahmanas bringen Jagannathas Blumenkränze und geben sie den Bhaktas. Schnell gehen sie dann zu Sarvabhaumas Haus. Dort liegt Mahaprabhu noch immer unverändert in Ananda-Ohnmacht. Sarvabhauma weilt zu Seinen Füßen. Alle Bhaktas singen: "Rama! Krsna!"
Dann erhebt Er Sich, der das Leben aller Welten ist. Die Bhaktas rufen "Hari!" Mahaprabhu erlangt wieder Seine Fassung und fragt, was Ihm heute zugestoßen sei. Nityananda berichtet: "Als Du Jagannatha bloß sahst, bist Du sofort ohnmächtig geworden. Sarvabhauma war zufällig im Tempel und brachte Dich in sein Haus. Überwältigt vom Versunkensein in Ananda bist Du seit neun Stunden ohne Bewußtsein der Außenwelt. Da vor Dir sitzt Sarvabhauma und grüßt Dich."
Mahaprabhu: "Jagannatha ist sehr gnadenreich, daß Er Mich in Sarvabhaumas Haus bringen ließ. Ich war besorgt, wo Ich euch alle wiederfinden werde; leicht ist Mein Wunsch erfüllt worden. Hört, was Mir heute geschah: Ich sah Jagannatha in Meinem Herzen. Ich sprang, um Ihn zu erfassen; weiter weiß Ich nichts. Glücklicherweise war Sarvabhauma gegenwärtig und verhütete eine Katastrophe." Nityananda: "Alles ist also gut gegangen. Nun geht alle schnell und badet, es ist schon spät." Mahaprabhu zu Nityananda: "Nityananda, du wirst Mich beaufsichtigen, heute habe Ich dir Meinen Körper übermacht." Alle baden in Premafreude, sitzen zusammen, Er lacht. Sarvabhauma läßt Mahaprasada bringen. (Mahaprasada ist das Opfermahl, das vorher in Verehrung Jagannatha dargebracht worden war; wörtlich bedeutet Mahaprasada: große göttliche Gnade.) Mahaprabhu grüßt verehrend das Mahaprasada, weist die Bhaktas an, die besonders guten Speisen zu essen und Ihm einfach nur das Gemüse zu geben. Er ißt vom goldenen Teller, auf dem Ihm Sarvabhauma zu essen gibt.
(Caitanya-bhagavata III,3)
Da geschah es, daß Mahaprabhu eines Tages einsam mit Sarvabhauma zusammen war, und Er sagt zu ihm: "Heute will Ich vor dir aussprechen, was Ich auf dem Herzen habe. Als Ich zum Anblick Jagannathas kam, da war der Zweck: Du! Du warst und bist Mein Freund - du mußt Mir von Jagannatha berichten. In dir ist Krsnas Sakti voll gegenwärtig, du vermagst Mir Premabhakti zu Krsna zu geben. Ich habe bei dir Meine Zuflucht genommen, tue alles, was du kannst, zu Meinem Heil! Sage Mir, welche Regeln soll Ich beachten, wie soll Ich Mich verhalten, damit Ich nicht in den wasserlosen wüsten Brunnen der Wandelwelt stürze!"
In ähnlicher Weise verübt Sri Hari mannigfaltige Täuschungen und Sarvabhauma, der Caitanyas Gotteswesen nicht erkannte, erläutert Ihm die verschiedenen religiösen Pflichten der Jivas. Er erklärt: "Zu dem, was Du sagst, kann ich nur sagen, daß Mir an Dir alles gefällt. Bhakti ist in Dir aufgegangen (wie die Sonne), unerhört. Krsnas Gnade ist mit Dir. Nur eines hast Du getan, was sich nicht ziemt. Du Selbst bist so klug und weise; doch warum hast Du Sannyasa genommen! Sieh Selbst und denke nach, was an einem Sannyasi dran ist. Vor allem hat er starke Bindung durch Dünkel! Er trägt den Stab in der Hand, hält sich für einen großen Weisen, ist voll Stolz, grüßt keinen, ja er erwartet, ohne sich zu fürchten, den ehrerbietigen Gruß von solchen, deren Fußstaub er selbst, den Veden gemäß nehmen sollte. Dieser Dünkel ist keineswegs gut. Denn das Bhagavatam sagt: 'Da Bhagavan als Teilaspekt Seines Teilaspektes (in Gestalt des inneren Lenkers) in alle Wesen eingegangen ist, soll er allen Wesen - bis zum Hund und zum Wilden - zu Füßen fallen und sie ehrend grüßen.' Das ist die religiöse Pflicht des Vaisnava. Er soll alle grüßen. Der Flaggenträger der Religion (Sannyasi) hat dazu keine Lust. Also - Opferschnur und Haarlocken ablegen - wozu? Ehrfurcht erweisen, nicht Ehrfurcht entgegennehmen, das ist großes, großes Glück. Wenn Du nun einwendest, daß Madhavendra Puri und andere große Seelen, doch auch Sannyasa genommen haben, dann sage ich: Bedeutet es, daß Du das in Deinem Alter tun kannst. Diese (Großen) haben während drei Vierteln ihres Lebens das Leben genossen und haben dann später Sannyasa genommen, doch Du bist gerade im Jugendalter. Man kann auch nicht sagen, daß Du zur Erfüllung des höchsten Lebenszieles ein Bettelmönch werden wolltest, denn (das höchste Lebensziel) Bhakti ist ja bereits in Dir. Das, was die großen Munis und Yogis nicht erlangen können, das hast Du ja schon. Also wozu Deine Verirrung, ein Sannyasi zu sein!"
Als Gaura-Narayana diese Worte Sarvabhaumas über den Bhaktiyoga hörte, freute Er Sich sehr und sagte: "Vernimm, edler Sarvabhauma, du mußt Mich keineswegs für einen solchen Sannyasi halten. In Trennung von Krsna ist Mein Sinn verwirrt worden; Ich verließ das Haus und ließ Schnur und Haar. Bitte, höre auf, Mich für einen Sannyasi zu halten. Habe Gnade zu Mir, so daß Mein Sinn sich Krsna zuwende." So betörte Mahaprabhu Seinen eigenen Diener mit Seiner Maya; wie hätte Sarvabhauma Ihn erkennen können? Wenn Er nicht die Kraft gibt, Ihn zu erkennen, wer könnte Ihn erkennen!
Isvara spricht mit Seinem Diener, der Ihn nicht erkennt und ist hoch erfreut und zufrieden mit ihm. Ewiglich spielt Mahaprabhu mit Seinen Dienern und um ihretwillen wird Er Selbst Avatara.
(Caitanya-caritamrta II,6)
Sarvabhauma fing an, Mahaprabhu den Vedanta vorzutragen. In Zuneigung sagte er zu Ihm: "Es gehört zur Pflicht des Sannyasi, daß er Vedanta hört. Höre also täglich Vedanta!" Mahaprabhu: "Du bist gut zu Mir. Es ist wirklich deine Pflicht, daß du Mir sagst, was Ich zu tun habe."
Sieben Tage hörte Er zu, ohne Sich zustimmend oder abfällig zu äußern. Am achten Tage sagte Sarvabhauma: "Du hast nun sieben Tage Vedanta gehört, doch äußerst Du Dich nicht dazu, schweigst bloß. Ich weiß nicht, ob Du Vedanta verstehst oder nicht." Mahaprabhu erwidert: "Ich bin einfältig, habe nichts studiert; du hast Mich angewiesen, und deshalb höre Ich zu. Ich erfülle Meine Sannyasipflicht und höre zu. - Deine Kommentare aber vermag Ich nicht zu verstehen." Sarvabhauma: "Wenn jemand sieht, daß er etwas nicht versteht, dann wird einer doch immer wieder und wieder Fragen stellen, doch Du hörst zu und hörst zu und sagst kein Wort - was in Deinem Sinn vorgeht, verstehe ich nicht."
Mahaprabhu gibt zu erkennen: "Den Sinn des (Vedanta-) Sutra verstehe Ich klar und deutlich, deine Erklärung (im Sinne Sankaracaryas) aber stört Meinen Geist. Es ist doch die Aufgabe eines Kommentators den Sinn des Sutra (Verses) klar zu machen, doch dein Kommentar verschleiert Mir den Sinn des Sutra. Du erklärst die Sutras nicht ihrem unmittelbaren Wortsinn entsprechend, sondern verschleierst den Sinn durch eine zusammengereimte Erklärung. Den unmittelbaren Wortsinn, den die Worte der Upanisaden enthalten, eben diesen unmittelbaren Wortsinn spricht Vyasa in den Brahma-Sutras aus. Du aber läßt den direkten Wortsinn beiseite und erfindest einen sekundären Wortsinn; die unmittelbar sinnerhellende Kraft eines Wortes gibst du auf und gibst einen sekundären abgeleiteten Wortsinn. Der Sinn der Sutras des Vyasa ist wie die Strahlen der Sonne, während die selbsterfundenen künstlichen Kommentare so wie Wolken sind, die den Sinn der Sutras bloß verhüllen. Die Definition, welche die Veden und Puranas vom Brahman geben, ist diese: 'Das Brahman ist das ganz Große mit dem Kennzeichen des Herr-Seins.'
(Im Vollsinn des Wortes wird der Ausdruck "Brahman" für das Absolute überhaupt, "das ganz Große" gebraucht, das schließt also ein, was die Schriften als "Bhagavan", den persönlichen Gott an sich, und als "Paramatma", den persönlichen Gott in Seiner Beziehung zur Welt, und als das "Brahman" im engeren Sinn des Wortes bezeichnen, nämlich den unendlichen Lichtglanz, der von Bhagavan und Paramatma ausgeht. Vgl. Krsnas Worte in der Bhagavad-gita 14.27: "Ich bin die Grundlage des Brahman!")
Wie kommst du dazu, zu erklären, daß Bhagavan Selbst, der voll und ganz Allmacht und Herrscherkraft besitzt, gestaltlos sei? Eben dieselbe Sruti (veda), die mitteilt, daß Er frei von den Eigenschaften der Welt ist, sagt aus, daß Er durch überweltliche Eigenschaften gekennzeichnet ist. Die Welt stammt aus dem Brahman, hat ihr Leben durch das Brahman und in das Brahman verschwindet sie wieder. Diese drei Kennzeichen also, daß Bhagavan (das höchste Brahman) Ablativ, Instrumentalis und Locativ der Welt ist, beinhalten, daß Er Eigenschaften hat. Der Sinn der Aussagen der Veden ist verborgen und nicht leicht zu erkennen; es sind die Aussagen der Puranas, die den Sinn eines vedischen Wortes klar machen.
'O wie groß, o wie groß ist das Glück der Bewohner von Nandas Vraja, denn sie haben zum ewigen Freunde das höchste Glück, (Krsna) die Fülle des Brahman.' (Bha X,14.32; aus der Hymne Brahmas an Krsna)
Das innere Wesen des Herrn ist ganz Sein- Erkenntnis-Glück. Die Ihm Selbst ganz eigene Cit-Sakti hat dementsprechend drei Seinsweisen: Sie ist Hladini, (die Kraft) die dem Aspekt des göttlichen Glücks entspricht. Sie ist Sandhini, (die Kraft) die dem Aspekt des wahren Seins entspricht. Sie ist Samvit, (die Kraft) die dem Aspekt der reinen Erkenntnis entspricht.
Die Ihm ganz innerlich eigene (Kraft) ist die Cit-Sakti. Die Ihm ganz äußerlich eigene (Kraft) ist die Maya-Sakti. Die an der Grenze (dazwischen) liegende (Kraft) ist die Jiva-Sakti. Alle drei dienen Ihm in Prema. Die sechsfache Allgewalt und Kraft des Herrn ist eine Entfaltung der Cit-Sakti; es ist schon eine Vermessenheit, diese Sakti ablehnen zu wollen. Wundere dich nicht, daß Bhakti zu Bhagavan (dienende Liebe zu Gott) das wirklich höchste Ziel ist, denn selbst diejenigen, die wissen, wer ihr Atma (ihr wahres Selbst) ist, verehren liebend den Herrn. Solcher Art sind die unausdenkbaren Eigenschaften Bhagavans.
Sogar diejenigen, die frei sind von dem Knoten des Herzens (d.h. die, die nicht mehr den Atma mit ihrem Körper und ihrem Verstand, also mit den grob- und feinstofflichen Hüllen, gleichsetzen), die in der Freude des Atma leben und die großen Weisen, sie hegen dienende erkennende Liebe (Bhakti), die nichts mehr für sich selbst begehrt, zu dem 'Weithinschreitenden' (Gott). Solcher Art sind die (überweltlichen) Eigenschaften Haris." (Das ist der berühmte Atmarama-Vers aus dem Srimad Bhagavatam I,7.10 . Der 'Weithinschreitende' ist ein uralter Name des von Zeit und Raum unbegrenzten Herrn, Visnu).
Als er das hörte, sagte Sarvabhauma: "Ich möchte gern den Sinn dieses Verses hören." Doch Mahaprabhu sagte: "Laß Mich zuerst deine Erklärung hören. Ich will daraufhin Meine Sinndeutung geben, so weit Ich sie weiß." Sarvabhauma willigte ein und erklärte diesen Vers. Im Sinn der Beweisführung der Logik gab er einige Deutungen.
Als Mahaprabhu neun verschiedene Sinndeutungen gehört hatte, die auf der Methode der Logik aufgebaut waren, sagte Er lächelnd: "Du bist wirklich Brhaspati (der beredsame Lehrer der Devas in den himmlischen Planetensystemen). Niemand außer dir hat die Kraft solchen Sastra-Erklärens. Du hast den Sinn mit viel Aufwand von Gelehrsamkeit gegeben, doch gibt es außerdem noch eine Menge von Bedeutungen, auf die dieser Vers abzielt."
Der Bitte Sarvabhaumas entsprechend, erklärte nun Mahaprabhu: "Dieser Vers, der mit 'atmarama' beginnt, hat elf Worte." Zuerst erklärte Mahaprabhu Sarvabhauma den Sinn jedes dieser Worte für sich. Dann erklärte Er, indem Er die wichtigsten Worte mit dem ersten Wort 'atmarama' in Verbindung setzte. Den Sinn des ganzen Verses im Auge behaltend, gab Er noch weitere achtzehn Sinngebungen, sprach von Bhagavan, Seiner Sakti, Seinen göttlichen Eigenschaften und von der unausdenkbaren, unausdrückbaren Kraft dieser drei. "Diese drei, Bhagavan, Seine Sakti und Seine göttlichen Eigenschaften stellen alles in den Hintergrund, was es sonst noch an Zielen und Wegen zu den Zielen gibt - und sie rauben den Sinn der Vollendeten, so wie der Strebenden." Auf diese Weise gab Er viele Erläuterungen des Verses.
(Sri Caitanya erklärte diesen Vers - hier dem Sarvabhauma und später noch ausführlicher dem Sanatana Gosvami - auf insgesamt 61 verschiedene Arten und immer im Sinne der Bhakti. Die detaillierten Erklärungen findet man im Cc II,24. Kapitel.)
Sarvabhauma hörte zu und war sehr erstaunt. Er erkannte, daß Sri Caitanya Krsna Selbst ist und verwünschte sich: "Er ist Krsna Selbst - In meiner Anmaßung erkannte ich es nicht. Ich beging ein großes Vergehen gegen Ihn." Er tadelte sich selbst heftig und nahm seine Zuflucht bei Ihm. Mahaprabhu erwies ihm Gnade und ließ ihn Seine eigene Gestalt schauen. Zuerst die vierarmige Gestalt (der Gottesmajestät) und dann die (liebliche) Krsnagestalt, Seine eigentlichste Gestalt mit der Flöte.
Sarvabhauma schaute, fiel wie ein Stock auf den Boden, erhob sich und rezitierte mit gefalteten Händen einen Hymnus. Durch Mahaprabhus Gnade leuchteten ihm alle ontologischen Wahrheiten auf und er wurde fähig, die Größe Mahaprabhus, ebenso wie die des Gottesnamens, des Schenkens der Premabhakti usw. zu beschreiben. Hundert Verse verfaßte Sarvabhauma in Kürze, das ist mehr als selbst Brhaspati vermag.
Mahaprabhu freute Sich und umarmte ihn. Von Prema überwältigt, wurde Sarvabhauma bewußtlos; Tränen, Starrwerden, Härchensträuben, Zittern, Schweiß, heftiges Zucken. Er tanzte, sang, weinte und fiel Mahaprabhu zu Füßen. (Eine Reihe von Sattvika-Bhavas und Anubhavas - besondere körperliche Symptome der Liebe zu Gott - werden bei Sarvabhauma sichtbar.)
"Daß Du die Welt errettest, das ist nur wenig, doch daß Du einen (Sünder) wie mich errettet hast, wahrlich, das ist unerhörte Kraft. Ich war träge wie ein Eisenklumpen im System der Logik gefangen; Du bist wie ein wildes Feuer und hast mich zum Schmelzen gebracht." (Die Umwandlung des berühmten Logikers Sarvabhauma hat weit über die Grenzen des großen Reiches Orissa hinaus einen nachhaltigen Eindruck gemacht.)
Zwei von Sarvabhauma verfaßte Verse, erlangten besondere Berühmtheit. Sie lauten:
"Laßt mich bei Sri Krsna, dem höchsten Herrn, Zuflucht suchen, der in der Form Sri Caitanya Mahaprabhus herabgestiegen ist, um uns wirkliches Wissen, Seinen hingebungsvollen Dienst und Loslösung von allem, was nicht Krsna-Bewußtsein fördert, zu lehren. Er stieg herab, weil Er ein Ozean überweltlicher Barmherzigkeit ist. Laßt mich bei Seinen Lotosfüßen Zuflucht nehmen."
"Möge mein Bewußtsein, das einer Honigbiene gleicht, bei den Lotosfüßen des Herrn Zuflucht suchen, der jetzt gerade als Sri Krsna-Caitanya Mahaprabhu erschienen ist, um das uralte System des Bhakti-yoga zu Sich Selbst wiederzubeleben. Dieses System war durch den Einfluß der Zeit fast verloren gegangen."
(Cc II,6.254-255)
Inhaltsverzeichnis
Sanskrit-Worterklärung
Fortsetzung
www.bhakti-yoga.ch
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