Bhakti: liebevolles Gottdienen


Es gibt verschiedene Arten von Offenbarungen. Einige sind durchaus mit gesundem Menschenverstand nachzuvollziehen, weil sie von den Dingen dieses materiellen Kosmos handeln. Dazu gehören Themen wie Reinkarnation, Karma und Vegetarismus. Doch dort wo Gott Sich Selber offenbart, können wir mit unserem menschlichen Intellekt nicht eindringen. In ähnlicher Weise gibt es viele verschiedene Arten der Religiosität wie zum Beispiel Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit, Nächstenliebe, Askese, Aneignung von philosophischem Wissen usw. All diesen Vorgängen liegt eine bestimmte Motivation zu Grunde, die von der Bhaktilehre grundsätzlich in vier Arten unterteilt wird:

Die Religion der Angst,
die Religion der Pflichterfüllung,
die Religion der Anhaftung und
die Religion der Liebe.

Diese Religionen haben eines gemeinsam: Sie sollen den unterschiedlichen Lebewesen helfen, sich von der materiellen Welt zu lösen und der höheren, dem wahren Selbst entsprechenden Ebene, zuzuwenden - Gottes Reich der Ewigkeit, des Wissens und der Glückseligkeit. Keine dieser Religionen darf deshalb geringgeschätzt werden und dennoch gibt es offensichtlich Unterschiede. Im 11. Canto (Buch) des Shrimad Bhagavatam zeigt sich der Bhakta Uddhava verwirrt über all diese verschiedenen Wege. Krishna, Gott, hat ihn in den verschiedenen Arten der Religionen unterwiesen: dem Pfad der Mystik, dem Pfad der selbstlosen Werke, der das Herz läutert, dem Pfad der Weisheit oder des Einsseins mit dem gestaltlosen Brahman (Advaita-Lehre) usw. Ratlos wendet er sich nochmals an seinen Freund und Lehrer Krishna. Er fragt:

"Die Wissenden sprechen von vielen Wegen, die zu dem Köstlichen führen. Ist einer davon der Hauptweg? Du hast doch von dieser Bhakti gesprochen." (11.14.1-2)
Krishna antwortet:
"Im Verlauf der Zeit, in der Weltauflösung, ist das Wort, der Veda, verloren gegangen. Es wurde von Mir am Anfang dem Brahma (Gestalter der Welt) verkündet und auch des Wortes Wesensgesetz: den Geist in Mich zu versenken.
Von Brahma (dem Gestalter der Welt) wurde es seinem erstgeborenen Sohn, dem Manu verkündet. Und von Manu empfingen es die sieben Seher der Urzeit und von diesen Vätern die Söhne, die Devas, Dämonen und Menschen.
Aber deren Natur und Charakter ist jeweils verschieden aus Rajah (Leidenschaft), Sattva (Reinheit) und Tamah (Unwissenheit) entstanden. Entsprechend ihrer Natur sind ihre mannigfaltigen Aussagen: 'Das ewige Recht' oder 'Ruhm' oder 'Wahrheit', 'Zügelung', 'Gelassenheit' und 'Geistesruhe' sagen die einen. Andere sagen: 'Der eigene Besitz', 'Herrschermacht', 'Entsagung' und 'Genuss'.
Wieder andere sagen: 'Askese', 'das Spenden von Gaben', 'Beherrschung des aus- und eingehenden Atems (Hatha-Yoga-System)'. Und diese alle werden in Welten geboren, die einen Beginn und ein Ende haben, aus Karma gebildet, mit Leid am Ende, in Finsternis weilend, mit erbärmlichen Freuden, dem Gram hingegeben.
Aber wer Mir hingegeben ist, abhängig von nichts in der Welt, dessen Freude in Mir, Gott dem Ursprung, besteht, wie kann er über irdische Dinge noch irgendwelche Freude empfinden?
Wer nichts mehr für sich haben will, der Gezügelte, der von Frieden Erfüllte, dessen Seele den Einen in allem erkennt, der in Mir nur seine Befriedigung findet, für den sind alle Weltgegenden voller Glück.
Nicht wünscht er die Herrlichkeit des Schöpfers der Welt (Brahma), oder des Königs des Himmels (Indra) oder Herrschaft über alle Erde oder Gewalt über die Reiche der Unterwelt, weder Yogamacht noch Befreiung. Er wünscht nur das eine, sein ganzes Wesen Mir hinzugeben, sonst wünscht er nichts.
Sie, die nicht irgend etwas für sich haben wollen, doch deren Herz entbrennt in sehnsüchtiger Liebe zu Mir, voll heiterem Frieden, diese Grossen, voll barmherziger Güte zu allen lebenden Wesen, sie nur erfreuen sich Meines Glücks des Wunschlosseins; die ungestillten Geister voll Begierde kennen es nicht.
Auch wenn Mein Bhakta seine Sinne noch nicht zügeln kann und von den Sinnesdingen angefallen wird, so wird er doch kraft seiner mutvollen Bhakti von der Sinnenwelt meistens nicht überwältigt.
So wie ein wohlentflammtes Feuer das Brennholz zu Asche verzehrt, so verzehrt die Bhakti, die Mich als Ziel hat, alle Sünden und alles Unglück.
Yoga, Erkenntnis und rechtes Tun, Studium der Veden (der heiligen Schriften), Askese, Entsagung gewinnt Mich nicht derart, wie die wunderbar gewaltige Bhakti zu Mir.
Durch ungeteilte Bhakti und durch gläubiges Vertrauen werde Ich ergriffen, Ich, das geliebte innere Selbst der wirklich Seienden. Unerschütterliche Bhakti zu Mir rettet sogar den Hundeesser vor der Wiedergeburt.
Tugendüben und Wahrhaftigkeit, voll Barmherzigkeit und auch Weisheit, durch Askese gestärkt, läutert eine Seele nicht völlig, die entblösst ist von der Bhakti zu Mir.
Wie soll ohne glückschauerndes Haaresträuben, ohne Schmelzen des Herzens, ohne sanftes Niedertropfen von Freudentränen der Geist geläutert werden!?
So wie Gold ins Feuer geworfen, seine Beschmutzung verbrennt und seine wahre Natur wiedererlangt, so schüttelt das Lebewesen durch liebende Hingabe an Mich die finsteren Folgen seines Karmas ab, die ihn wie Ketten an immer neue Erdenleben binden - und liebend hat er Teil an Mir.
So wie ein krankes Auge durch Anwendung eines heilenden Öls die zarten Stoffe immer klarer sieht, so wird das Lebewesen immer mehr geklärt, wenn es den lieblichen Geschichten von Mir lauscht und wenn es Meine Namen singt.
Das Herz, das über Sinnendinge meditiert, das haftet an den Sinnendingen an. Das Herz, das sich wieder und immer wieder in Liebe Meiner erinnert, das dringt in die Freiheit Meines höchsten Reiches ein.
Wenn einer den Nektar der Unsterblichkeit trank, was soll er noch zu trinken begehren! Wenn ein Wissenssucher Mein göttliches Wesen weiss, was soll er noch zu wissen begehren!
Wenn der Sterbliche aufgegeben hat alle Wege des Karmas und sein Selbst Mir hinzugeben begehrt, dann wird er sich des todlosen Seins bewusst und hat Anteil durch Mich, gemeinsam mit Mir am Leben des wahren Selbst."
( Shrimad Bhagavatam 11.14. 3-34, zitiert aus "Die indische Gottesliebe" von Walther Eidlitz)


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