Reinkarnation


Jemandem, der geboren wurde, ist der Tod gewiß,
und jemandem, der gestorben ist, ist die Geburt gewiß.
(Bhagavad-Gita 2.27)


Allein aus dem Selbstverständnis als Seele, die mit der Materie in keinster Weise identisch ist, jedoch unabhängig von Gott genießen will, ergibt sich die Reinkarnation als selbstverständliche Notwendigkeit, als ein Naturgesetz. Weshalb also, hängt dem Reinkarnationsgedanken der Hauch von Aberglauben, New Age und östlichem Mystizismus an? Je weiter wir dieser Frage nachgingen, umso verwunderlicher wurde diese Behauptung für uns. Nachdem wir uns mit zahlreichen wissenschaftlichen Abhandlungen beschäftigt hatten, erschien uns vielmehr das Beharren auf einem einzigen Erdenleben als Aberglaube. Auch der Vorwurf, es handle sich lediglich um eine "New-Age"-Erscheinung, ist eine völlig falsche Behauptung. Gerade in den relativ alten Kulturen der Kelten, Griechen und Ägyptern oder eben der vedischen, der ältesten Kultur der Welt, war die Reinkarnationslehre selbstverständliches Grundwissen. Dieser Gedanke hat mit Sicherheit auch nichts mit östlichem Mystizismus zu tun. Das beweist allein die Tatsache, daß nordische Völker Europas bis zu den Eskimos, keltische Druiden, islamische Sufis, afrikanische Ureinwohner (z. B. die Zulus) und verschiedene alte Indianerkulturen auf dem ganzen amerikanischen Kontinent dieses Wissen kannten und lehrten. So konnten wir auch bald feststellen, daß die Reinkarnation auch im urchristlichen Glaubensverständnis enthalten war.
Um urchristliche Dokumente und Bücher vor den Zugriffen gottesfeindlicher Kräfte und vor Veränderungen zu schützen, wurden diese in der nachchristlichen Zeit häufig in umliegende Klöster oder Höhlen ausgelagert. Funde von urchristlichen Texten unter anderem in Qumran könnten Aufschluß über die ursprünglichen Lehren Jesu geben, doch die Auswertung dieser Texte ist von verschiedenen Seiten derartig behindert worden, daß 40 Jahre nach deren Entdeckung der Öffentlichkeit nur ein nichtssagender Bruchteil vorgelegt worden ist.
Doch ein anderes, in einem buddhistischen Kloster in Tibet ausgelagertes, urchristliches Dokument ist um 1881 von Reverend G. J. Ouseley aus dem aramäischen Urtext übersetzt worden. Dieses Evangelium stimmt mit den Aussagen der Bibel weitgehend überein und auch die Gemeinsamkeit von Sprache, Ausdruck und Stil sind eindeutig.
In Kapitel 37, Vers 6 - 8 erklärt Jesu die Reinkarnation wie folgt:

"Das Licht scheinet vom Osten zum Westen; aus der Finsternis steigt die Sonne empor und geht wieder hinab in die Finsternis. Also ergehet es dem Menschen in alle Ewigkeit. Wenn sie aus der Finsternis kommt, so hat sie vorher gelebt, und wenn sie wieder niedersinkt, so geschieht es, auf daß sie ein wenig raste und dann abermals lebe. Also müsset ihr durch viele Wandlungen hindurch, damit ihr vollkommen werdet, so wie es geschrieben steht in dem Buche Hiob: Ich bin ein Wanderer und wechsle einen Platz nach dem andern und ein Haus nach dem andern, bis ich in die Stadt und in das Haus komme, die ewig sind."
Das Evangelium des vollkommenen Lebens, 6. Auflage, Humata Verlag

Diese Textstelle ist nicht etwa nur aus dem Zusammenhang genommen zitiert worden, sondern die ganze Schrift zeugt im Gesamtverständnis von der Reinkarnation als Selbstverständlichkeit.
Ein weiterer Beweis für das urchristliche Verständnis der Reinkarnation findet sich in den Bruchstücken des bei den Funden von Nag Hammadi wieder aufgetauchten Philippusevangeliums:

"Die Wahrheit kam nicht nackt in die Welt, sondern sie kam in den Sinnbildern und Abbildern. Die Welt wird sie nicht auf eine andere Weise erhalten. Es gibt eine Wiedergeburt und eine Abbild-Wiedergeburt. Es ziemt sich wahrhaftig, daß man durch das Abbild wiedergeboren wird..."
In Das Evangelium des vollkommenen Lebens, Fußnote 24

Aus einer anderen bei Nag Hammadi gefundenen Schrift, der "Exegese über die Seele", stammt folgendes Zitat:

"So wird die Seele durch die Wiedergeburt gerettet werden. Das aber kommt nicht durch asketische Worte, auch nicht durch Künste, auch nicht durch geschriebene Lehren, sondern es ist die Gnade Gottes, vielmehr ist es das Geschenk Gottes für den Menschen."
Codex II, 134,29-32, in Das Evangelium des vollkommenen Lebens, Fußnote 24

Schon unmittelbar nach dem Weggehen von Jesu nahm die Auseinandersetzung um seine Botschaft ihren Anfang. Die Jerusalemer Urchristen um Jakobus legten großen Wert auf die Bemühungen des einzelnen, ein aufrichtiges gottesbewußtes Leben zu führen. Sie verstanden Jesus Christus nicht als Gott, sondern als Gesandter Gottes und deshalb von gleichem reinen Wesen. Klemens von Alexandrien (um 150 bis 216), Origenes (185 - 254) und Arius (256 - 336) dürften als bedeutendste Vertreter dieser Lehre gelten. Doch sie und ihre Schriften sind von dem sich langsam zur Staatsreligion entwickelnden römisch-paulinischen Christentum bekämpft, verfälscht und verfolgt worden. So hatte Kaiser Konstantin an alle Christengemeinden den Befehl erlassen, sämtliche Schriften des Arius zu verbrennen. Der Befehl schloß mit den bezeichnenden Worten: "Wer ein Buch von ihm verbirgt, ist des Todes! Bewahre euch Gott!" vgl. R. Sträuli, Origenes der Diamantene, 1987, S. 138 Origenes und seine Schriften wurden beim Konzil zu Konstantinopel (553) mit folgendem Bannfluch belegt:

"Wer daran glaubt, die Seele existiere schon vorher (vor dem Körper) und erfahre später eine neue Verleiblichung, der sei verflucht."

Um aufzuzeigen, wie klar diese Kirchenväter den Gedanken um Reinkarnation und Karma gelehrt haben, führen wir deshalb folgendes Zitat aus Origenes "de principes" an:

"Wenn man wissen will, weshalb die menschliche Seele das eine Mal dem Guten gehorcht, das andere Mal dem Bösen, so hat man die Ursache in einem Leben zu suchen, das dem jetzigen Leben voranging. Jeder von uns eilt der Vollkommenheit durch eine Aufeinanderfolge von Lebensläufen zu. Wir sind gebunden, stets neue und stets bessere Lebensläufe zu führen, sei es auf Erden, sei es in anderen Welten. Unsere Hingabe an Gott, die uns von allem Übel reinigt, bedeutet das Ende unserer Wiedergeburt......
....Aufgrund einer Anziehung an das Böse nehmen bestimmte Seelen Körper an, zunächst einen menschlichen. Nachdem ihre Lebensspanne als Mensch dann abgelaufen ist, wechseln sie aufgrund irrationaler Begierden in einen Tierkörper über, von wo sie auf die Ebene von Pflanzen sinken. Aus diesem Zustand erheben sie sich wieder, indem sie die gleichen Stufen durchlaufen, und kehren zu ihren himmlischen Orten zurück."
In R. Zürrer, Reinkarnation, 2. Auflage, S. 290

Konnte eine urchristliche Schrift der institutionellen Zensur entgehen, erhielt sie in alter und neuer Zeit den Stempel des Irrglaubens und Sektierertums. Wie steht es nun aber mit den inspirierten Evangelien, die von der Kanonisation als würdig befunden wurden? Tatsächlich findet sich in ihnen kein direkter Beweis dafür, daß die Reinkarnation im Urchristentum beinhaltet war. Den gestrengen Augen der klerikalen Korrektoren sind unseres Ermessens nur einige wenige Stellen entgangen, die indirekt, aber zum Teil eindeutig auf das vorhandene Wissen um die Reinkarnation hinweisen:

Und im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. Und seine Jünger fragten ihn: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren worden ist? Jesus antwortete: Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden. (Joh. 9.1-3)

Wenn bei einem von Geburt an Blinden gefragt wird, ob er für frühere Sünden büßen müsse, können diese Sünden nur vor der Geburt begangen worden sein. Allein daß die Jünger diese Frage stellen, bringt ihr Wissen um die Reinkarnation zum Ausdruck. Jesus geht in seiner Antwort jedoch nicht auf diesen Punkt ein, sondern benützt die Gelegenheit, um die wunderbare Allmacht Gottes zu preisen. Weitere Ausführungen wären der Zensur wohl nur schwerlich entgangen.


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