Was ist Guru?


Shri Guru empfängt den Segen
aus dem Meer der Barmherzigkeit.
So wie eine Wolke auf einen Waldbrand
Regen niedergehen lässt, um ihn zu löschen,
so befreit er die unter der Materie leidende Welt,
indem er das lodernde Feuer des materiellen Daseins löscht.
Ich erweise meine achtungsvollen Ehrerbietungen den Lotosfüssen Shri Gurus,
der ein Ozean glückbringender Eigenschaften ist.
(Shri Shri Gurv-Astaka, Gebet eines Bhakta)


Der Guru oder Lehrer ist der lebende Bote der Gottesoffenbarung. Deshalb bezieht sich "Guru" in erster Linie auf die Funktion, und nicht auf eine bestimmte Person oder Position. Wenn Gott einer ist, dann kann der Guru nicht zwei sein. Es gibt nur einen Guru, der in einer unendlichen Vielfalt von Formen erscheint, um uns die göttliche Liebesbotschaft, die absolute Wahrheit zu übermitteln.
A. C. Bhaktivedanta Swami gab hierzu das einfache Beispiel des Briefträgers: Jeden Tag mag uns ein anderer Briefträger die Briefe ins Haus bringen. Doch das Resultat wird immer dasselbe sein: wir erhalten die Briefpost. Die Post kann mit Gott verglichen werden. Die Briefträger sind all diejenigen, die der Botschaft nichts entgegensetzen. Ein Briefträger, der den Brief erst liest und dann vielleicht noch etwas hinzufügt oder einen Teil wegschneidet, kann nicht wirklich als Briefträger angesehen werden. Es geht daher einzig darum, zu unterscheiden, ob jemand wirklich Guru ist oder nicht. Zum einen werden wir deshalb aufgefordert, mittels unseres gesunden Menschenverstandes und anhand der Heiligen und Schriften nach einem solchen Vertreter Gottes Ausschau zu halten. Zum anderen wird uns versichert, unsere eigene aufrichtige Suche nach der absoluten Wahrheit werde uns zum aufrichtigen Guru führen. Denn das Gute kann nicht vom Schlechten besiegt werden.

Der Bhakti Gelehrte Srila Jiva Gosvami rät, keinen Guru anzunehmen, der seine Berechtigung aus erblichen, herkömmlich gesellschaftlichen oder konfessionellen Gründen herleitet. Vielmehr muss ein wahrhaft befähigter Guru gefunden werden, sonst kann keine geistige Entwicklung stattfinden.
Die Tendenz der Institutionen, nach dem Verscheiden ihrer ursprünglichen, reinen Inspiratoren, die Kontinuität der Nachfolge der geistigen Meister auf die Entscheidung ihrer jeweiligen Administrationshierarchien zu beschränken, hat sich in der Geschichte immer als grosse Irreführung erwiesen. Die Pflicht eines wirklichen Schülers ist es, so wie ein Meister zu leben. Es ist Krishna, Gott Selbst, der im Herzen eines jeden, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht, das Vertrauen zu einem echten geistigen Meister entfacht.
Jegliche Art von Institutionalisierung und Monopolisierung der Vertretung des geistigen-Meister-Prinzips führt zur sofortigen Entartung dieses heilen und lebenswichtigen Aspektes des geistigen Lebens.

Der echte Guru kann dem Schüler durch sein lebendiges Beispiel die Gottesoffenbarung greifbar machen und ihn damit in direkten Kontakt mit dem Ursprung aller Liebe bringen, Krishna oder Gott. Deshalb raten die Weisen dem nach Selbst- und Gottesverwirklichung Strebenden, nach einer solchen Person zu suchen, um bei ihr um Unterweisung zu bitten und die Haltung der Widmung zu verinnerlichen. Der Kontakt mit einem echten Guru, der die göttliche Liebesbotschaft vermittelt, bedeutet, göttliche Harmonie, Geborgenheit und Freude erfahren zu können - je nach dem Ausmass unserer inneren Verwirklichung.
So ist der Guru kein abstrakter Begriff und auch nicht eine aufgezwungene Autorität, sondern eine wunderbare konkrete Ermutigung. Gemäss den Veden werden auch die heiligen Schriften als "Guru" bezeichnet. Doch sie sind passiv, d. h., die Schriften werden je nach der individuellen inneren Verwirklichung des Lesers verstanden und ausgelegt. Die Person "Guru" lebt jedoch und kann, wenn eine Vertrauensbeziehung besteht, uns unmittelbar und aktiv auf persönliche Missverständnisse aufmerksam machen. Der Guru ist daher das aktive Prinzip, der Missinterpretationen der Schriften verhindern kann (wenn es der Schüler zulässt).

Wenn wir daran festhalten, dass es heute keine lebendigen Vertreter Gottes mehr gibt, die uns dabei helfen können, das offenbarte Wissen richtig zu verinnerlichen, bleibt uns nur die Eigeninterpretation. Die Gefahr ist gross, uns dabei auf unvollkommene Erkenntnisse zu versteifen und damit der eigenen Geistesentwicklung im Wege zu stehen. Ein Gottgeweihter gab hierzu ein schönes Beispiel:

Ein Zug fährt durch die Nacht. Drei Männer, die noch nie einen Zug gesehen haben, erhalten durch ihr unterschiedliches Erleben dieses Ereignisses, drei verschiedene Vorstellungen davon, was ein Zug ist.
Der erste Mann steht hinter einem Baum. Er kann nichts sehen, aber hört ein gewaltiges Geräusch. Nach seiner Erfahrung beinhaltet das Wort Zug: ein gewaltiges Geräusch.
Der zweite Mann steht vorne an den Geleisen und hört auch dieses gewaltige Geräusch. Dann sieht er aber plötzlich zwei grosse Lichtaugen aus dem Dunkeln auftauchen und schnell auf sich zukommen. Er läuft weg. Nach seiner Erfahrung beinhaltet das Wort Zug: ein gewaltiges Geräusch und zwei grosse Lichtaugen, die auf einen zukommen.
Der dritte Mann steht in kurzem Abstand neben den Schienen: Zuerst hört er ein Getöse, dann sieht er die Lichtaugen auftauchen und schliesslich rast der Zug an ihm vorbei, so dass er die erleuchteten Abteile mit den Menschen darin erkennen kann.

Die gleiche Wahrheit wird von den Lebewesen auf verschiedenen Bewusstseinsstufen in vielfältig unterschiedlicher Art wahrgenommen. Damit die aus der eigenen Unreinheit entstandenen verzerrten Auffassungen geglättet werden, empfiehlt uns Krishna:

"Versuche die Wahrheit zu erfahren, indem du dich an einen geistigen Meister wendest. Stelle ihm in ergebener Haltung Fragen, und diene ihm. Die selbstverwirklichte Seele kann dir Wissen offenbaren, weil sie die Wahrheit gesehen hat." (Bg 4.34)
Dieses Prinzip des Guru findet auch in der Bibel seine Bestätigung:
"Die dich, Herr, lieben, sind wie die Sonne, wenn sie aufgeht in ihrer Pracht!" (Richter, 5,31)
...und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, damit er in Ewigkeit bei euch sei." (Joh. 14.16)
"Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassen, auf dass ihr seinen Fussstapfen nachfolget." (1.Petr. 2,21)
Der Herzenswunsch Jesu Christi nachzufolgen, stösst schon bald auf die Grenzen der Eigeninterpretation so vieler anderer, die auch für sich in Anspruch nehmen, Nachfolger Christi zu sein. Es ist ersichtlich, wie notwendig die Anwesenheit des lebendigen Guru ist, der die Lehren Christi lebt und in ursprünglicher Form sowie in Einklang mit den heiligen Schriften und den Unterweisungen der anderen Heiligen weitergeben kann. Seine Autorität ist darauf begründet, dass er die Liebesbotschaft Gottes in den Herzen der Lebewesen erweckt. Eigeninterpretationen sind dabei nicht gefragt und können auf Dauer keinen wirklichen Widerhall im Herzen erzeugen.
Im Urchristentum wurde Jesu als Botschafter und von Gott gesandter Erlöser verehrt. Sein Wesen wurde von gleicher Schönheit und Reinheit wie das von Gott verstanden. In ihm sah man den ewig engverbundenen liebenden Geweihten des Herrn, den Auserwählten Gottes (griechisch: ho eklektos) , was eindeutig darauf hinweist, dass Gott und Jesu zwei sind. Zwar gab es schon kurz nach dem Ableben Jesu Bestrebungen, ihn als in der Person identisch mit Gott zu erklären. Doch erst beim Konzil von Nicäa (325) wurde unter der Führung des römischen Kaisers Konstantin den Christen per Beschluss vorgeschrieben, was sie von nun an zu glauben hatten. Dieses Glaubensbekenntnis lautete: Christus ist mit Gott wesensidentisch (griechisch: homousios). Diese Auffassung wurde mit Sicherheit von den Urchristen nicht geteilt und bildet auch einen Streitpunkt in der Qumranfrage. War Qumran nun mit der Urgemeinde von Jerusalem identisch oder nicht? Die offizielle Lehrmeinung spricht von einer Essener Sekte, unabhängige Historiker wie Prof. Eisenmann schreiben die gefundenen Rollen der Urgemeinde zu, weil es zu viele Übereinstimmungen mit den in den Evangelien beschriebenen Personen der Jerusalemer Gemeinde unter der Führung von Jakobus gibt.
Auch Origenes musste sich offensichtlich mit dieser Fehlauffassung auseinandersetzen:
In Rom lernte Origenes den Presbyter Hippolyt kennen. Hippolyt stammte aus dem Osten des Römerreiches und bekämpfte damals leidenschaftlich eine kirchenamtliche Erklärung des Bischofs Zephyrin. Dieser hatte als Richtschnur verkündet: 'Ich kenne nur einen Gott, nämlich Christus Jesus, und ausser ihm keinen andern; der ist geboren und hat gelitten." Zephyrins Bekenntnis spiegelte einen in Rom weitverbreiteten Gemeindeglauben wieder, der Christus für Gott selbst hielt und den man nur als wahrheitsfern und widersinnig bezeichnen kann.
Dieser Glaube hatte seinen Ursprung vor allem in der irrigen Auslegung der durch Christus verheissenen und vollbrachten Erlösung. Zum einen wollte man gerne an eine Erlösung von allen Sünden glauben - was man ersehnt, möchte man ja immer so schnell als nur möglich verwirklicht sehen, zum andern war es eben nicht so einfach, unter den Heiden für ein Bekenntnis zum Christentum zu werben, das die Erlösung lediglich durch einen "Sohn" Gottes verhiess - also nicht durch den Allerhöchsten selbst. Somit durfte Christus nicht bloss "Sohn" Gottes, sondern musste Gott selber sein - das vereinfachte auf den ersten Blick alles!
(R. Sträuli, Origenes der Diamantene, 1987, S. 35)
Auch das Dreifaltigkeitsdogma wurde vor allem von den römisch gesinnten Christen freudig aufgenommen, denn die Verehrung einer Götter-Dreiheit war schon in ihrem alten Glauben enthalten. Und so wurde in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts die frisch geschaffene "ewige" Dreifaltigkeit zum Kernstück römisch-christlichen Glaubens. Die Kirche tut sich jedoch noch heute schwer, diese Dreieinigkeit zu erklären.
Aus vedischer Sicht bietet sich jedoch ein einfaches und klares Verständnis dieses Prinzips an:
"Wenn das Lebewesen (Atma) der Anziehungskraft der Maya (der illusionierenden Kraft Gottes, welche die selbstischen Seelen (Atmas) von Ihm und Seinem Reich fortzieht und an diese Welt von Geburt und Tod kettet) erliegt, wird es von Furcht überwältigt. Weil es durch die Maya vom höchsten Gott (Krishna) getrennt wird, wandelt sich seine Lebensauffassung ins Gegenteil. Es beginnt sich selbst als ein Produkt der Materie zu sehen. Um diesen Fehler rückgängig zu machen, verehrt ein Mensch, der wirklich weise ist, Krishna, als (1) seinen Lehrer (der reine gottliebende Geweihte oder der Sohn), als (2) seine verehrungswürdige Gottheit (Gott Selbst, der Vater) und als (3) die Überseele (Paramatma, heiliger Geist), durch den Vorgang des liebevollen Dienens (Bhakti)." (XI, 2.37)
Der Vater: Krishna, der Vater und Ursprung allen Seins.
Der Sohn: Die Person Guru, das gelebte Beispiel, das uns den Weg weist.
Der heilige Geist: Die Überseele, der innere Lenker, eine (für unsere Augen) unsichtbare Gestalt Gottes, die in den Herzen aller Lebewesen und sogar in jedem Atom weilt. Durch die unfassbare Kraft der Überseele werden so viele für uns Menschen unerklärliche Dinge gestaltet, wie zum Beispiel: die Schwerkraft, die unterschiedlichen Strukturen der Atome, all die sogenannten "Naturgesetze" u.s.w.
Für den gottzugewandten Menschen ist die Überseele auch der "innere Lehrer" oder die Inspiration, die den aufrichtigen Menschen zum echten Sohn führt, der wiederum den Weg zum ewigen Vater, zu Gott, weist. Die Bibel nennt diesen Aspekt Gottes den "heiligen Geist", die Sanskritschriften (Sastra) nennen in "Paramatma". Zwei Namen, die bei genauer Betrachtung die gleiche Bedeutung haben.
In allen drei Aspekten erweist der höchste Herr dem Gottsucher Seine Barmherzigkeit, indem Er ihm Wissen und Erkenntnis von Sich Selbst vermittelt, indem Er die Anhaftung unseres Herzens an diese vergängliche Welt lockert und besonders indem Er uns die Kraft zum echten liebevollen Gottdienen schenkt.


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Fortsetzung




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