Bestrafung Advaitas

(Caitanya-bhagavata II,19)

So spielt Mahaprabhu in Navadvipa, doch keineswegs vor allen Menschen, nur in den Häusern der Bhaktas; Er, zusammen mit Nityananda und Gadadhara. Die großen Gottgeweihten sind alle voll Glück, sie sehen nicht die Welt, sie sehen überall Krsna, denn keiner hat überhaupt Bewußtsein der Außenwelt. Die Bhaktas tun Sankirtana und denken an nichts anderes.
Von allen der Trunkenste ist Advaita. Sein Wandel ist unerforschlich, niemand versteht es. Wenn Visvambhara Bewußtsein der Außenwelt hatte (im Bewußtsein war, ein Bhakta zu sein, nicht der Herr), dann ehrte Er mit großer Bhakti alle Vaisnavas als die hervorragenden Bhaktas. Besonders Advaita war traurig darüber, verzweifelt im Herzen, voller innerer Unruhe: "Immer wieder will Er mich hinters Licht führen, gibt Sein Herrsein auf und ergreift meine Füße. Ich vermag nichts gegen Ihn. Er ist stärker als ich; Er ist mein Herr und das nützt Er aus und nimmt den Staub von meinen Füßen. Doch ich will es Ihm zeigen. Ich will Ihm ein für alle Male austreiben, daß Er mich als den Guru, den höheren Bhakta, den Herrn behandelt. Ich muß verursachen, daß Er in hellen Zorn gerät und mich mit Seiner eigenen Hand schlägt und bestraft! Ich muß Ihn dazu bringen, daß Er klar offenbart, daß Er Avatara wurde, um Erkenntnis zu vermitteln von dem was Bhakti eigentlich ist. Also gibt es für mich nur einen Ausweg; ich muß so tun, als ob ich die Bhakti geringschätze! Wenn ich Bhakti als gar gering hinstelle, dann wird Er in Zorn Sich als das, was Er ist, offenbaren und Er als mein Herr wird mich an den Haaren ziehen."
In erwartungsvoller Spiellust verabschiedet er sich und geht mit Haridasa nach Santipur. Zu Hause angekommen, macht er sich sofort daran. Er setzt sich hin und wie trunken liest und erklärt er das Yoga-Vasistha-Sastram (ein Werk, das die Ewigkeit der Gestalt Gottes und dementsprechend die Bhakti leugnet) und er tut so, als ob Jnana (Wissen vom Brahman, Wissen der qualitativen Einheit von Atma und Brahman) das Höchste wäre: "Bhakti allein ist leblos, Jnana (Wissen) ist die ganze Sakti! Da gibt es Leute, die nicht wissen, was Jnana ist und sie sind wie die Leute, die den Schatz, der im Hause ist, aus dem Auge verlieren und im Walde nach ihm suchen. Bhakti ist wie ein Spiegel, die Augen sind das Jnana! Was nützt der Spiegel, wenn man keine Augen hat. Das habe ich als den Sinn aller Sastras verstanden, auf den sie alle abzielen: Jnana, Jnana allein!"
Haridasa, der das Wesen Advaitas gut kennt, fing gröhlend an zu lachen, als er Advaitas Erklärungen hörte - doch ist das Wesen Advaitas schwer erkennbar und nur wer gute Anlagen hat, weiß, was Advaita wollte. Diejenigen mit schlechten Anlagen geraten in Mißverständnisse und ruinieren sich.
Visvambhara ist der Baum der Erfüllung aller Wünsche und Er wußte wohl, was Advaita sich vorgenommen hatte. Eines Tages ging Er in der Stadt spazieren und sah zusammen mit Nityananda die Welt an, die aus Ihm stammt, und Brahma pries sich glücklich, daß Er, sein Herr, sein Kunstwerk so gnadenreich anschaute. So wie zwei Monde schreiten beide dahin und die Menschen sehen in ihnen das, was ihrem eigenen Charakter entspricht. Visvambhara sagt zu Nityananda: "Komm, wir gehen nach Santipur zum Hause Advaitas." Die beiden Prabhus sind immer auf Spiele aus, übersprudeln von Ausgelassenheit und machen sich auf den Weg zu Advaitas Haus.
Mittwegs kommen sie zum Orte Lalitapur an der Ganga. Dort wohnte in einem Haus ganz nahe am Fluß, ein "Mönch", der mit einer Frau zusammenlebte. Gaura fragt den Nityananda: "Wessen Haus ist das?" Nityananda sagt bloß: "Hier wohnt ein Sannyasi. Komm, wir gehen hinein, vielleicht ist er da." Lachend gehen beide hinein und Gaura begrüßt den Sannyasi ehrfürchtig. (Er benimmt Sich wie ein Haushälter, der einen Sannyasi ehrfürchtig zu begrüßen hat.) Der Sannyasi sieht Seine herrliche Gestalt, Sein strahlendes Gesicht und sagt: "Dir sei Reichtum, Ansehen, gute Ehe und Wissen zuteil!"
Mahaprabhu antwortet: "O Gosvami! Das ist aber kein Segen. Sage lieber: Laß die Zufriedenheit Krsnas mit Dir sein. Denn ein Segen, daß man Bhakti zu Krsna erhalten möge, das ist ein Segen, der etwas hervorruft, das unvergänglich, ewig ist."
Da lacht der Sannyasi und sagt: "Heute geht es mir so wie schon früher. Wenn man den Leuten etwas Gutes sagt, dann behandeln sie einen trotzig. Dieser Brahmanajüngling da macht es so. Statt zufrieden zu sein, statt sich zu freuen, daß ich Ihm die Gabe von Reichtum usw. gebe und Ihm etwas Gutes antue - werde ich getadelt. Warum denkst Du so gering von meinem Segen? Wer auf der Erde geboren wurde und keinen Luxus hat und keine schöne Frau bei sich, wer kein Geld hat - wozu ist er überhaupt hier auf Erden? Das ist ja ganz unerhört, daß Du Dich schämst, meine Gabe von Reichtum usw. anzunehmen. Was willst Du denn mit Visnu-Bhakti anfangen! Du hast einen Körper, was willst Du denn essen, ohne Geld, sag mir das."
Da lacht Gaura und schlägt Sich mit der Hand auf die Stirn. In versteckter Weise belehrt Er ja jeden, daß niemand nach irgend etwas außer Bhakti begehren möge, und Er sagt: "Ich sage Dir, o Sannyasi-Gosvami, was du essen wirst: nun ja, entsprechend dem Karma (den Folgen der eigenen früheren Taten) erhält jeder das, was er verdient. Die Welt begehrt Reichtum und Nachkommenschaft. Doch sage, vergeht der Reichtum und die Familie etwa nicht? Niemand begehrt Fieber, doch das Fieber kommt und quält den Körper. Die Ursache dafür ist das Karma und die Weisen wissen das. Die Veden sprechen von Svarga - der in Wahrheit vergänglichen Himmelswelt - das ist das Erbarmen der Veden mit den Törichten. Die Menschen wollen das Wohl der Sinne; die Veden kennen das Herz der Menschen und sprechen im Einklang damit. Das ist keineswegs ein Mangel in den Veden. Die Veden sagen: 'Wenn du in der Ganga badest und den Namen Hari rufst, dann erhältst du Reichtum und Kinder.' Das tun dann die Leute, denn die Veden sagen es. So baden die Menschen in der Ganga und die Kraft, die aus dem Bad in der Ganga und dem Gottesnamen besteht, bewirkt, daß sie allmählich an die Bhakti herangeführt werden. Diese Absicht verstehen die Törichten nicht und lassen Krsna-Bhakti beiseite und stürzen sich in Sinnenlust. Erkenne selbst, o Gosvami, und bedenke das Für und Wider. Es gibt keine Gabe, die Wert ist, Gabe genannt zu werden, außer der Krsna-Bhakti."
Als Unterweisung gebender Guru steht Bhagavan Selbst vor dem Sannyasi und spricht von Bhaktiyoga, unter Berufung auf die Veden. Was Caitanya sagt, ist wahr. Doch die Sünder nehmen es nicht an und der Sannyasi lacht und denkt: "O, jetzt verstehe ich es, dieser Brahmana ist verrückt geworden, das ist die Folge der Beschäftigung mit dem Mantra (des Gottesnamens). Oder hat es Ihm am Ende dieser Sannyasi da (Nityananda) eingegeben und dem Brahmana den Sinn verdreht?" Er sagt: "Ach, was ist das für eine Zeit! Vor diesem Knaben da bin ich ein Unwissender. Ich bin über die ganze Erde (Indien) gewandert, alle heiligen Stätten habe ich besucht - und ich weiß nicht, was gut und schlecht ist und muß mich von diesem Knaben belehren lassen."
Da lacht Nityananda und sagt: "Höre, Gosvami, wirklich, es ist nicht gut, wenn du dich mit einem Knaben in ein Wortgefecht einläßt. Ich weiß so gut, was für ein großer Mann du bist; sei nicht böse und vergib alles."
Da freut sich der Sannyasi - war er doch jetzt gelobt worden. Schnell eilt er, um ihnen etwas zu essen zu bringen. Nityananda sagt: "Wir haben etwas Wichtiges zu erledigen. Gib uns etwas zu essen mit, wir werden dann baden und auf dem Wege essen." Doch um einen harten Sünder zu erretten, blieben beide da, badeten in der Ganga, wurden frei von der Ermüdung des Weges und aßen, während der Sannyasi zuschaute. Er gehörte zu den Vamapathi-Sannyasis.
(Sannyasis des "linken Weges" des Sakta-Tantra. Angehörige einer Sekte, die Wein, Weib, Fleisch, Fisch und Geld lieben und sich einbilden, durch deren Pflege mit Gott eins zu werden.)
Und er macht allerlei Andeutungen zu Nityananda: "O Sripad, willst du etwas Ananda (bedeutet hier: Schnaps)? Einen Gast wie dich kann ich ja gar nicht wieder bekommen."
Nityananda war weit in anderen Ländern umhergereist und wußte, daß er ein "Trinker-Sannyasi" war. So sagte Nityananda zu ihm, als er ihn wiederholt zum Trinken aufforderte: "Es ist Zeit zum Aufbruch." Die Frau des Sannyasi hatte beide gesehen, die so herrlich von Gestalt waren und starrte sie an und sagte zu ihrem Mann: "Warum mußt du beim Essen eine Störung verursachen!" Da fragt Caitanya den Nityananda: "Was meint der Sannyasi?" "Er bietet Schnaps an." Da denkt Gaura: "Visnu, Visnu," spült Sich den Mund, wie es nach dem Essen üblich ist und geht schnell fort. Die beiden Prabhus sind unstet, ausgelassen und flink, springen in die Ganga und erreichen schwimmend das Haus Advaita Acaryas. Gaura erwies einem Trinker, der den Frauen ergeben ist, einen Gefallen und Gnade, doch wenn einer ein lästernder Vedantist ist, dann vernichtet Er ihn, schließt ihn von jeder Gnade aus.
(Ein lästernder Vedantist ist im Sinne der Gaudiya-Vaisnavas jemand, der in Anlehnung an die Deutung des Vedanta durch Sankaracarya, Gott, Bhakti und Bhakta lästert, indem er die Ewigkeit Gottes und Seiner Gestalt leugnet und meint, Bhakti sei im besten Fall nur eine Hilfe für Jnana, den Weg zur Mukti [Befreiung, Erlösung].)
Der erwähnte Sannyasi (Mönch) war ein Trinker, pflegte Umgang mit Frauen und doch betrat Gaura sein Haus und sprach mit ihm, lehrte ihn Dharma, mühte Sich in seinem Hause ab, nahm Essen an - und wenn sich der Sannyasi nicht in diesem Leben zum Besseren wendet, so gewiß im folgenden.
Im Haus des Trinkers badete Er und aß, doch die lästernden Vedantisten bekamen Ihn nicht einmal zu sehen. (Das, was Gott Selbst in den Sastras über Sich aussagt, zu leugnen, ist ein viel schwereres Vergehen als eine Verletzung ethischer Gesetze.)
Gaura und Nityananda schwammen in göttlichem Glück (ananda) in den Fluten der Ganga und Mahaprabhu brüllt vor Sich hin: "Ich bin Er! Ich bin Er! Der Nada (Advaita) unterbrach Meine Ruhe und brachte Mich her. Und jetzt wagt er, Jnana zu verkünden und die Bhakti zu verbergen. Ich werde ihm die rechte Züchtigung zuteil werden lassen. Du, Nityananda, wirst es mit deinen Augen sehen. Heute, schaue zu, Advaita, wie du deinen Jnanayoga aufrecht erhältst." Er donnert und droht, treibt in den Gangafluten und Nityananda schweigt und lacht in sich hinein.
Aufgrund seiner Bhakti wußte Advaita, daß heute sein großer Tag war und er den Erfolg seines Tuns einheimsen würde. Advaita weiß, daß sein Herr voll Zorn kommt und mit noch stärkerer Begeisterung verkündet er den Jnanayoga. Wer vermag die Lila der Caitanya-Bhaktas zu ergründen!
Inzwischen waren Nityananda und Gaura angekommen, stiegen ans Ufer und Er sieht und hört, wie sich Advaita triumphierend voller Freude in Jnana vergnügt. Mahaprabhus Gesicht ist voller Zorn. Haridasa wirft sich ehrfürchtig vor ihnen nieder und auch Acyuta, der Sohn Advaitas, grüßt ehrfürchtig. Die Frau Advaitas grüßt im Geiste ehrerbietig (sie ist im Inneren des Hauses). Doch als sie Gauras Gestalt sieht, wird sie sehr nachdenklich. Visvambhara leuchtet wie der blendende Glanz von Millionen Sonnen. Alle, die Ihn sehen, werden von Furcht erfaßt. Zornig fragt Er Advaita: "He, Nada, was von beiden ist größer, Jnana oder Bhakti?" Und Advaita sagt: "Immerdar Jnana! Für den, der kein Jnana hat, ist Bhakti nutzlos."
(Die Gaudiya-Vaisnavas sind überzeugt, daß die Jnanis - gemäß den Sastras - fähig sind, die Wirklichkeit der statischen Identität des unpersönlichen Brahman mit dem individuellen Atma zu erfahren. Diese Bhaktas aber ziehen die in den Sastras beschriebene und dem Maya-Denken widerspruchsvoll erscheinende dynamische Wirklichkeit der Gottheit, die voller Dramatik und Bewegung ist, dem statischen Aspekt der Gottheit vor. Denn der letztere ist im Sinne vieler Aussagen der Sastras nur ein Teilaspekt der göttlichen Fülle.)
Als Mahaprabhu hörte, daß Jnana höher stehe als Bhakti, vergaß Er in Zorn die Umwelt, zerrte Advaita von der Veranda, wo er saß, in den Hof, warf ihn der Länge nach auf den Boden und fing an, ihn regelrecht zu verprügeln. Die Frau des Advaita, eine ewige Sakti Bhagavans, wußte alles und doch wurde sie besorgt und rief: "Ein alter Brahmana, ein alter Brahmana, sein Leben, sein Leben! Warum behandelst Du ihn so respektlos! Er ist ein alter Brahmana; wenn er unter Deinen Schlägen stirbt, werden die Folgen schrecklich sein!"
Da lacht Nityananda, Haridasa aber denkt in Furcht: "Krsna, Krsna!" Doch Mahaprabhu in Seinem Zorn kümmert Sich nicht um die Worte von Advaitas Frau. Er droht und brüllt fürchterlich und sagt: "Da ruhte Ich friedlich im Milchozean. Du, Nada, wecktest Mich auf, damit Ich tue, was du wolltest. Um der Offenbarung der Bhakti willen hast du Mich hierher gebracht. Und nun unterschlägst du die Bhakti und verkündest Jnana! Wenn es deine Absicht ist, Bhakti zu verbergen, wo bleibt dann der Sinn, daß Ich Mich in der Welt offenbarte? Ich tue immer und nichts anderes als das, was du willst. Mußt du Mich immer und immer wieder zum Gespött machen!"
Dann ließ Mahaprabhu von Advaita ab, saß bei der Tür nieder und laut rufend, offenbarte Er, wer Er ist: "Wer erschlug den Kamsa? Ich war es, du weißt es selbst am besten, Nada. Brahma, Siva, Sesa, Rama - alle dienen Mir. Mein Cakra erschlug den Srgala Vasudeva. Mein Cakra verbrannte Varanasi (Benares) zu Asche. Mein Pfeil tötete Ravana. Mein Cakra schlug die vielen Arme Banas ab. Mein Cakra erschlug Naraka. Ich hielt den Berg (Govardhana) mit Meiner linken Hand hoch. Ich brachte den Parijata-Baum aus Indras Himmel herab. Ich betrog Bali und erwies ihm Gnade. Ich erschlug Hiranyakasipu und rettete Prahlada."
Solcher Art offenbarte Mahaprabhu Seine unerhörte Allmacht und Majestät. Advaita hörte das und trieb im Ozean von Prema, denn er war recht bestraft worden. Ganz und gar in höchster Ananda schlug er den Takt mit den Händen. "So wie mein Vergehen, so ist die Strafe. Gut ist's gegangen. Mit wenig bin ich davongekommen. Nun hast Du Dich als mein Herr aufführen müssen und meinem Fehler entsprechend hast Du mich bestraft. Damit wird der Prabhu größer im Herzen Seines Dieners."
In Glück tanzt Advaita im Hof umher und dann sagt er mit zusammengezogenen Augenbrauen: "Wo ist der große Lobpreis hingekommen, den Du mir sonst zolltest? Wo ist all Dein Trickspielen hingeraten? Mein Name ist Advaita (der Unvergleichliche). Ich bin Dein reiner Diener. Von Geburt liegt meine Hoffnung darin, das essen zu dürfen, was von dem Dir dargebrachten Opfer übrig bleibt. Doch nun hast Du mich bestraft. Nun gib mir die Kühle der Lotosse Deiner Füße." Advaita fällt voll Bhakti mit seinem Haupt zu Mahaprabhus Füßen nieder. In eiliger Verwirrung nimmt Visvambhara Advaita in Seine Arme und weint. Als Nityananda Advaitas Bhakti sah, weinte er als ob Ströme aus seinen Augen flößen. Haridasa fällt zur Erde nieder und weint. Advaitas Frau und alle Diener weinen. Es weint Acyutananda. Das ganze Haus Advaitas wurde von Krsna-Prema erfüllt.
Er, der eben zuvor Advaita verprügelt hatte, schämt Sich und gibt Advaita eine große Gabe: "Wer auch nur einen Augenblick lang bei dir Zuflucht nimmt - und wenn er auch hunderte Vergehen gegen Mich beginge - so will Ich ihm Gnade schenken, sei er eine Fliege, ein Wurm, ein Säugetier oder ein Vogel."
Advaita erfaßt Gauras Füße und sagt: "Was Du sagst, muß wahr sein. Doch vernimm mein festes Versprechen: Wer die Lotosse Deiner Füße nicht liebt, der kann nie einer der Meinen sein. Wer Dich liebend verehrt, der ist mein Leben; ich werde nie ertragen, daß sich jemand über Dich hinwegsetzt. Mag er mein eigener Sohn sein, mein Diener. Ich werde sie nicht kennen. Wenn einer einen der Devas (Halbgötter) verehrt und Dich beiseite läßt, dann wird ihn eben dieser Deva unter irgend einem Vorwand vernichten. Das sind nicht bloß meine Worte, sondern die Worte der Veden. Du bist der Grund aller Devas (Halbgötter), der Gott, der Herr aller. Was sichtbar ist und unsichtbar ist, alles ist Dein Knecht. Ohne den Herrn zu verehren und nur dem Diener dienen wollen - eben diese Puja bringt es mit sich, daß der Diener ihn umbringt. Wer, ohne Dich zu verehren, Puja für Mahadeva (Siva) usw. tut, der schlägt die Wurzel des Baumes ab und er tut bloß Puja der Sprossen des Baumes, den er abschlug. Denn Du bist die Wurzel der Veden, der Brahmanas, der Opfer und des Dharma."
Sri Caitanya hatte dem zugehört, was Advaita sagte, doch jetzt brüllte Er Humkara (eine Ausdrucksweise der Ekstase göttlicher Liebe) und sagte: "Höre wohl Meine Worte der Wahrheit. Wenn einer ein solch erbärmlicher Wicht ist, daß er Mich verehrt und Meinen Diener übergeht, der zerstückelt Mich Selbst und dessen Puja ist wie Feuer, das Meinen Körper versengt. Du, Advaita, bist Mir lieber als Mein eigener Körper und es ist unerträglich für Mich, wenn jemand an dir vorbeigeht. Wenn ein Sannyasi die Bhaktas lästert, dann stürzt er in die Tiefe und alle seine guten Eigenschaften verschwinden." Mit hochgehobenen Armen ruft Visvambhara: "Seid nicht Lästerer und nehmt den Namen Krsna! Wer ohne ein Lästerer zu sein (ohne Vergehen), auch nur einmal Krsna sagt, den wahrlich will Ich erretten."
Die Bhaktas jubeln: "Alles übertrifft Er." Advaita weint und umfaßt Seine Füße und Prabhu weint und nimmt Advaita in Seinen Schoß.
Diese Geschichte ist unfaßbar, denn Advaitas Worte sind schwer zu verstehen. Es ist kein Unterschied zwischen dem allmächtigen Gott und Advaita. Ebenso wie Nityanandas und Advaitas Wortgefechte und Schelten demjenigen höchstes Glück geben, der sie versteht, so auch hier. Die Worte und Taten Visnus und der Vaisnavas sind unergründlich. Wenn sie einem Gnade schenken, dann mag man ihren Sinn verstehen.
Als Visvambhara wieder Bewußtsein der Außenwelt hatte, (d.h. wieder im Bewußtsein eines Bhakta und nicht Gottes, des Herrn, war) lachte Er und fragte Advaita: "Hat das Kind Sich etwa wieder ein wenig ausgelassen und unstet aufgeführt?" Advaita sagt: "Nein, nichts Unartiges." Gaura: "O Nityananda, falls Ich unstet, ausgelassen war, wirst du Mir verzeihen?" Nityananda, Caitanya, Advaita und Haridasa schauen einander an und lachen laut. Dann sagt Visvambhara zu Advaitas Frau, sie solle schnell kochen und das Mahl Krsna als Opfer darbringen, da sie alle essen wollen. Sie alle gehen zur Ganga, um zu baden. Dann kommen sie zurück. Visvambhara fällt zu Füßen (der Bildgestalt) Krsnas (im Tempelraum von Advaitas Haus). Advaita fällt zu Visvambharas Füßen nieder, Haridasa zu Advaitas Füßen. Da lacht Nityananda, als er dieses unerhörte Bild erblickt; sieht es doch aus, als ob die drei Gestalten eine Dharma-Brücke offenbarten (die die Fluten des Meers der Wandelwelt überquert). Als Mahaprabhu sieht, daß Advaita zu Seinen Füßen liegt, ruft Er schnell: "Visnu! Visnu!" Er ergreift Advaitas Hand und sitzt mit (ihm und) Nityananda zum Essen nieder.
Visvambhara, Nityananda, Advaita sitzen zusammen, alle drei in besonderem Versunkensein in Sich Selbst. Vor allem schwelgt Nityananda wieder ganz im Rasa des ausgelassenen Knaben. An der Türe sitzt Haridasa und ißt dort. Er hat die Kraft (Sakti), alle Offenbarwerdungen zu schauen. Advaitas Frau, die Yogameisterin, trägt die Speisen aus der Küche ins Haus. Im Geiste denkt sie: "Hari, Hari". Und alle drei göttlichen Herren essen. Nityananda schaut Advaita an und lacht. - In der Krsna-lila ist das eine Absolute in zwei Teilen. (D.h. Advaita [bzw. Mahavisnu] befindet sich dann in Nityananda [bzw. Balarama] und somit ist das eine Absolute nur in zwei Gestalten sichtbar, nämlich als Krsna und Balarama.)
Das Essen nähert sich dem Ende. Da springt Nityananda auf; wie ein unartiger Knabe wirft er den Reis im ganzen Zimmer ausgelassen umher. (Er begeht eine Verletzung der Regeln, denn bereits berührtes Essen gilt in Indien als höchst unrein.) Caitanya sagt: "O weh!" Haridasa lacht. Advaita in hellem Zorn spricht Nityanandas Wesen aus: "Dieser Nityananda ruiniert einem gänzlich die Kaste. Da bin ich in die Gesellschaft eines Trinkers geraten. Hat keinen Guru, nennt sich Sannyasi; wo er geboren ist, an welchem Ort - nichts ist bekannt. Niemand kennt ihn. Selbst seine Kaste ist nicht bekannt und er läuft schwankend umher wie ein trunkener Elefant. Im Westen Indiens hat er Reis gegessen, wo er gerade hinkam; und hier ißt er mit den Brahmanas. Dieser Nityananda- (ewige Glückseligkeit-) Trinker ruiniert alle. Es ist so, es ist so, Haridasa!" In seinem Wutanfall verlor Advaita sein Gewand und nackt und in die Hände klatschend, tanzt er und lacht dröhnend. Gaura lacht über Advaitas Benehmen und lachend zeigt Nityananda zwei Finger. (Nityananda und Advaita: das eine Absolute in zwei Teilen.) Der Zornanfall Advaitas ist rein und so komisch, daß die Alten und die Jungen alle lachen. Als Advaita wieder bei sich war, wuschen sie sich Mund und Hände. Voll Glück umarmten sie einander.
In Prema-Rasa spielten Advaita und Nityananda, die zwei Prabhus. Die beiden sind wie die zwei Arme von Mahaprabhus Gestalt. Immer ist Priti (Liebe) zwischen den beiden, nie Mangel an Priti. Beider Streit und miteinander Schelten - es ist Krsnas Lila. Fast wie das Spiel von Kindern ist das Spiel von Visnu (Gott) und Vaisnavas (Gottgeweihten).

Ich weiß nicht die chronologische Folge aller dieser Lilas (offenbarte Spiele Gottes). Ich besinge Krsnas Größe, so wie die Lilas mir aufleuchten. Ich grüße in Ehrfurcht diejenigen, die dem Caitanya lieb sind, und bitte sie, mir meine Vergehen zu vergeben.
(Der Autor verspricht keinen Bericht in chronologischer Reihenfolge, denn er und die Bhaktas wissen, daß Gauras Lila nicht zeitgebunden ist. Weder hört die eine Lila auf noch fängt die andere an, sondern - wie der Autor oft betont - jede einzelne von diesen Lilas ist ewig und kann jederzeit gesehen werden, wenn der Atma, der selber nicht zeitgebunden ist, die Kraft der höchsten Bhakti besitzt.)

 

Inhaltsverzeichnis

Sanskrit-Worterklärung

Fortsetzung


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