Brahma, der Schöpfergott

Zeitentafel

Sobald der (zweite) Purusa zum Urgrund des Universums geworden ist, wächst aus dem Nabel ein Lotos empor, so heißt es in der Bildersprache der Schriften. Im Kelch dieses Lotos erwacht ein hochentwickelter Jiva zum Bewußtsein, der für reif befunden worden ist, das Amt eines Brahma zu übernehmen, der das Innere eines Universums gestaltet. Es obliegt nun diesem Brahma, die Schöpfung fortzusetzen und mit dem Guna Rajah und durch die Kraft des vedischen Wortes die Welten und die Körper der Jiva-atmas zu bilden. Die Welten von Zeit und Raum, die von jedem Brahma aus Mayastoff gebildet werden, sind die sogenannten "Vierzehn Welten". Sieben davon, die Reiche Atala, Vitala, Sutala, Talatala, Mahatala, Rasatala und Patala, gehören zu den unteren Welten, sie liegen tiefer als die Erde. Sechs davon liegen über der Erde (Bhu), nämlich Bhuvah, Svah, Mahar, Tapah, Janah und Satyaloka; letzteres ist das hohe Reich von Brahma selbst.
Es handelt sich um Bewußtseinsebenen und doch auch um geographische Bereiche. Die höchsten dieser Welten bestehen aus dem reinen Sattva-guna der Maya. Sie und ihre Wesen, die Körper aus Sattva besitzen, sind für menschliche Augen unsichtbar, für Instrumente unerfaßbar, auch für solche, die auf einer Rakete montiert sind.
Mit diesen vierzehn Welten ist nicht gemeint, daß das Universum nur 14 Planeten oder Planetensysteme enthält. Vielmehr versteht sich darunter eine nicht klar definierte Anzahl von unterschiedlichen Planeten, die den jeweiligen Welten (bzw. Bewußtseinszuständen) zugeordnet werden. Demzufolge gibt es eine nicht festgelegte Zahl von erdähnlichen Planeten.
Mit Ausnahme der vier höheren Reiche von Mahar bis Satyaloka werden alle Welten am Beginn jeder Brahma-Nacht aufgelöst.
Es ist die Gnade Krsnas, daß Er einerseits den Jivas, die genießen wollen, eine Welt gibt und Körper, die das Genießen der Welt ermöglichen und daß Er ihnen andererseits durch die Veden die Gelegenheit gibt, Ihn zu finden. Auch die Weltauflösungen sind wieder Gnade, denn da erlangen die Jivas nach langem Umherirren Ruhe, eine Art traumloser Schlaf, der ebenso lange währt wie ein Tag Brahmas (4'320'000'000 Erdenjahre). Am Beginn jeder neuen Weltentfaltung werden die Jivas wieder in den Kosmos herabgeleitet und erhalten Körper, entsprechend ihren noch unausgelebten Wünschen und ihres unerfüllten Karmas.
Sanatana Gosvamis "Brhad-Bhagavatamrtam" enthält eine großartige Schilderung der Wanderung eines Suchers nach dem höchsten Menschenziel, zuerst auf Erden und dann durch die Welten der Devas und weitere höhere Welten der Maya und schließlich durch eine Reihe von ewigen unendlichen Gottesreichen... bis in Krsnas innerstes Reich.
Die Bewohner der vergänglichen Himmelswelt Svah oder Svarga sind Indra und andere Devas. Es sind hohe Wesen, mit Körpern aus Sattvastoff, feinsten Genüssen hingegeben. Sie leben unvergleichlich länger als der Mensch und doch herrschen auch in ihrem Reiche Neid, Eifersucht und andere Leidenschaften (Bha XI,1O.21), auch sie sind Jivas und dem endlosen Kreislauf der Geburten und Tode unterworfen. Sie stürzen wieder hinab, wenn die Frucht ihres Karmas, ihrer einstigen guten Taten, die zu der Geburt in der Himmelswelt Svarga geführt hat, aufgezehrt ist.
Obwohl der Mensch so vielem Leid ausgesetzt ist und gleichsam nur einen Augenblick lebt, bietet das Menschenleben doch die Möglichkeit, zu echtem Gottdienen zu gelangen.

Jeder Brahma vollbringt sein mühevolles Schöpferwerk 36'000 Mal. Die Lebensdauer jeder dieser Weltschöpfungen beträgt den Puranas zufolge 4'320 Millionen irdischer Jahre, also ein Tag des Lebens Brahmas, und ebenso lange dauert seine Nacht. Am Ende des Lebens eines Brahma (nach 311 Billionen und 40 Milliarden Erdenjahren) geht er nach treu verrichtetem Werk in das ewige Reich Visnus ein. Damit beginnt die lange Nacht einer großen Weltauflösung (maha-pralaya), die ebenso lange währt, wie das ganze Leben eines Brahma. Danach tritt ein anderer Jiva in das Amt des Weltenschöpfers.
Im Bhagavatam stößt man auf zwei verschiedene Berichte über eine Weltschöpfung (die innere Schöpfung unseres Universums). Eine vollzieht sich zu Beginn der zweiten Lebenshälfte Brahmas. Bereits viele Male hat da Brahma sein mühevolles Schöpfungswerk getan. Immer wieder hat er voll Trauer das Elend der Lebewesen gesehen, deren Körper er selber bildete, und nun spricht er klagend zu Visnu (dem zweiten Purusa), der sein eigener Grund ist:

"Mein Geist wird verzweifelt, o Du Weithinschreitender (Urukrama), wenn ich alle diese Geschöpfe sehe mit ihrer untragbaren Last, immer wieder gequält von ihren drei Körpersäften (vata, pitta und kapha) und von Hunger und Durst, Hitze und Kälte und Sturm und Regen; und die Qual ihres unzähmbaren Zornes erzeugt durch das Feuer ihres Lustbegehren*." (Bha III,9.8)
(* Die Lust nach Ruhm, Ehre, Macht, Sinnenfreude usw.)

Die andere Szene beginnt Billionen von Jahren vorher in der frühen Morgendämmerung der allerersten Weltschöpfung durch unseren Brahma. Der hohe Jiva, der nun ein Brahma werden soll, erwacht zum ersten Mal im Kelche des Lotos zum Bewußtsein. Brahma, der erste geistige Meister (Guru), das höchste Wesen im Universum, konnte den Ursprung seines Lotossitzes nicht herausfinden. Während er daran dachte, die Welten unseres Universums zu erschaffen, konnte er die geeignete Anweisung für dieses Schöpfungswerk nicht verstehen und den Vorgang für diese Schöpfung nicht herausfinden. Während Brahma so nachdachte, hörte er aus der Nähe zweimal zwei miteinander verbundene Silben, nämlich "Tapah". Als er den Klang hörte, versuchte er den Sprecher herauszufinden, indem er nach allen Seiten forschte. Doch als er nicht imstande war, jemanden außer sich selbst zu finden, hielt er es für klug, sich entschlossen auf seinen Lotossitz zu setzen und der Anweisung gemäß seine Aufmerksamkeit auf die Ausübung von Tapasya (Entsagung) zu richten. Brahma nahm nach der Zeitrechnung der Halbgötter (Devas) tausend Jahre (2'160'000 irdische Jahre) lang Bussen auf sich. Er hörte diese transzendentale (jenseits der Materie stehende) Schwingung am Himmel, und er nahm sie als göttlich an. So brachte er Geist und Sinne unter Kontrolle, und die Arten der Tapasya, die er sich auferlegte, waren für die Lebewesen eine große Lehre. Er ist daher auch als der größte aller Asketen bekannt.
Die Willigkeit Brahmas ist ein Ausdruck von Bhakti, die Gottes eigene Kraft ist. Diese Bhakti hat den Höchsten angezogen und zwingt Ihn, Sich vor Brahma sichtbar zu machen. So erschien Narayana, die Persönlichkeit Gottes, und es gefiel Ihm, Brahma Sein persönliches Reich, Vaikuntha, sichtbar werden zu lassen. In diesem Reich des Herrn sind die materiellen Gunas nicht zu finden. Ohne Unterschied verehren alle Lebewesen den Herrn als Gottgeweihte. Es wird beschrieben, daß die Bewohner der Vaikuntha-Planeten eine leuchtend-himmelblaue Körpertönung haben. Ihre Augen werden mit der Schönheit von Lotosblumen verglichen; ihre Kleidung ist von gelblicher Farbe, und ihre körperliche Erscheinung wirkt äußerst anziehend. Ihr Alter entspricht gerade dem heranwachsender Jugendlicher; sie alle haben vier Hände; sie sind sehr schön mit Perlenhalsketten und Ziermedaillons geschmückt. Ihr Körper besitzt eine glänzende Ausstrahlung. Einige von ihnen besitzen eine Körpertönung, die wie Korallen und Diamanten glänzt, und ihre Köpfe schmücken Girlanden, die wie Lotosblumen blühen. Auch tragen manche von ihnen Ohrringe. Die Vaikuntha-Planeten sind auch von vielerlei Flugzeugen umgeben, die alle leuchten und am Himmel glänzen. Sie gehören den großen Geweihten des Herrn. Die Frauen sind durch ihre himmlische Körpertönung so schön wie Blitze. Die Glücksgöttin in ihrer lieblichen Gestalt dient voller Liebe den Lotosfüßen des Herrn, und sie erfährt nicht nur vielfache Freude im Dienst für den Herrn, zusammen mit ihren ständigen Begleiterinnen, sondern besingt auch die Herrlichkeiten der Taten des Herrn. Brahma sah auf den Vaikuntha-Planeten die Persönlichkeit Gottes, den Herrn der Glücksgöttin, den Herrn aller Gottgeweihten, den Herrn aller Opfer und den Herrn des Universums, dem von Seinen besten Dienern wie Nanda, Sunanda, Prabala und Arhana, Seinen unmittelbaren Gefährten, Dienste dargebracht werden. Der Herr, den man sah, wie Er Sich wohlwollend Seinen liebevollen Dienern zuneigte, und dessen bloßer Anblick berauschend und bezaubernd war, schien sehr zufrieden zu sein. Sein lächelndes Gesicht schmückte ein entzückender rötlicher Hauch; Er war in gelbe Gewänder gekleidet und trug Ohrringe und einen Helm auf dem Haupt. Er hatte vier Hände, und Seine Brust war mit den Linien der Glücksgöttin gezeichnet. Er saß auf Seinem Thron und wurde von verschiedenen Energien, unter anderem z.B. von Seinen sechs natürlichen Reichtümern umgeben. Er war der tatsächliche höchste Herr, der Sich Seines Reiches erfreute.
Als Brahma Ihn auf diese Weise in Seiner Fülle sah, wurde er in seinem Herzen von Freude überwältigt, und so füllten sich seine Augen aus Liebe und Ekstase mit Tränen der Liebe. Er verneigte sich daher vor dem Herrn. Das ist der Pfad, um die höchste Vollkommenheit für das Lebewesen zu erreichen.
Weil Narayana durch die Tapasya und die Bhakti Brahmas erfreut war, nahm Er ihn bei der Hand und sprach mit sanftem Lächeln die folgenden Worte: "O Brahma, der du von den Veden durchdrungen bist, Ich bin sehr zufrieden mit deiner langwährenden Tapasya, die du mit dem Wunsch auf dich nahmst, die Schöpfung vorzunehmen. Pseudo-Mystiker können Mich schwerlich erfreuen. Ich wünsche dir viel Glück. Du kannst Mich, den Gewährer aller Segnungen, um alles bitten, was du möchtest. Du magst zur Kenntnis nehmen, daß die höchste Segnung, als das Ergebnis aller Tapasya, darin besteht, Mich durch Erkenntnis zu sehen. Die höchste Stufe der Genialität ist erreicht, wenn man Mein Reich unmittelbar wahrnimmt, und dies war dir möglich, weil du die schwere Tapasya, die Ich dir auftrug, demütig durchführtest. Zu Beginn, als du über deine Pflicht verwirrt warst, war Ich es, der dir auftrug, Tapasya auf dich zu nehmen; denn Tapasya ist unmittelbar Mein Herz. Ich bin das Leben und die Seele von jemandem, der sich Tapasya auferlegt..."
So wurde Brahmas Gotteserkenntnis, die Sein Reich miteinbezieht, immer tiefer. Er bat Narayana (Gott) um die Kraft und Fähigkeit, das Universum, gemäß Seinem Wunsch, gestalten zu können.
Narayana, die Persönlichkeit Gottes, erklärte weiter:

"Wissen über Mich ist sehr vertraulich. Es muß in Verbindung mit Bhakti (liebevoller Hingabe) erkannt (verwirklicht) werden. Nimm bitte dieses Geheimnis und den Weg zu diesem mit Gewissenhaftigkeit auf. Meine wahre ewige Gestalt, Meine transzendentale (sich jenseits der Maya befindliche) Existenz, Meine transzendentalen Eigenschaften, Meine Taten und Spiele, Meine Formen und Farben; durch Meine Gnade soll dir die unmittelbare Erkenntnis Meines Wesens zuteil werden." (Bha II,9.31-32)
Es folgen nun die vier "Urstrophen" des Bhagavatam:
"Ich bin es, der höchste Gott, der vor der Schöpfung existierte, als es nichts außer Mir gab, nicht einmal die materielle Natur, die (indirekte) Ursache dieser Schöpfung. Nach der Schöpfung existiere nur Ich in allen Dingen, und nach der Vernichtung bleibe nur Ich." (Bha II,9.33)

"Was immer von Wert (Wahrheit) zu sein scheint, besitzt keine Wirklichkeit, wenn es nicht mit Mir verbunden ist. Wisse, daß es Meine täuschende Energie (maya) ist, jene Widerspiegelung (der Wirklichkeit), die sich in Dunkelheit befindet." (Bha II,9.34)

"So wie die universalen Elemente in den Kosmos eingehen und zugleich nicht in den Kosmos eingehen; so wie der Atma in die Elemente des Körpers eingeht und zugleich nicht in die Elemente eingeht; in ähnlicher Weise existiere auch Ich innerhalb alles Erschaffenen, und zur gleichen Zeit befinde Ich Mich außerhalb aller Dinge." (Bha II,9.35)

"Wer nach der höchsten absoluten Wahrheit, der höchsten Persönlichkeit (Gott) sucht, muß zweifellos unter allen Umständen, überall und zu jeder Zeit - direkt und indirekt - nach Ihm forschen." (Bha II,9.36)

Sri Narayana ermahnt Brahma noch zusätzlich mit den Worten:
"Bleibe gefestigt in dieser Schlußfolgerung durch feste Sammlung des Geistes (auf Mich), und kein Stolz wird dich stören; weder während der Teilvernichtungen (Brahmas Nächte) noch während der Endvernichtung (die Auflösung des Universums und auch Brahmas Tod)." (Bha II,9.37)
Später berichtet Brahma seinem Sohn und Schüler von dieser Begegnung mit dem Höchsten, die vor der Schöpfung dieses Universums stattfand. Er übermittelt Narada die vier Urstrophen, die sich zur Essenz des Veda, dem Bhagavatam, entfalten werden. Damit eröffnet er die Schülernachfolge, die von Gott Selbst ausgeht und die bis in unsere Tage reicht. Brahma übergibt dem Schüler Narada, der noch größer ist als er, die Kraft der erkennenden Liebe, die er selbst mit den Strophen erhielt, und sagt zu ihm:
"Weil ich mich mit großer Sehnsucht und Hingabe an den höchsten Herrn Hari geklammert habe, hat sich das, was ich sage, noch nie als falsch erwiesen. Weder wird der Fortschritt meines Geistes aufgehalten, noch erniedrigen sich meine Sinne durch Anhaftung an die substanzlose Materie." (Bha II,6.34)
Narada ist ein vollkommen reiner Bhakta des Herrn. Sein Körper besteht nicht aus den Elementen der Materie, sondern aus reiner spiritueller Energie (cit-sakti). Er kann sich völlig frei in allen Welten, spirituellen und materiellen, fortbewegen. Aus Mitleid zu den gefallenen Atmas, reist er durch die Welten der Maya, um den Pfad der Bhakti, der Liebe zu Gott, zu verkünden. Narada unterweist seinen Schüler Vyasa, der vor rund 5000 Jahren das vedische Wissen schriftlich festgehalten hat, mit folgenden Worten:
"Nur eine sehr erfahrene Persönlichkeit, die dem materiellen Glück entsagt hat, hat Anspruch darauf, dieses Wissen über den Unbegrenzten, zu verstehen. Deshalb solltest du, o Gütiger, für jene, die kein Wissen vom Atma besitzen (die glauben, sie seien bloß Körper und Geist), und die dahingetrieben werden unter dem Zwang der Gunas, die Taten und Spiele (Lilas) des Herrn offenbaren." (Bha I,5.16)

 

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