Sri Caitanya auf dem Weg nach Puri
(Caitanya-bhagavata III,2)
Gauranga aber schreitet in der Richtung nach Puri, in freudigem Spiel; und mit Ihm Nityananda, Gadadhara, Mukunda, Govinda, Jagadananda, Brahmananda. Da unterwirft Er sie alle einer Prüfung und fragt: "Sagt, wer hat etwas für den Lebensunterhalt auf der Reise mitgenommen?" Sie antworten: "Herr, hat ohne Deine Anordnung irgend jemand die Kraft, etwas mitzunehmen!" Als Er es hört, ist der Herr sehr zufrieden und sagt: "Daß keiner von euch auch nicht das Geringste mitgenommen hat, das macht Mich sehr froh. Das, was einem auf Grund seines Tuns in der Vergangenheit zusteht, das erhält einer ganz sicher und sicherlich auch im Walde. Wenn Gott es bestimmt hat, daß einer fasten muß, muß er eben fasten, auch wenn er ein Königssohn ist. Selbst wenn alles da ist und zum Essen bereit, da entsteht plötzlich ein Streit und der Betreffende sagt im Ärger: 'Heute esse ich nicht!' Oder aber alles ist da - doch plötzlich bekommt einer Fieber und kann einfach nicht essen. Gottes Willen (der jedem sein eigenes Karma zuführt) war es, daß er fastet."
So unterwies Gott, der Herr Selbst die Welt. Wer es in Glaubensgewißheit bejaht, der wird freudig.
Am Ufer der Ganga kommt Mahaprabhu nach Candrabhoga, wo sich die Ganga in hundert Arme teilt.
Ramacandra Khan war ein reicher Mann. Das Dorf Candrabhoga war sein Eigentum. Obwohl er in Luxus lebte, hatte er großes Glück und war gesegnet - wie sollte er sonst Gelegenheit haben, Mahaprabhu sehen zu dürfen. Als er Mahaprabhus Kraftausstrahlung wahrnahm, erfüllte ihn Ehrfurcht. Er sprang von der Schaukel auf, auf der er ruhte und warf sich Ihm zu Füßen. Doch Mahaprabhu hatte kein Bewußtsein der Außenwelt. In Tränen des Premaglücks rief Er mit tiefer Stimme: "O Jagannatha, o Jagannatha!", stürzte auf die Erde und weinte heftig. Die innere Qual Mahaprabhus zu sehen, zerriß Ramacandras Herz; er sah, daß diese innere Qual sich nicht beruhigte. Es war ein Weinen, wie es nie in den drei Welten vorkommt. Als der Herr von Vaikuntha etwas beruhigt ist, fragt Er: "Wer bist du?" Ramacandra Khan fällt Ihm (abermals) zu Füßen und sagt verwirrt, mit gefalteten Händen: "Prabhu, ich bin der Diener der Diener Deiner Diener." Da sagten die Leute: "Er ist hier der Oberste des Ortes." Mahaprabhu: "Gut, morgen werde Ich nach Nilacala gehen." Doch beim bloßen Aussprechen des Wortes Nilacala-Candra (Mond von Nilacala = Krsna in der Form Jagannathas) fällt Er in Ananda-Tränen weinend zu Boden. Ramacandra Khan sagt: "Ich werde alles besorgen. Doch es ist eine schreckliche Zeit. Man kann auf keiner Straße nach Nilacala sicher sein. Die Herrscher haben an vielen Orten dreizackige Eisen in die Erde gebohrt, welche der Wanderer nicht sehen kann, und wenn er in die Eisen gerät, kann er sich nicht rühren und geht zugrunde. Welchen Weg man auch einschlägt und wenn man sich auch verbirgt, überall lauert Gefahr. Mein Einfluß ist sehr beschränkt und ich kann wenig tun. Doch was ich vermag, will ich sicherlich tun. Jetzt bitte ich Dich, wenn Du mich als Deinen Diener betrachtest, iß mit den Deinen. Ich will weder den Verlust von Kaste, Leben oder Besitz scheuen und Dich noch heute Nacht von hier fortschicken." (D.h. gegen den Befehl des mohammedanischen Königs hilft Ihm Ramacandra Khan, Seinen Weg fortzusetzen.)
Da lacht der Herr von Vaikuntha, freut Sich und schenkt ihm Seinen heilverheißenden Blick, der sofort alle Bindungen des Ramacandra Khan vernichtet. Der goldene Hari bleibt mit den Seinen im Haus dieses Brahmana, dessen gute Anlagen, die aus früherer Geburt stammen, nun Frucht tragen. Mit ungeteiltem Bhakti-yoga kocht der Brahmana sorgfältigst, doch Mahaprabhu ist versunken in Sich Selbst und hat keinen Blick für andere Dinge.
Er Selbst weiß Sich als Jagannatha und (im nächsten Augenblick) ist Er (als Radha, die von Jagannatha getrennt ist,) wieder in einer inneren Verzweiflung, die alle mit sich nimmt. Wenn Er einem Jiva nicht den Blickstrahl Seiner Gnade schenkt, hat dieser nicht die Kraft, Ihn zu verstehen.
Mahaprabhu sitzt mit Nityananda und den anderen, die Ihm lieb sind, zum Essen nieder, ißt ein klein wenig - und schon steht der goldene Hari wieder auf und brüllt (humkara). Während Er Sich wäscht, ruft Er mit tiefer Stimme: "Wie weit ist es bis zu Jagannatha?" Da fing Mukunda mit Kirtana an und der göttliche Herr von Vaikuntha fängt an zu tanzen.
Wie reich an gutem Glück waren die Bewohner von Candrabhoga, daß sie alle den Spieler von Vaikuntha tanzen sehen durften! Tränen, Zittern, Brüllen, Härchensträuben, Erstarren, Schweiß - wer versteht das! Tränen der Prema fließen aus Seinen wundersamen Augen wie die Ganga am Ende der Regenzeit. Sri Caitanya als Avatara besteht ganz aus Prema, außer Ihm hat niemand ein solches Maß an Sakti.
So ging die Nacht bis zur sechsten Stunde dahin, dann erst beruhigte Er Sich - doch waren diese sechs Stunden für alle wie ein Augenblick. Es war Sri Caitanyas Gnade, daß sie es als so kurze Zeit erlebten.
Dann kam Ramacandra Khan und teilte Mahaprabhu mit, daß das Boot gekommen sei. Sofort eilt Mahaprabhu mit Hari-Rufen und steigt in das Boot. Zum Abschied schenkt Er allen Blicke, die Heil verheißen. So ging Mahaprabhu fort nach Nilacala, Seinem eigenen Wohnort. Auf Seinen Wunsch tat Mukunda Kirtana, als das Boot losfuhr, doch der dumme Bootsmann sagte: "Es ist zweifelhaft, ob man heute am Leben bleibt. Am Ufer ergreifen einen die Tiger und schleppen einen fort - und wenn man ins Wasser fällt, fressen einen die Krokodile. Hier in diesen Wassern halten sich Räuber auf, die einem sowohl Besitz wie Leben rauben. Also, ehe wir nicht im Lande Orissa ankommen, bitte ich euch alle, seid stumm!" Da bleiben alle still. Sri Mahaprabhu aber treibt im Ozean der Fluten der Prema. Plötzlich steht Er auf, brüllt und sagt: "Vor wem fürchtet ihr euch!? Da ist das Sudarsana-Cakra. Es ist überall, wo die Vaisnavas sind und vernichtet allen Widerstand. Sorgt euch nicht! Tut Krsna-Sankirtana; seht ihr denn nicht, da - das Sudarsana-Cakra! Es schwirrt dort!" In Ananda tun sie Kirtana.
So benützte Mahaprabhu diese Gelegenheit, um zu lehren, daß das Sudarsana ununterbrochen die (reinen) Bhaktas schützt. Jeder Sünder, der gegen die Vaisnavas Gewalt übt, der verbrennt im Feuer des Sudarsana zu Asche. So kommt Mahaprabhu im Rasa des Sankirtana nach Orissa, das Boot legt am Prayaga-Ghat an; Er steigt ans Land.
Der Herr Vaikunthas geht Selbst von Haus zu Haus und bettelt als Sannyasi und segnet dadurch die Jivas. Mit dem, was Er gesammelt hat, kommt Er freudig zu den Bhaktas zurück. Sie lachen alle, als sie die Menge sehen und sagen: "Prabhu weiß uns zu ernähren!" Jagadananda macht sich zufrieden ans Kochen und sie alle essen. Die ganze Nacht verbringen sie mit Sankirtana; beim Morgengrauen bricht Mahaprabhu auf.
Da kommen sie auf dem Wege zu einer Zolleinnehmerstelle. Der Bösewicht von Zöllner will niemanden ohne Zoll durchlassen. Er wundert sich, als er den Machtglanz des Herrn sieht und fragt Ihn: "Wie viele sind Deine Leute?" Mahaprabhu sagt: "Ich habe niemanden in dieser Welt und Ich gehöre niemandem. Ich bin der Eine, nicht zwei - und alle sind Mein!" Während Er es sagt, strömen Tränen aus Seinen Augen. Der Zolleinnehmer sagt: "Gosvami, setze Deinen Weg fort. Die anderen aber werde ich ziehen lassen, nachdem sie ihren Zoll bezahlt haben." (Gosvami: Herr der Sinne) Mahaprabhu ruft: "Govinda!" und setzt Seinen Weg fort. Abseits, nicht weit von ihnen setzt Er Sich hin. Er ließ sie alle allein und ging fort. Freude und Niedergeschlagenheit zugleich erfaßte die Bhaktas. Sie sehen, wie Er Sein Spiel tut, ohne Sich um jemanden zu kümmern, und das macht sie alle lachen. Doch erfaßte sie Niedergeschlagenheit beim Gedanken, daß Er allein gehe und sie wirklich zurücklasse. Doch Nityananda ermutigte sie und sagte: "Sorgt euch nicht. Uns verlassen - allein fortgehen? Nein, das tut der Gosvami nicht."
Der Zöllner sagt: "Ihr seid doch keine Sannyasis! Gebt mir den Zoll, der mir gebührt!" In der Nähe saß Mahaprabhu abseits von Seinen Begleitern, das Haupt gesenkt und weint, weint so laut, daß es Steine und Holz zum Weichwerden bringt. Der Zöllner hört es und wundert sich.
"Das kann doch kein Mensch sein, solche Ströme kann kein Mensch vergießen!" Höflich sagt er zu Seinen Begleitern: "Wessen Leute seid ihr?" und sie sagen: "Wir alle gehören zu Ihm; Er heißt Krsna-Caitanya. Alle Leute kennen Seinen Namen. Wir sind Seine Diener," und sie weinen. Als der Zöllner die Prema aller sah, da füllten sich seine Augen mit Tränen und er fällt Mahaprabhu zu Füßen und sagt: "Es ist die Frucht von Millionen Leben, daß ich Dich heute sehen durfte. O Ozean des Erbarmens, vergib mein Vergehen und gehe mit den Deinen sofort nach Nilacala." Mahaprabhu schenkt ihm Seinen Gnadenblick.
Auf dem Wege nach Nilacala erhalten alle Seinen heilverheißenden Blick. Im Glück der Prema zu Sich Selbst weiß Mahaprabhu nichts vom Wege; Tag und Nacht ist Er überwältigt vom Tranke des Prema-Rasa. Schließlich kommt Er zum Suvarnarekha-Fluß, badet, heiligt die Suvarnarekha, indem Er sie überkreuzt. Er und die Bhaktas eilen dahin. Nityananda bleibt etwas zurück, da wartet Er auf Nityananda, irgendwo niedersitzend. Nityananda ist ganz in Caitanyas Wesen versunken, brüllt, weint, lacht laut, donnert, schwimmt mitten im Fluß; bald ist sein Körper wieder voller Staub, er stürzt hin, tanzt, redet vor sich hin - es ist nicht erstaunlich, ist Nityananda doch Ananta selbst.
An irgend einem Ort geschah es, daß Jagadananda (In der Math-Ausgabe nicht Jagadananda sondern Gadadhara.) sich aufmachte, um Reis zu erbetteln. Er gab Caitanyas Mönchsstab, den er trug, Nityananda und sagte: "Bewahre den Stab des Herrn sorgfältig. Ich gehe zum Betteln und komme gleich wieder." Nityananda saß nieder, mit dem Stab in der Hand, im Inneren überwältigt. Er lacht und spricht im Spiele der Lila mit dem Stock und sagt: "O du Stab, es geziemt sich nicht, daß der dich trägt, den ich immer in meinem Herzen trage!" Der starke Balarama brach den Stock in drei Stücke. Des Herrn Absicht kennt niemand außer dem Herrn Selbst. Wie soll ich wissen, warum er den Stab zerbrach? Nityananda kennt Gauras Herz und dieser kennt das Herz Nityanandas. In jedem Weltalter sind sie Brüder. Um verständlich zu machen, was Bhakti ist, ist das eine Absolute in zwei Teilen.
Da kam Jagadananda vom Bettelgang zurück und sieht den Stab in drei Stücke zerbrochen. Er ist verwundert und fragt Nityananda, wer den Stab zerbrach. Nityananda sagt: "Er, dem er gehört. Mahaprabhu Selbst zerbrach Seinen eigenen Stab - kann jemand außer Ihm Selbst Seinen Stab zerbrechen?" Jagadananda antwortet nicht und geht mit den drei Stücken in der Hand dorthin, wo Er sitzt. Jagadananda warf die drei Stücke so hin, daß Er sie sah. Mahaprabhu fragte: "Sag, wie kommt es, daß der Stab zerbrach? Hast du etwa auf dem Weg mit jemandem Streit gehabt?" Da sagte Jagadananda, daß Nityananda den Stab zerbrochen habe. Mahaprabhu fragt Nityananda: "Sag an, warum hast du den Stab zerbrochen?" Nityananda: "Ich zerbrach den Bambus - wenn Du das nicht verzeihen kannst, dann bestrafe mich!" Mahaprabhu: "Sehr gut! In dem Stab (des Mönchs) sind alle Devas gegenwärtig und nach deiner Meinung ist es ein bloßer Bambusstock!" Mahaprabhu tat, als ob Er sehr zornig wäre und sagte: "Mein einziges Besitztum war der Stab - und der ist nun auch noch durch Krsnas Willen zerbrochen. Nun ist überhaupt niemand mehr mit Mir. - Entweder ihr geht voraus oder Ich!" Mukunda sagt: "Gehe Du voraus, wir werden folgen." Mahaprabhu sagt: "Gut! Gut!" und geht wie ein trunkener Löwe voraus; so schnell, daß man es kaum sehen kann.
Schnell kam Er in Jalesvara an und ging zum Anblick Jalesvaras (Sivas) als die Brahmanas gerade mit Lichterwehen, Musikinstrumenten und Gesang im Tempel die Puja verrichteten. Bei diesem Anblick verging Gauras Zorn. Als Er die Größe Seines geliebten Siva sah, tanzte Er in großem Ananda ohne Bewußtsein der Außenwelt. Mahaprabhu gab dadurch die Würde Sivas zu verstehen, denn Sein Bhakta Siva ist Ihm sehr teuer.
Da sind die Diener Sivas (die Tempelpriester) sehr verwundert und sagen: "Das ist sicherlich Siva selbst." Die Bhaktas kommen alle an und Mukunda und die anderen singen. Mahaprabhu freute Sich, als Er die Ihm Teuren sah. Er nahm Nityananda in Seine Arme und sagte ihm: "Du willst, daß Ich Mich verhülle und zerstörst Meine Kennzeichen als Sannyasi. Doch wie soll Ich dann Mein Sannyasi-Sein bewahren! Du willst Mich also zum Narren machen. Wenn du so fortfährst, wirst du Mich noch ganz ruinieren. Denn das, zu dem du Mich machst, das bin Ich eben; wahrlich, das werde Ich allen und überall sagen."
Als Nityananda hört, wie Mahaprabhu ihn lobt, senkt er sein Haupt in Scham. Dann kommt Mahaprabhu nach Kamalapur. Von da aus sah Er die Fahne (auf der höchsten Kuppel) des Tempels (von Puri) und geriet in den Ozean Seines eigenen göttlichen Glücks. Unerhört ist Sein Brüllen, Donnern, Zittern. Er schreitet voraus, nur nach der Fahne hinblickend, Strophen rezitierend. Nur eine halbe Strophe, die Bhagavan Gauracandra sagt, will ich mitteilen; hört aufmerksam zu.
"Über dem Tempelgebäude, Mich anschauend, steht Er mit lächelndem schönen Gesicht, mit im Lachen aufgeblühtem Lotosmund. Er in Gestalt des Knaben Gopala (Krsna als Kuhhirtenjunge)."
Mahaprabhu: "Seht, der Knabe Gopala steht auf der Spitze des Tempelgebäudes und nun, da Er Mich sieht, lacht Er." (Mahaprabhu weiß Sich als Radha, die Krsna nach langer Trennung endlich wiederfindet.)
Diese Strophe wiederholte Mahaprabhu immer wieder an diesem Tage. Auf das Rad (das Sudarsana-Cakra über der Kuppel) des Tempels hinschauend, Strophen rezitierend auf die Erde stürzend und Sich von neuem niederwerfend, kam Er (allmählich) auf die Hauptstraße (von Puri), ununterbrochen Prema offenbarend. Die Leute, die dank guter Anlagen aus früheren Leben das Glück hatten, Mahaprabhu zu sehen, sagten: "Das ist doch Narayana Selbst."
Inhaltsverzeichnis
Sanskrit-Worterklärung
Fortsetzung
www.bhakti-yoga.ch
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