Die Offenbarung des Wortes
Die Quellen
In diesem Buch wurde, bis auf wenige Ausnahmen, darauf verzichtet, Erscheinungen aus der Geisteswelt des Hinduismus mit scheinbar oder wirklich ähnlichen in anderen Kulturkreisen, wie z. B. unserem eigenen, zu vergleichen. Solche Vergleiche führen, so reizvoll sie auch sein mögen, meistens irre; besonders wenn man nicht die Möglichkeit hat, auf die vielen Einzelheiten einzugehen, anhand deren sich die wirklichen Übereinstimmungen und Unterschiede erst erhellen lassen. Ebenso wurde auf alle historische Perspektive und Erörterung chronologischer Fragen verzichtet. Der mehrtausendjährige Hinduismus wurde nicht in der Form einer von außen betrachtbaren Entwicklung, sondern von innen her geschildert.
Noch mehr als die anderen großen Religionen ist der Hinduismus mit seiner fast unübersehbaren heiligen Literatur und vielerlei Traditionsfolgen in verschiedene Meinungen zerklüftet, in einander widersprechende philosophische Systeme zerteilt, und jede scheinbar objektive Überschau würde bloß ein verwaschenes Bild geben. Und doch kann man von einer Einheit in der Vielschichtigkeit sprechen. Die umgreifende Einheit des Hinduismus besteht darin, daß sich alle die verschiedenen Systeme auf die Wortoffenbarung des Veda berufen, aber nicht in einer gemeinsamen Lehrauffassung, aus der sich ein alle verpflichtendes Dogma ableiten ließe.
Die Fülle dieser hintergründigen Religion läßt sich aber selbst dann, wenn man bereit ist, zugunsten einer strukturellen Darstellung auf den Zeitaspekt zu verzichten, auch von innen her nicht ganz im allgemeinen beschreiben.
Die einzige Art, dem Thema gerecht zu werden, den Sinn und die Ziele des menschlichen Lebens gemäß dem Hinduismus darzustellen, sah ich darin, das ganze Panorama von einem Blickpunkt zu betrachten, der mir vertraut war von der Sicht jener uralten Traditionsfolge, die ich in vielen Lehrjahren in Indien näher kennenlernen durfte.
(Vgl. meine Bücher Bhakta, eine indische Odyssee, Hamburg 1951, erweiterte schwedische Neuauflage Den glömda världen, Stockholm 1972, englische Ausgabe Unknown India, London 1952, New York 1953. Die indische Gottesliebe, Olten 1955, schwedische Ausgabe Krishnas leende, Stockholm 1955. Der Glaube und die heiligen Schriften der Inder, Olten 1957. Krishna-Caitanya. Sein Leben und Seine Lehre, Stockholm 1972. Englisch-amerikanische Ausgabe in Vorbereitung.)
Wie in den anderen indischen Traditionsfolgen, deren Namensreihen von Gurus die Texte erfüllen, gehören auch in dieser der RIgveda, Yajurveda, Samaveda, Atharvaveda, die Upanishaden, die Bhagavad-gita, die beiden grossen altindischen Epen, die Puranas, die Brahma-Sutras selbstverständlich zum Geistesgut der Tradition. Die zentrale Offenbarungsurkunde der Überlieferungsfolge, der ich nähertreten durfte, ist jedoch das zwölf Bücher und achtzehntausend Strophen umfassende Bhagavata Purana (Bhagavatam), das in anderen indischen heiligen Texten als Essenz des Veda gepriesen wird. Im Garuda-Purana z. B. heißt es:
"Das Bhagavata-purana ist das beste unter den Puranas. Das Bhagavatam wurde von Bhagavan (Gott) selbst ausgesprochen... Er ist der Sinn und die Erklärung der Brahma-Sutras, die Aufhellung des Sinnes des Mahabharata, die Erläuterung des Gayatri-Mantra. Es enthält den Sinn und die Erklärung der Veden."
Ähnlich sagt das Padma-purana:
"Das Bhagavatam ist die lautere Essenz der Veden und Upanishaden."
Des weiteren heißt es im selben Padma-purana:
"Bhagavan legte die Fülle seiner eigenen göttlichen Macht in das Bhagavatam hinein. Er machte sich selbst unsichtbar und trat in das Meer des Bhagavatam ein. Daher ist das Bhagavatam die Wortgestalt Gottes."
In diesem Sinne sagte der Guru meines eigenen Gurus, Bhakti-Siddhanta Sarasvati (1874 - 1937): "Wenn die Veden und die Upanishaden und die Bhagavad-gita und alles andere altindische Schrifttum verloren gegangen wären und nur das Bhagavatam wäre bewahrt geblieben, so wäre in Wirklichkeit nichts verloren abgesehen von den Lehren der altindischen Atheisten, denn alles übrige ist in seiner Essenz im Bhagavatam enthalten."
(Die erste Erwähnung des Bhagavatam in einem anderen Werk findet sich bei Gaudapada (etwa 500 bis 550 n. Chr.) in seinem Kommentar zur Uttaragita. Er zitiert dort eine Strophe aus dem Bhagavatam (X, 14, 4) mit der ausdrücklichen Beifügung "so im Bhagavatam". Da aber bekanntlich die heiligen Texte durch lange Zeitfolgen mit für uns schwer faßbarer Gedächtniskraft mündlich vom Guru zum Schüler überliefert wurden wobei die Mantras in der altertümlichen Form treu bewahrt wurden, die Sprachform der umrahmenden Teile sich aber zuweilen langsam veränderte , ist die schließliche Niederschrift selten aufschlußreich für das Alter der Wortüberlieferung.
In Indien selbst wird der Veda niemals "die Schrift", sondern Shruti, "das Hören", genannt, wobei eigentlich gemeint ist, einem göttlichen WORTE zu lauschen.)
Es gibt wenig Probleme des menschlichen Lebens, die im Bhagavatam nicht erörtert werden, und wenig Ziele, zu denen nicht der Weg gewiesen wird. Ein Krieg der Vorzeit wird beschrieben, in dem die Hauptwaffe über die Breite Indiens dahinfahrende Raketen sind. Eine einzige davon verbrennt die große Stadt Benares. Die Substanz und die Triebkraft der Waffe sind allerdings kein uns bekannter Stoff, sondern magische Wortkraft.
Von einem riesigen Raumschiff ist die Rede, das, vom Willen eines Yogi gelenkt, die Erde umkreist und weit über die Regionen der Götter hinausdringt. Es wurde geschaffen, um einer Frau Freude zu bereiten und ihr die Wunder der Erde zu zeigen. (Bhagavatam III, 23, 12-43) "Um seiner geliebten Frau die Fülle menschlicher Liebeslust zu schenken, nach der sie sich sehnte, verwandelte der (große Yogi) sich selbst in neun Gestalten und spielte mit ihr (dort) das Spiel der Liebe viele Jahre hindurch, die aber wie eine kurze Stunde erschienen." (Bhagavatam III, 23, 44)
Ein häßliches Mädchen erfährt, wie sie Schönheit erlangen und den rechten Gatten finden kann. Der Mensch, der Lust sucht, findet Rat, wie er seine Lust steigern kann. Wer Reichtum sucht, findet den Weg zum Reichtum. Wer Macht sucht, erlernt, wie man Macht erlangt. Der kinderlose Vater, der heiß einen Sohn begehrt, bekommt den ersehnten Sohn. Und dann stirbt das Kind; stets wird aufgewiesen: Die Erlangung dieser Ziele ist nichts.
Viele Male werden Versuche dargestellt, auf Erden eine zeitgemäße soziale Ordnung aufzurichten. Ein dämonischer Herrscher will überall die Weltordnung des Guna Tamas durchsetzen. Er hat die ganze Erde erobert, dazu die Unterwelt und die vergängliche Himmelswelt Indras. Die Götter sind geflohen. Er läßt sich als dem einzigen Gott huldigen. Niemand braucht in seinem Reiche zu hungern. Und doch stöhnen alle Wesen unter dem lähmenden Druck seiner Herrschaft. In der Eliteschule, wo er seinen Lieblingssohn erziehen läßt, ist eines der beiden Hauptfächer: Politik, wie man die Triebe der Menschen zum eigenen Vorteil zu nützen weiß, wie man sie gegeneinander aufhetzt, um sie zu beherrschen, wie man sie im Grunde durchschaut; und das zweite Hauptfach ist die Methodik, wie man höchsten sexuellen Genuß erlangt. Er beherrscht die Welt, hat aber keinen Frieden. Während er in Genuß schwelgt, plündern die sogenannten sechs inneren Feinde: Zorn, Lust, Gier, Stolz, Eifersucht, Verblendung, sein Herz aus.
Eines der Hauptthemen im Bhagavatam ist der mehrfach unternommene Versuch im Gegensatz zu der erwähnten dämonischen Weltordnung - ein im lichten Guna Sattva gründendes Recht zu schaffen. Diese Rechtsordnung, welche die Erfüllung der religiösen und sozialen Pflichten der Menschen fordert, wird Dharma genannt. Es heißt: Dharma ist das, was die Welt trägt. Pflege und Obhut für die Hilflosen und Leidenden; die Kinder, die Alten, die Schwachen, die Kranken, die Flüchtlinge, die Gefangenen sind Glieder des Dharma. Die vom Dharma gebotene Gastfreundschaft gilt, wie schon früher hervorgehoben, nicht bloß dem hungernden Menschen oder Tier, der Gast ist zu ehren wie Gott selbst, weil der eine Gott tief verborgen als innerer Lenker und ewiger Freund in jedem Lebewesen weilt. Das ist die Liebe zum Nächsten im Sinn des Dharma des Hinduismus.
Die große Rahmenerzählung des Bhagavatam setzt ein mit dem Versuch, ein Reich sozialer Gerechtigkeit auf Erden aufzurichten. Der Versuch mißlingt. Das Mahabharata schildert einen anderen Versuch, das Reich des Dharma aufzurichten. Auch dieser endete in Untergang und Tod. Im Ramayana wird berichtet, wie der göttliche Avatara (Erlöser) Rama der Name bedeutet Freude, göttliche Freude , der in menschenähnlicher Gestalt auf Erden wandelte und "die Gefallenen aufhob und läuterte", den Dharma wiederherstellen wollte. Noch heute wird in Indien vom Ram-Raj, dem wunderbaren Reiche Ramas, gesprochen. Und doch ist auch Ramas Versuch letztlich mißlungen.
Gemäß dem vedischen Erziehungsplan, der in das Bhagavatam und andere indische Offenbarungsurkunden eingewoben ist, kann es eine gerechte Weltordnung, die auf des Menschen Ich gegründet ist, also auf Atmas, die ihr eigenes Wesen vergessen haben und sich mit ganz wesensfremden Hüllen aus grober und feiner Materie identifizieren, nicht möglich. Eine Wissenschaft ohne klare Atma-Erkenntnis wird als ein bloßes Wissen von der äußersten Oberfläche des Seins angesehen. Eine Religion, die nicht von der Religion des Menschen zur Religion des Atma fortschreitet, ist in diesem Sinn nur ein mehr oder minder von Tamas oder Rajas oder Sattva gefärbtes Ahnen wirklicher Religion. Trost und Obhut und Hilfe für die Erniedrigten, Schwachen und Leidenden, so wichtig sie auch sind, schenken doch nur eine vorübergehende Linderung des Leids. Eine durchgreifende Linderung des Leids und des Übels erfordert, daß man über die Gunas der Maya hinausgeht und die ewige Wirklichkeit wahrnimmt. Von der Maya umfangen und gefesselt, gleicht alles Bemühen um niedere oder höhere Güter, um wahre Gerechtigkeit, um Leidlosigkeit, um wahres ewiges Glück und wahre Liebe einem dahinschwindenden lustvollen oder leidvollen Traum.
Die Upanishad spricht es klar aus:
Erst wenn die Menschen den Weltraum
zusammenrollen werden wie eine Haut,
erst dann wird ein Ende des Leides sein,
wenn sie nicht Gott schauen.
Shvetashvatara-Upanishad 20, 6
Diese Strophe drückt keineswegs resignierend eine Unmöglichkeit aus. Denn der Raum ist im Sinne vedischer Welterkenntnis nichts als eine Manifestation des Tamo-guna der Maya, die den Atma, der sich abgewendet hat, ständig noch mehr vom Zentrum allen Seins fortschleudert und es verhüllt. Aber wenn ein Atma sich sehnt, sich zurückzuwenden, wenn die zum Zentrum hinziehende Kraft der reinen Erkenntnis und Liebe ihn ergreift und trägt, dann wird der Schleier des Weltraums weggezogen wie eine Haut, und die ewige Wirklichkeit, zu welcher derAtma gehört, liegt offen da.
Was vom Blickpunkt der Maya-Welt ein Unglück, eine Katastrophe, ein vollkommener Zusammenbruch zu sein scheint, kann vom Blickpunkt der Ewigkeit höchstes Glück bedeuten. Denn durch die Erschütterung entsteht oft gleichsam eine Ritze in der Schattenhaut der Hüllen, die den Atma wie eine Zwangsjacke umschnüren, und ein Leuchten aus einer ganz anderen Dimension kann hervorbrechen.
Wenn man sich lange Jahre in das Bhagavatam vertieft, bekommt man den Eindruck, daß sogar die Vernichtungskriege und der Untergang alles Bestehenden, die dort und im Mahabharata geschildert werden, dem Menschen im Grunde zu einer Bewußtseinsverlagerung helfen sollen, nämlich vom Bewußtsein: Ich bin der sterbliche Mensch so und so und ich gehöre zur Welt (der Maya), zum Bewußtsein: Ich bin Atma, ungeboren, todlos, und ich gehöre zu Gott.
Wie tiefgreifend die Bewußtseinsänderung sein muß, deutet eine Strophe der Bhagavad-gita an:
Das, was Nacht für alle Wesen ist,
darin wacht der Gezügelte.
Das, was Wachsein (Tag) für alle Wesen ist,
das ist Nacht für den Weisen, der sieht.
Bhagavad-gita 2, 69
Wie ein Leitmotiv auf den Wegen zu einem neuen Bewußtsein, den Yogawegen, ist ein kurzes Gebet der Schüler in der großen geheimen Unterweisung in der Waldeinsamkeit:
Aus der Unwirklichkeit
(der relativen Wirklichkeit
der vergänglichen Welt)
führe uns in die Wirklichkeit.
Aus dem Dunkel
(dem Licht und Dunkel der Welt)
führe uns ins (ewige) Licht.
Vom Tode
(vom Leben und Tod in der vergänglichen Welt)
führe uns zur Unsterblichkeit.
Brihad-Aranyaka-Upanishad I, 3, 28
Erst vom atmischen Bewußtsein aus kann der Mensch erkennen, daß die Einsamkeit, unter der er litt, im Grunde die Einsamkeit des in der Fremde weilenden Atma war.
Es ist also notwendig, einen Yogaweg zu gehen um wieder zu sich selbst zu kommen. Das Wort Yoga bedeutet Verbindung, aber nicht etwa Verbindung des sterblichen Menschen mit dem Ewigen, sondern die Verbindung des individuellen Atma, des Tropfens Ewigkeit in einer vergänglichen Menschenhülle, mit einem der Aspekte der Fülle der Ewigkeit.
Aber der Weg ist schwer; er wird in den Upanishaden dem Wandeln auf der Schneide eines Rasiermessers verglichen. Das kommt zum Ausdruck in geheimnisvollen Strophen in der Isha-Upanishad, jener Upanishad, mit welcher gemäß uralter Tradition der Guru seine Unterweisung in die Geheimlehre der Upanishaden zu beginnen pflegt. Das Wort Isha, mit dem die Upanishad anhebt und das ihr den Namen gab, bedeutet: der allmächtige Gott, dessen Herrlichkeit auf nichts außer Ihm Selbst beruht, der in Seiner eigenen Größe gründet: also Gott-Upanishad. Die Strophen handeln vom Unwissen (avidya), d. h. dem bloßen Wissen von der Welt, und vom Wissen (vidya), d. h. dem Wissen von der Ewigkeit:
In blindmachende Finsternis stürzen jene,
die der Unwissenheit
(dem bloßen Wissen von der Welt) anhangen,
doch in noch tiefere Finsternis
gleichsam stürzen die,
die sich nur dem Wissen des Ewigen hingeben.
Isha-Upanishad 9
Das bedeutet, sie verlieren den Boden unter den Füßen. Die Upanishad setzt fort:
Aber wer beide zusammen versteht,
der überwindet durch Wissen von der Welt
den Tod,
und durch Wissen vom Ewigen
nimmt er teil am Leben der Ewigkeit.
Isha-Upanishad 11
Wie schon früher hervorgehoben wurde, ist die Welt nicht hier und das Ewige dort; nein, die vergängliche, meßbare Welt ist durchschlungen und umschlungen und durchduftet von der Ewigkeit (vgl. Isha-Upanishad 1). Nur die Blickrichtung muß gelindert werden, keine Ortsveränderung ist nötig. Ein Weg im grenzenlosen Reich des Bewußtseins ist anzutreten, ein Yogaweg.
Aber welchen Yogaweg soll ein suchender Mensch gehen?
Es gibt viele Yogawege. Einer davon ist der sogenannte Hathayoga, der in diesem Buch nicht behandelt wurde. Das ist der Yoga, der sich mit der Beherrschung des eigenen Leibs und des Atemstroms befaßt. Er ist eine keineswegs immer notwendige erste Einleitung zu anderen Formen des Yoga und soll dazu dienen, daß der Leib bei dem weiten inneren Weg, den der Schüler zu gehen hat, nicht stört. Der Yoga, der in den meisten Yogaschulen des Abendlands gelehrt wird, ist eine sehr vereinfachte Form dieses Hathayoga. Es handelt sich dabei um eine ausgezeichnete Gymnastik und kann auch zu einer Konzentration der Gedanken helfen. Die Direktoren von großen Konzernen in der Schweiz, die recht tüchtige Geschäftsleute sind, schicken gern ihre Sekretärinnen in solche Yogaschulen, damit sie sich besser konzentrieren lernen und weniger Fehler machen.
In einer schwedischen Tageszeitung sah ich wiederholt große Annoncen. Da war ein hübsches junges Mädchen abgebildet. Mit gekreuzten Beinen saß sie lächelnd mit halbgeschlossenen Augen in Meditationshaltung da, und man konnte darunter in Schlagzeilen lesen: Praktiziere Yoga in der Yogaschule... und du wirst frei werden von überflüssigem Fett und eine attraktive Figur erlangen.
Mit den Zielen des wirklichen Yoga hat das nichts zu tun. Auch Seelenruhe, äußerer Erfolg und dergleichen sind nicht die wahren Ziele des Yoga, ja oft führen sie zu einer Stärkung des illusionären Ichs.
Eine wichtige sehr alte Yogaform ist der Rajayoga, der königliche Yoga, auch Yoga des Patanjali genannt. Es handelt sich um eine der Mischformen, eine Art Abkürzungsweg zum Yoga des Wissens. In seiner ungetrübten Form werden von dem Übenden dabei größte äußere und innere Reinheit gefordert, sorgfältigste Regelung der Verdauung, Mäßigkeit im Essen, restlos vegetarische Diät, vollkommene Keuschheit in Taten, Worten und Gedanken, bis in das tiefste Traumleben hinein. Bei den heutigen Lebensbedingungen im Abendland ist dieser Yoga, von Ausnahmen abgesehen, kaum durchführbar.
Krishna selbst spricht als Guru im Bhagavatam von drei großen Yogawegen, dem vorbereitenden Karmayoga, dem Jnanayoga, dem Bhaktiyoga, und er charakterisiert genau, wie der Adept beschaffen sein muß, der mit Erfolg einen solchen Yogaweg zu gehen wünscht.
"Es sind von mir drei Yogas klar und deutlich ausgesprochen worden, aus der Absicht heraus, den Menschen die Methode zu geben, um zum wirklich Wertvollen zu kommen. Daneben gibt es nichts, das zur Erhebung führen könnte.
Für diejenigen, die am Wohl des Genießens in dieser Existenz und in kommenden Lebensläufen nicht mehr interessiert sind und die dementsprechend eine ausgesprochene Abneigung gegen das zu diesem Wohl führende Tun haben, für diese ist der Jnanayoga, der Yoga des Wissens, der Yoga, der, dem Willensentschluß entsprechend, das gewünschte Resultat bringt. Für diejenigen, die keine solche Abneigung haben, die am Genießenwollen interessiert sind, die Lohn für ihre Taten begehren, weil sie an der Welt anhaften, ist es der Karmayoga, der, dem Willensentschluß entsprechend, das gewünschte Resultat bringt.
Wenn ein Mensch weder abgestossen ist von der Welt, noch an sich selbst und seinem Leib oder den Dingen in der Sinnenwelt sehr stark anhängt und ohne Ursache Glaubensgewißheit zu dem bekommt, was von mir (Bhagavan, der Maya, dem Atma usw.) gesagt wird, für den ist der Bhaktiyoga (der Yoga des liebenden Dienens) der Weg, der (dem Willensentschluß entsprechend) das gewünschte Resultat bringt."
Bhagavatam XI, 20, 6-8
Karmayoga, der Yoga der treuen Pflichterfüllung religiöser und sozialer Gebote, ist eine Methode, um alles, was man tut, mit Gott (in Seinem Teilaspekt als der ewige Grund aller Welten und Wesen, als Paramatma) zu verbinden.
Jnanayoga, der Yoga des Wissens, ist eine Disziplin, die den Funken Ewigkeit (den individuellen Atma) mit Gott in seinem Aspekt als grenzenloses reines Bewußtsein (dem gestaltlosen Brahman) verbinden soll.
Bhaktiyoga ist eine Methode, um diesen Funken Ewigkeit (den individuellen Atma) mit Gott in seiner ewigen Gestalt als Bhagavan-Svayam zu verbinden. Das geschieht durch Bhakti, die keine Menschenkraft ist, sondern Gottes eigene höchste Kraft.
Das wiedergefundene WORT
Im Hinduismus lebt die Glaubensgewißheit, daß der Urgrund von allem Wort ist, eine den Ohren unhörbare immerwährende Tonvibration, die heimlich alles erfüllt ob es nun ein Weltall von Zeit und Raum gibt oder nicht gibt. In der Bhagavad-gita (15, 1) wird von einem Weltenbaum gesprochen, der seine Wurzel oben (in Gott) hat und dessen Zweige abwärts reichen. Da heißt es: "Seine Blätter sind die Veden, und wer ihn kennt, der ist ein Vedawisser." Das wirkliche vedische WORT gilt als eine der ewigen Existenzformen des einen Gottes. Es ist so alt wie Er, d. h. alterslos, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Sprechen und Hören und Erkennen sind in diesem Worte eins. Alles Vermögen von Auge, Ohr, Sprache, Geist ist darin vereinigt. "Es ist das Ohr des Ohrs, der Geist des Geistes, die Sprache der Sprache, der Lebensatem des Lebensatems, das Auge des Auges", heißt es. "Dorthin dringt das Auge nicht hin, noch die Sprache, noch der Geist. Das, was durch die Sprache nicht ausgedrückt werden kann, aber wodurch die Sprache zum Ausdruck kommt... das, was der Geist nicht zu erkennen vermag, aber wodurch der Geist erkannt wird, das allein wisse als das Brahman und nicht das, was sie hier anbeten." (Kena-Upanishad I, 1-5)
Dieses WORT, das Ton-Brahman (shabda-Brahman) gilt als der wirkliche Veda. Es ist eine Voraussetzung für das Verständnis, daß man nicht aus dem Sinn verlieren darf, daß alles, was man an vedischen Texten in Handschriften oder Büchern lesen kann, was man mit dem Ohre hören, mit dem Verstand ergreifen kann, nur als ein Schatten des wirklichen Veda gilt. Allerdings, wer diesen ewigen Veda erfahren hat, dem leuchtet und tönt auch aus dem Schattenbild das wirkliche vedische Wort entgegen, und er vermag auch zu erkennen, was Interpolation oder andere Verzerrung ist.
Schon in einer berühmten Hymne des RIg-Veda (X, 123) besingt dieses WORT, die Stimme (die Stimme des Höchsten), ihre eigene Herrlichkeit, daß sie es ist, die alle Götter trägt, daß sie Himmel und Erde durchdringt und daß sie den ersten Anstoß zur Weltschöpfung gab.
Als Brahma, der Weltenbildner, der Erstgeborene der neuen Schöpfung, vor dem Entstehen des Kosmos dieses WORT vernimmt und sein Herz ganz von diesem Wort erfüllt wird, vermag er aus der Kraft dieses Wortes sein Werk zu tun, und nicht nur einmal, sondern 36000 Male immer von neuem nach dem göttlichen Plan aus dem Stoffe der Maya die physischen Hüllen der Welten und der Wesen zu bilden.
Was ist die Natur dieses Wortes? Die Antwort, die im Bhagavatam gegeben wird, lautet: Sie ist göttliche Liebe, Bhakti.
Aber die beklemmende Frage erhebt sich: Wie verhält es sich da mit den einander scheinbar widersprechenden Aussagen in den vedischen Urkunden über den Sinn und die Ziele des menschlichen Lebens? Es ist eine Zerklüftung, die durch die Kommentare und Systeme späterer Meister noch gesteigert wird.
Krishna selbst, der von sich sagt: "Ich bin der einzige Wisser des Veda und der Urheber des Vedanta bin Ich", gibt im Bhagavatam eine Antwort auf diese Frage. Gott spricht zu Seinem Schüler Uddhava:
Im Verlauf der Zeit, in der Weltauflösung
ist dieses WORT, das Veda genannt wird,
verlorengegangen.
Am Beginn der neuen Weltschöpfung
wurde es von Mir dem Brahma klar verkündet.
und all sein Wesen bezieht sich auf Mich.
Von Brahma wurde es seinem
erstgeborenen Sohn,
dem Manu, verkündet,
und von Manu empfingen es
die sieben Seher der Urzeit
und von diesen Vätern die Söhne,
die Devas und Dämonen und Menschen...
Aber sie alle stammen aus
Rajas, Sattva und Tamas,
ihre Neigungen sind von vielerlei Art.
Je nach dem Vorliegen des entsprechenden Guna
sind die Wesen in ihrem Charakter verschieden,
und demgemäß sind
ihre verschiedenen Meinungen
über den Sinn des Veda,
und verschieden ist das, was sie sagen.
Bhagavatam XI, 14, 4-7
Und so kommt es, daß die Menschen
durch verschiedene Anlagen
auf Grund derselben Überlieferung
doch verschiedene Meinungen
über den Sinn des Veda haben.
Einige sogar sind Gottesleugner.
Bhagavatam XI, 14, 9
Also sprechen die Menschen,
deren Geist durch die Kraft
Meiner Maya verwirrt ist
je nachdem, was sie auf Grund ihrer Neigung
als fruchtbringendes Wirken ansehen
von verschiedenen Dingen als dem Köstlichsten
(dem besten Weg und dem besten Ziel).
Erfüllung der dem Menschen
obliegenden Pflichten,
entsprechend der Kaste und Lebensstufe,
Ruhm, Erfüllung der Sinnenlust,
Wahrhaftigkeit,
Zügelung der Sinne und des Geistes
und innere Stille, sagen die einen,
andere: göttliche Herrschergewalt
und Entsagung als Weg dazu,
wieder andere rituelle Opfer,
Kasteiung und das Spenden von Gaben,
das Üben von Fasten, Zügelung der Sinne,
des Geistes und des Atemflusses.
Und sie pflegen diese Dinge
um ihrer Selbstbefriedigung willen,
(um ihres eigenen Ichs willen).
Einen Beginn und ein Ende haben diese Welten
die ihrer harren.
Auf Grund eigensüchtigen Wirkens
werden sie erlangt.
Voller Leid sind sie,
erbärmlich, schlecht, mit armseligen Freuden,
und dem Gram ausgeliefert,
denn sie gründen in Finsternis.
Bhagavatam XI, 14, 9-11
In dem, was Krishna hier anführt, sind die meisten Auffassungen vom Sinn des Lebens und den Wegen und Zielen der Menschen mit eingeschlossen. Freilich muß man die Worte "entsprechend der Kaste und Lebensstufe", die darin enthalten sind, nicht im heutigen dekadenten Sinn, sondern in der ursprünglichen Bedeutung auffassen, keineswegs als Zugehörigkeit zu einer Kaste, die bloß auf Erblichkeit beruht, sondern auf Charakteranlagen, die verschiedene Verantwortung und Pflichten bedingen. Und doch nennt Krishna die Welten, die auf diesen Wegen erlangt werden, "erbärmlich, schlecht, mit armseligen Freuden und dem Gram ausgeliefert, denn sie gründen in Finsternis". Das bedeutet, fast alle Heilswege und heißersehnten Ziele der verschiedenen Weltanschauungen werden beiseite geschoben. Denn nicht nur das, was aus der Dunkelheit des Tamas und aus der Leidenschaft des Rajas stammt, auch alle Manifestation des lichten Sattva ist vom Bewußtsein der Ewigkeit her betrachtet Finsternis.
Aber was bleibt an Wegen und Zielen des Menschenlebens noch übrig? Nichts als die Sehnsucht nach wirklicher Liebe, einer aus Gott stammenden, von jedem Begehren nach grobem oder feinem Eigengenuß und sogar von dem Begehren nach ewiger Seligkeit völlig unverhüllten Liebe. Krishna schildert nun seinem Schüler diese Liebe, der gegenüber alle andere Liebe, welche die Menschen auf Erden kennen, nur ein Schatten ist:
Nichts außer Mir hat Er und begehrt er,
beherrscht sind seine Sinne,
voll beruhigt ist er,
denn sein Sinn wurzelt unerschütterlich in Mir.
Gleichwertig ist ihm jeder Ort, wo er ist,
denn durch Mich ist sein Herz befriedigt,
und deshalb sind ihm alle Orte
in gleicher Weise freudevoll.
Nicht wünscht er die Herrlichkeit
des Weltschöpfers Brahma
oder den Thron des großen Himmelsherrn Indra
oder Herrschaft über die ganze Erde
oder Macht über die Unterwelt,
noch Befreiung von der Wiedergeburt.
Er, der sich selbst Mir ausgeliefert hat,
begehrt nichts außer Mir.
Bhagavatam XI, 14, 13-14
Krishna legt dar, wie derjenige, der diese Liebe empfangen hat, Segen und Läuterung über die ganze Welt ausgießt. Gott verkündet:
Ich folge immerdar dem,
der sich um nichts außer Mir kümmert,
der immer an Mich denkt,
der ohne Feindseligkeit gegen irgend jemand ist,
der alle Dinge außer Mir
für gleich unwichtig ansieht.
Ich tue das, damit durch den Staub seiner Füße
die Welt geläutert werde.
Die nichts außer Mir kennen,
deren Herzen in immer neuer dienender Liebe
Mir gewidmet ist,
die ganz unerschütterlich in Mir wurzeln,
die wahrhaft Großen,
die voller Güte
zu den Atmas in allen Wesen sind,
deren Sinn von keinerlei Begehren
irgendwelcher Art mehr berührt wird,
diese allein erleben Meine Freude
und wissen, was Meine Freude ist,
denn sie schauen nach nichts anderem,
nicht einmal nach Erlösung von der Wandelwelt.
Bhagavatam XI, 14, 16-17
Ein bestürzender Satz findet sich in der vorstehenden Strophe. Es heißt da nicht: "die voller Güte zu allen Wesen sind", sondern "die voller Güte zu den Atmas in allen Wesen sind".
Hier unterscheidet sich die Tradition der indischen Gottesliebe, so wie sie in diesem Buch gesehen wird, von den meisten Darstellungen des Liebesthemas in anderen Religionen. Das von unserem Gesichtspunkt Bestürzende liegt nicht darin, daß Gott die Quelle aller Liebe ist und daß die Nächstenliebe letztlich in der aus Gott stammenden Liebe gründet, sondern daß die wahre Liebe zum Nächsten genaugenommen nicht seiner Existenz als Mensch gilt, sondern dem in der Menschenhülle weilenden Atma.
Krishna spricht auch von dem Anfänger auf dem Pfade der Bhakti:
Sogar wenn Mein Bhakta
seine Sinne noch nicht besiegt hat
und durch die Sinnesdinge verstört wird,
kann er von den Sinnesdingen
schwerlich überwältigt werden,
denn Bhakti (sogar auf dieser Stufe)
ist (Meine Kraft und) sehr mächtig und kühn.
O Uddhava,
so wie ein wohlentflammtes Feuer
das Brennholz zu Asche verzehrt,
so verzehrt die Bhakti, die Mich als Ziel hat,
alle Sünden und alles Unglück.
Yoga, Sankhya, Erfüllung der Pflichten als Mensch,
Studium der Veden, Askese, Entsagung
gewinnt Mich nicht;
hingegen gewinnt Mich die
(aus Mir stammende) gewaltige Bhakti zu Mir.
Die Seienden, deren Tiefstes und Liebstes ich bin,
vermögen Meiner habhaft zu werden
durch ganz ausschließliche Bhakti
voller Glaubenszuversicht.
Unauswurzelbar in Mir gegründete Bhakti
läutert sogar den Hundeesser
von (dem Unheil) seiner Geburt.
Bhagavatam XI, 14, 19-21
So wie Gold, ins Feuer geworfen,
seine Beschmutzung aufgibt
und seine wahre Natur wieder erlangt,
so schüttelt der Atma ab
das Begehren nach anderem
als dem Gott-Dienen,
und dann dient er Mir wirklich
in dienender Liebe
Durch Hören und Singen der heiligen Namen und Lieder,
die von Mir handeln,
wird das Herz geläutert,
und dann sieht es das ganz Feine
(Mich, Mein Spiel, Mein unendliches Reich,
Meine Mitspieler,
das, was er sonst nicht sehen könnte),
so wie durch Anwendung einer Augensalbe
das Auge (nicht nur frei von Krankheit bleibt,
sondern noch stärkere Sehkraft erhält).
Das Herz, das über Sinnesdinge sinnt,
das haftet an den Sinnesdingen an,
das Herz, das immer wieder und wieder
Meiner gedenkt,
bleibt schließlich ganz und gar an Mir haften.
Deshalb laß alles fahren,
das Denken an das leere Geschwätz
(den Streit der Gelehrten).
Es ist wie bloßes Träumen
und wunschvolles Denken.
Versenke deinen Geist,
der von persönlicher dienender Liebe zu Mir
ganz durchdrungen ist, völlig in Mich.
Wer das zu wissen begehrte
(die ewige Bhakti),
und nun all dieses weiß,
für den bleibt nichts,
was er noch wissen wollte.
Wenn einer den Trunk der Unsterblichkeit trank,
für den bleibt nichts, was er noch wissen wollte.
Bhagavatam XI, 14, 25-28, 32
Der lebendige Gott, ohne jede Verhüllung, steht nun als "Wahrheit der Wahrheit, Wirklichkeit der Wirklichkeit" vor Seinem geliebten Schüler Uddhava und erweist sich als Quelle aller Wege und Ziele des menschlichen Lebens. Alle Dramatik des Daseins, alles Licht und aller Schatten, alles Gute und Böse haben ihren Ursprung in Ihm. Krishna spricht:
Was Yoga des Wissens (Jnanayoga)
und Pflichterfüllung um der eigenen Wohlfahrtwillen (karmayoga)
und Yoga (des Patanjali)
und Herrschergewalt
und die vier Ziele des Menschen sind
(Dharma, Artha, Kama und Moksha Treue Pflichterfüllung im Sinn einer gerechten sozialen Ordnung, Reichtum, Lust, Befreiung von allem Leid und aller Unwissenheit.),
das, o Mein Lieber,
bin Ich für dich.
Wenn ein Mensch alles Tun
um seiner selbst willen
aufgegeben hat
und sein Selbst Mir hinzugeben begehrt,
dann geht er hin zu dem, was ewig ist
und er wird reif, sein wahres Selbst zu sein
in Gemeinschaft mit Mir
(als Mitspieler in Meinem eigenen
unendlichen Reich).
Bhagavatam XI, 29, 33-34
Einige der Strophen, die Krishna früher sprach, ergeben, daß der Frieden, nach dem die Welt sich sehnt, Frieden als bloßes Freisein von Schmerz, Unruhe, Sorge, Angst, Krankheit, Tod..., keineswegs dem Bhakta zuteil wird, der auf Erden sich müht und ringt. Frieden im Sinne Krishnas und des Bhagavatam ist "unerschütterliches Wurzeln des Geistes in Mir". (Bhagavatam XI, 19, 36)
Das Ziel ist nicht, dem Tun und den Problemen der Welt zu entlaufen, sondern sie in Gottzugewandtheit zu lösen, den ewigen Hintergrund von allen vergänglichen Erscheinungen zu sehen und auch in der Welt aus der Kraft der Ewigkeit zu leben.
Ohne diesen Hintergrund gleicht die Welt und das Leben in ihr zumeist einem qualvollen Bild in Schwarz und Weiß, hier gut, dort böse usw. Falls in dieser Welt ein Lusterleben erreicht wird, zieht die Lust stets früher oder später Qual nach sich. Wenn aber der unzerstörbare Grund aufleuchtet, nicht als ein fernes Jenseits, in das man, von den Qualen der Welt entfliehend oder ihren Freuden entsagend, sich zurückziehen könnte, sondern als "Innengrund", mitten unter uns und in allen anderen Lebewesen als "das Nächste des Nahen", dann erst erscheinen die mannigfaltigen Wege und Ziele des menschlichen Lebens in aller Tiefe und Farbe in ihrer wirklichen Beziehung zueinander und zum Zentrum alles Seins. Dann erst lassen sich die Fragen: Was soll ich tun und was soll ich lassen? in dieser oder jener Alters- und Bewußtseinsstufe, in dieser oder jener äußeren oder inneren Lebenslage, klar stellen und beantworten. Dann sind gut und böse keine leeren Worte mehr, deren Relativität von ständig wechselnden Bedingungen abhängt. Erst wenn der Mensch mit jedem Atemzug all sein Tun und Lassen dienend und liebend Gott als Opfer hingibt, ist das Leben in der Welt kein lust- und leidvoller Traum mehr.
Im Bhagavatam kennzeichnet Brahma, der Weltenbildner, vor Krishna stehend, die Welt, die er selbst aus dem Stoffe der Maya schuf, mit den folgenden Worten:
Daher ist diese ganze Welt
nicht wirkliches (ewiges) Sein,
sie ist wie ein Traum,
ohne wahre Erkenntnis
und voll schwerem, schwerem Leiden.
Doch obwohl die Welt aus der Maya stammt,
so leuchtet sie doch wie wirkliches SEIN,
wenn sie (im Dienen) auf Dich (bezogen wird),
der Du unbegrenzte Gestalt bist,
ewiges Glück und reine Erkenntnis.
Bhagavatam X, 14, 22
Wie sich der Erdenwandel eines Gottgeweihten gestalten kann, wird aus der folgenden Strophe des Bhagavatam anschaulich:
Wer in allen Wesen
die Liebe des einzelnen Atma zu Bhagavan
(dem geliebten persönlichen Gott) sieht,
und alle Wesen in Bhagavan,
dem Atma (über allen Atmas),
der ist der höchste Gottgeweihte.
Bhagavatam XI, 2, 45
Auf dem Wege des Bhaktiyoga erkennt der Mensch, daß die Lieblosigkeit, an der er litt, daher kam, daß er sich selbst von der überall seienden, allüberflutenden Kraft der göttlichen Liebe isolierte.
Vor mehreren Jahrhunderten, zur Zeit, als Amerika entdeckt wurde, die Hochrenaissance blühte und sich in der Reformation die Kirchenspaltung vollzog, wuchs an der heutigen Grenze von West-Bengalen und Bangladesh eine Gestalt auf, die unter dem Namen Krishna-Caitanya bekannt ist. Er lebte auf Erden 1486-1533, und mit seinem Auftreten setzte ein vielfältiges Aufblühen der Gottesliebe und Kunst und Kultur in Bengalen und anderen Landschaften Indiens ein. Noch heute beginnen Millionen von Menschen in Indien ihre Zeitrechnung mit der Vollmondnacht, da er in der Stadt Navadvipa am Ganges geboren wurde so wie wir unsere Zeitrechnung mit der Geburt von Jesus Christus beginnen. Krishna-Caitanya wird in allen zeitgenössischen Biographien und in vielen Werken seiner Schüler als der Urgott selbst, als der in tiefster Dunkelheit zur Erde wiedergekehrte Krishna bezeichnet, als der mit aller Gotteskraft begabte verborgene goldene Avatara des finsteren Zeitalters der Zwietracht (kaliyuga).
Eine Strophe eines seiner vertrauten Schüler lautet:
"Um die vorher noch nie geschenkte,
im Dienen hell leuchtende,
ganz unverhüllte göttliche Liebe
zu Ihm Selbst zu schenken,
ward Gott in Seiner Barmherzigkeit
sichtbar im Zeitalter der Zwietracht."
In einer anderen Strophe heißt es: "Aus Sehnsucht nach der Natur eines Bhaktas, eines Gottgeweihten, wurde Gott als Avatara sichtbar."
Einstmals erklärte Krishna-Caitanya, der in die alte Traditionsfolge des Bhagavatam hineinging, einem Schüler verschiedene Wege und Ziele des menschlichen Lebens. Über Krishna-Caitanya s. W. Eidlitz, "Krishna-Caitanya. Sein Leben und Seine Lehre", Stockholm 1968.Er sagte:
"Im Universum irren (von Geburt zu Geburt) zahllose Lebewesen umher.
In der Gesamtheit der Lebewesen sind die Menschen in einer kleinen Minderzahl, und unter ihnen sind alle diejenigen mitgezählt, die von den Veden nichts wissen.
Unter denen, welche die Veden als Autorität anerkennen, sind die Hälfte solche, die sich nur äußerlich an die Veden halten, die das tun, was die Veden verbieten, und welche die Pflicht, die ihnen auf Grund ihres eigenen Wesens obliegt, überhaupt nicht erfüllen.
Unter denen, die ihre Pflicht tun, sind viele, die ihre Pflicht eigensüchtig, um des verheißenen Lohnes willen, erfüllen.
Unter Millionen von Menschen, die derart Karmayoga üben, mag sich einer finden, der den Weg des Wissens, des Jnanayoga, geht.
Unter Milliarden von solchen Wissenssuchern gibt es einen einzigen, der wirklich Erlösung (mukti) findet.
Und unter Millionen Erlösten muß man schon sehr nach einem (wirklichen) Bhakta Krishnas suchen."
Ein anderes Mal lehrte Krishna-Caitanya seine Schüler, wie man beten solle. In seiner Demut dünkte Er sich ein völlig liebeleerer Mensch zu sein, und Er betete:
O Herr der Welt,
Ich begehre nicht Reichtum,
nicht Nachkommen (oder Jünger),
nicht eine schöne Frau oder Dichterkraft.
Doch möge Mir von Geburt zu Geburt
das eine zuteil werden,
motivlose Bhakti (Liebe)
zu Dir, o Herr.
Caitanya-caritamrita III, 20, 26
Anhang
Der Avatara
Unter Avatara verstehen die vedischen heiligen Urkunden das "Herabsteigen" Gottes aus dem unendlichen Reiche der Freiheit in die Welt der Zeit und des Raums der großen Maya; ohne daß das Wesen Gottes sich dabei in irgend einer Weise substantiell veränderte (avatarati heißt: er steigt herab). Es handelt sich nicht um eine Fleischwerdung oder Inkarnation. Gott unterliegt in keiner Weise den Gesetzen der Maya-Welt, auch wenn Er in sie herabkommt, noch bedarf Er einer fleischlichen Hülle, um Seine Urgestalt (und die ewigen Gestalten Seiner Teilaspekte), die alle aus wahrem Sein und reiner Erkenntnis und göttlichem Glück (sad-cid-ananda) bestehen, auf Erden sichtbar zu machen. Das ist, was die Shastras über die Avataras aussagen.
Aber auch die Bezeichnung "der Herabsteigende" ist noch der Fassungskraft des Anfängers angepaßt.
"Für Ihn gibt es kein Innen und kein Außen.
Kein Vorher und Nachher.
Jedoch Er ist das Vorher und Nachher
und das Außen und Innen
des Weltalls
und Er ist das Weltall selbst."
Bhagavatam X, 3, 13
Der Sinn davon ist, das Weltall wäre nicht, wenn Er nicht wäre. Gott braucht nicht herabzusteigen, um sich sichtbar zu machen. Er ist ja in Seiner ewigen Gestalt immerdar und überall gegenwärtig.
Das Kommen eines Avatara bedeutet: Der Schleier der Maya wird für kurze Zeit durchsichtig, die überall seiende ewige Wirklichkeit leuchtet hindurch. Der lebendige Gott wird sichtbar. Begnadete Menschen nehmen nun wahr: In tiefer Mitternachtsstunde ist ein göttliches Kind geboren worden und wächst heran und tut viele wunderbare Taten und unterweist zuweilen sogar als ein Guru, lehrt die Wege zu sich selbst und "stirbt" schließlich, geht von der Erde weg in Sein eigenes Reich zurück. Der Schleier der Maya ist wieder undurchsichtig und dunkel geworden. Ein finsteres Zeitalter bricht herein. Doch das göttliche Spiel Bhagavans mit den Seinen geht in aller Ewigkeit ohne Bruch weiter und flutet auch in zahllose andere bewohnte Welten hinaus.
Ein Sinn der Weltschöpfung besteht ja gemäß den vedischen Urkunden darin, neue Bühnen für die sich immer mehr steigernde Dramatik des göttlichen Spiels zu bereiten.
Im Bhagavatam (I, 3, 26) heißt es:
"Die Avataras Gottes,
des Urgrunds des ewigen Seins,
sind zahllos;
so wie von einem unerschöpflichen See
Tausende Ströme ausfluten."
Auch andere Übersetzungsversuche für das Sanskritwort Avatara, z. B. Erlöser, Befreier, Heiland, sind unzureichend; ihnen haftet noch immer die Begrenzung menschlichen Denkens an, die eigensüchtige Frage: Was tut Gott für uns? Je mehr aber Gott sein inneres Leben dem Auge der dienenden Liebe enthüllt, (der Bhakti, die Gottes eigene Sehkraft ist,) desto mehr wird erkennbar: Gott selbst tut niemals etwas eines Zweckes halber. Nur Seine äußeren Aspekte vollbringen Schöpfung, Erhaltung und Auflösung unzähliger Welten. Alles, was Gott tut, auch wenn Er als Avatara auf Erden weilt, ist ursachlos, motivlos, "ohne Warum", spontanes Spiel. Sein Wesen ist Spielfreude. Er selbst ist das unendliche Spiel.
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