Alle Wahrheit in der Bibel?


"Gott gibt euch alle Wahrheit,
gleich einer Leiter mit vielen Sprossen,
zur Befreiung und Vervollkommnung der Seele,
und die Wahrheit von heute werdet ihr verlassen
für die höhere Wahrheit von morgen.
Mühet euch um die Vollkommenheit."
(Jesu; in "Das Evangelium des vollkommenen Lebens", 6. Auflage, Kap. 90, Vers 10)


Wer versucht, die Wahrheit auf Personen und Schriften zu begrenzen, ohne die Botschaft als das Wesentliche zu erkennen, verehrt die Form und kennt die Wahrheit nicht. Er hält das Gefäss für die Wahrheit und erkennt deshalb nicht, wenn sich ihm die gleiche Wahrheit oder die Weiterführung der gleichen Botschaft in einer anderen Form, einem anderen Gefäss offenbart.
Wenn Gott unendlich ist, muss auch die Wahrheit und das Wissen über Ihn unendlich sein. Der Weg zu Gott, die Wahrheit über Ihn, Sein Reich und das Wesen des ewigen Lebens mit Ihm bleiben unveränderlich gleich. Aber entsprechend der Aufnahmefähigkeit des Gottsuchers wird diese ewige und unveränderliche Wahrheit von den Gottliebenden auf einfache oder tiefergehende Weise offenbart. Genauso wie alle Schullehrer, die eine ähnliche Ausbildung besitzen, entsprechend dem Alter der Schüler unterweisen. In der dritten Klasse wird ein Lehrer auf ganz bestimmte Weise einen ausgewählten Stoff behandeln, aber derselbe Lehrer (oder eben auch ein anderer) wird die neunte Klasse schon viel ausführlicher und detaillierter unterrichten.
Die Wahrheit, die wir vielleicht erfahren können, sollte uns nicht zum Gedanken verleiten, es gäbe nicht noch mehr zu erfahren - sowohl im Wissen als auch in der Wahrheit und der Liebe zu Gott. Weil Gott und Sein Reich unbegrenzt sind, kennen auch seine Offenbarungen keine Grenzen.
Der Bhakti-Lehrer B. R. Shridhara Swami drückt die Haltung des nach göttlicher Wahrheit Suchenden in folgenden Worten aus:

Wir sind Sklaven der Wahrheit. Wir betteln um den reinen Strom der Wahrheit, der ununterbrochen fliesst: den unverdorbenen, reinen Strom. Äusserlichkeiten sind für uns in keiner Weise reizvoll. Wo immer ich den Strom dieses göttlichen Nektars auf mich herabkommen fühle, dort werde ich mich demütig verneigen...
...Welche Form die Wahrheit dabei annimmt, ist nur von geringer Bedeutung. Die Form hat einen gewissen Wert, aber wenn es dabei zu irgendeinem Interessenkonflikt kommt, dann muss man dem inneren Gehalt einer Sache in jedem Fall einen sehr viel höheren Wert beimessen als ihrer äusseren Erscheinung. Denn wenn dieser innere Gehalt einer Sache verloren gegangen ist und die materielle Auffassung die Oberhand gewinnt, dann wird unser sogenanntes transzendentales Leben zu einer billigen Nachahmung. (B.R. Shridhar Swami, Shri Guru und Seine Barmherzigkeit, 1989, S. 34)
Gottes Kraft, - Sich Selbst und Seine Gnade zu offenbaren -, auf eine Schrift oder einen Sohn zu beschränken, gleicht dem Versuch, den Ozean in eine Badewanne giessen zu wollen. Jesus selbst gibt an manchen Orten zu erkennen, dass er nicht alle Wahrheit und alles Wissen verkündet hat, obwohl natürlich das, was er sagt, Wahrheit und Wissen ist.
Jesus sprach: Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. (Joh. 16.12)
Wenn ich von den irdischen Dingen zu euch geredet habe, und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen (göttlichen) Dingen zu euch rede? (Joh. 3.12)
Deshalb rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen. (Mt. 13.13)
Dies habe ich in verhüllter Rede zu euch gesagt; es kommt die Stunde, in der ich nicht mehr in verhüllter Rede zu euch sprechen, sondern euch offen den Vater verkünden werde. (Joh. 16.25)
Die Wahrheit und der Weg, den Jesus verkündet hat, sind ewig. Nur das Vergängliche hat einen Anfang (und ein Ende). Deshalb ist der dogmatische Anspruch, Jesus wäre der einzige Verkünder der Wahrheit und somit auch der einzige Retter der gefallenen Seelen, ein bedauerlicher Irrtum. Ein Irrtum, der viele Christen zu Fanatikern gemacht hat, wie die ganze christliche Geschichte beweist.
Dieselben Kräfte, die für die Kanonisierung der heiligen Schriften verantwortlich waren, verkündeten auch, dass die Bibel inspiriert und die einzige Wahrheit sei. Unter der Kanonisierung versteht man die klerikale Festlegung darüber, welche Evangelien und Dokumente christlich seien und welche nicht. So wurde z. B. der Barnabas Brief im 4. Jahrhundert plötzlich aus den heiligen Schriften verbannt (R. Sträuli, Origenes der Diamantene, S. 170) und das Thomas- und Philippusevangelium gar nicht erst aufgenommen. Die Kanonisierung setzte bereits kurz nach dem Weggang Jesu ein, obwohl der offizielle Begriff erst anlässlich des Konzils von Nicäa (325) geprägt wurde. Zu diesem Vereinheitlichungsprozess schreibt der dänische Religionshistoriker Ditlef Nielsen:
"Zuerst korrigierte man die Handschriften der Evangelien durch Auslassungen und Einschübe, um sie aufeinander abzustimmen... Dann stellte man die ganze kirchliche Auslegung in den Dienst der Harmonisierung, um ein Evangelium daraus zu gewinnen." (Zit. nach Andreas/Lloyd, Das verheimlichte Wissen, 1983 in das Evangelium des vollkommenen Lebens, Nachwort S. 246; vgl. auch R. Zürrer, Reinkarnation, 1992, S. 292)
Ebenso harte Worte benutzt der Basler Theologe Overbeck:
"Es liegt im Wesen aller Kanonisation, ihre Objekte unkenntlich zu machen, und so kann man denn auch von allen Schriften des NT sagen, dass sie im Augenblick ihrer Kanonisation aufgehört haben, verstanden zu werden. Sie sind in die hohe Sphäre einer ewigen Norm für die Kirche versetzt worden, nicht ohne dass sich über ihre Entstehung, ihre ursprünglichen Beziehungen und ihren ursprünglichen Sinn ein dichter Schleier gebreitet hätte." (Overbeck, Geschichte des Kanons, 1880 in Das Evangelium des vollkommenen Lebens, 6. Auflage, Nachwort S. 243)
Und in ähnlichem Zusammenhang meint Lehmann:
Ohne Paulus gäbe es vermutlich unser Christentum (als Kirche) nicht, aber: "Durch Paulus ist das Ursprüngliche so grundlegend verändert worden, dass sich sein Sinn ins Gegenteil verkehrte." (Lehmann, Jesus-Report, S. 173 in Das Evangelium des vollkommenen Lebens, 6. Auflage, Nachwort S. 252)
Neustes Beispiel dieser klerikalen Machtpolitik ist der Skandal um die bereits erwähnten Schriftrollen von Qumran. M. Baigent und R. Leigh zeigen in ihrem Buch auf, wie 75 % der über 800 Schriftrollen seit mehr als 40 Jahren vor der Öffentlichkeit geheimgehalten werden. Das Buch beweist, dass die Veröffentlichung der Rollen unter der Leitung der "Kongregation für die Glaubenslehre" geschieht. Darüber steht:
"Diese Einrichtung gibt es erst seit 1965, und sie ist den meisten Laien vermutlich nicht bekannt. Aber sie hat einen altehrwürdigen Stammbaum. Sie kann auf eine einzigartig bewegte Geschichte zurückblicken, die ins dreizehnte Jahrhundert zurückreicht. 1542 bekam sie die offizielle Bezeichnung 'Heiliges Offizium'. Davor hiess sie 'Heilige Inquisition'. Kardinal Ratzinger kann also wohl guten Gewissens als der kirchliche Grossinquisitor von heute bezeichnet werden." (M. Baigent/R. Leigh, Verschlusssache Jesus, 1991, S. 156/157)
Wie schon so oft in der Geschichte, verhindern niedrig motivierte Selbstinteressen die offene Darlegung alter Offenbarungen. Gegenspieler des institutionellen Christentums sind diesmal Wissenschaftler, die den Mythos des Jesus endlich "entlarven" wollen. Auch sie scheuen nicht davor zurück, einseitig und subjektiv Teile aus dem Gesamtzusammenhang zu zitieren, um ihre Meinung zu untermauern, nach der die sogenannten Gottesoffenbarungen einzig den Wunschbildern der Menschen entspringen würden. Beiden Parteien geht es weniger um die Wahrheitssuche als um die Festigung ihrer Position in der Gesellschaft.
Ob die ursprüngliche Botschaft der Qumran-Rollen, die durch glückliche Umstände seit kurzem der Wissenschaft zugänglich sind, doch noch einmal zu den Menschen gelangt, dürfte mehr als fragwürdig sein!


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