Die Maya Gottes




Die gewaltige Macht, welche die ewige Wirklichkeit verhüllt, wird in Indien von alters her die Maya genannt. Schon im Rg-Veda (IV, 47, 18) heisst es:

"Indra nimmt durch seine Maya schnell mannigfache Gestalten an."
Die altindischen Wörterbücher geben als Bedeutung des Wortes Maya u. a.: Zauberkraft, Zaubertrick, gestaltende Kraft, Gnade. Der Sinn, den die abendländischen Gelehrten zumeist mit dem Worte Maya verknüpfen, nämlich Illusion, entspricht nur einem schmalen Segment dieses umfassenden Begriffes. Die altindischen Grammatiker leiten ihrerseits das Wort Maya von der Sanskritwurzel ma, d. h. messen, berechnen, bewerten, ab.
Die Sastras, die heiligen Schriften der Hindus, schliesslich sehen das ganze berechenbare Weltall, das Grösste und das Kleinste darin, sowohl das Physische wie das Psychische als aus Maya bestehend, aus ihrem Stoff geformt und ihrer Gesetzmässigkeit unterworfen.
Die Maya hat zwei Seinsweisen. Als Prakrti (die Natur hinter aller sichtbaren Natur) ist sie der Stoffesgrund von allem im Weltall, und sie wirkt als die grosse Unwissenheit (avidya), die veranlasst, dass wir verzerrte flüchtige Schattenbilder des Wirklichen, des Ewigen, als volle Wirklichkeit ansehen.
Zur Erkenntnis der Welt und des Menschen gehört gemäss den Sastras vor allem das Wissen von den drei Gunas der Maya. Ohne Einsicht in die Lehre von den drei Gunas, den drei Kräften, Qualitäten, aus denen sowohl die körperliche Welt wie alle Schichten unseres Bewusstseins geformt sind, bleibt alle vedische Menschenkunde unverständlich.
Das Gemeinsame der drei Gunas, Sattva, Rajas und Tamas ist, dass sie alle, wenn auch in verschiedener Art, aus Begehren bestehen. Tamas ist Begehren nach Dunklem, nach der Befriedigung der niedersten Triebe, müheloser schmutziger Lust; Rajas ist Begehren nach der Befriedigung etwas edlerer Triebe, des Triebs nach Macht, Reichtum, rastloser Tätigkeit und Ansehen unter den Menschen, nach Lust, auch wenn die Erlangung Mühe kostet; Sattva ist ebenfalls Begehren, aber in diesem Fall Begehren nach lichten Genüssen, Frieden, Wissen, Stille und Harmonie. Aus Tamas entfaltet sich eine Tonvibration, und daraus entfalten sich der Weltraum und, aus ihm stufenweise, die Elemente der Materie.
Die Erde, die Sonnen und die Sternenwelten sind hauptsächlich aus dem Guna Tamas geformt. In unseren Sinnen und unserer Vernunft ist Tamas stark mit Rajas gemischt. Im schauenden Bewusstsein stillen Denkens und Vorstellens ist Tamas stark mit Sattva gemengt.
Bis tief ins Kosmische hinein erstreckt sich das Wirken der Gunas. Schon tausend Jahre vor Galilei und noch viel früher in vedischer Zeit waren die Inder mit der Vorstellung zahlloser Welten im Universum vertraut:
Im Bhagavatam heisst es z. B.:
"So wie sonnenbeleuchtete Staubströme
durch offene Fenster fluten,
so fluten durch die Poren Mahavisnus
zahllose Welten aus und ein.
(Wenn Er ausatmet, entstehen die Welten,
wenn Er einatmet, vergehen die Welten.
Und nie ist ein Ende des Weltentstehens
und Weltvergehens.
Denn nie hört Mahavisnu auf zu atmen.)"

Bhagavatam X, I4,11

Von Gott aus erscheinen die Universen, ihr Entstehen und Vergehen wie leise Atemzüge. Erst wenn wir den Blick auf ein einzelnes Weltsystem richten, wird das Wirken der Gunas erkennbar. Das Bhagavatam berichtet: Brahma, der Weltenbildner, ein Diener des Höchsten, formt, hauptsächlich aus Tamas, mittels der feurigen Kraft des Guna Rajas das Gefüge der Welt und der Leibeshüllen der Menschen und anderer Lebewesen. Mit der harmonisierenden Kraft des Guna Sattva trägt Visnu, ein Teilaspekt des Höchsten, mühelos die Welt und alle Wesen. Und wenn der Weltuntergang naht, bricht aus Sivas "drittem Auge" die finstere Glut des Tamas hervor und verbrennt die Welt und die Wesen.
Doch unberührt vom Streit der Gunas und ungeachtet des Weltentstehens und Weltvergehens im Bereich der Maya ist die ewige Wirklichkeit Gottes, deren Leben von der gleichzeitigen Anwesenheit des Kosmos in keinerlei Weise gestört wird und die, von Zeit und Raum unbegrenzt, den Natur- und Denkgesetzen nicht unterworfen ist.
Aus dieser allgegenwärtigen ewigen Wirklichkeit Gottes flutet bei jeder Schöpfung wahres Leben in die Schattensphäre der Maya, die grosse Natur, die Prakrti, ein. Gott spricht in der Bhagavad-gita:
"Mein Schoss ist die grosse Prakrti.
In sie senke ich den Samen hinein.
Daraus erfolgt die Geburt aller Wesen,
o Arjuna."
"Was immer in allen Schössen
an Formen entsteht,
die grosse Prakrti ist der Schoss
und Ich bin der Leben gebende Vater."

Bhagavad-gita 14, 3-4

Von hier aus gesehen, von der ewigen Wirklichkeit her, wird die grundlegende Definition, die im Bhagavatam für die Maya gebraucht wird, verständlich. Der Ur-Gott spricht am Anfang der Schöpfung zu seinem Diener, dem Weltenbildner Brahma:
"Ich bin es, der vor der Schöpfung existierte,
als es nichts ausser Mir gab
(nicht einmal die materielle Natur,
die Ursache dieser Schöpfung).
Das, was du jetzt siehst, bin ebenfalls Ich,
und nach der Vernichtung wird das,
was bleibt, ebenfalls Ich,
der höchste Herr, sein."

Bhagavatam II, 9, 33

Unerbittlich wird in den Upanisaden und der Bhagavad-gita und auch im Bhagavatam ständig die Abgrenzung der aus Maya bestehenden vergänglichen Welt von der unendlichen ewigen Wirklichkeit dargelegt.
"Weder der Leib, der aus Erde besteht,
noch die Sinne oder die Götter,
die regelnd über sie wachen,
nicht Atem, Wind, Wasser, Licht,
nicht der Geist, welcher der Nahrung bedarf,
nicht der Verstand, nicht das Herz,
(das Gemüt, die Seele,)
nicht das Ichbewusstsein, nicht Äther,
noch Erde, noch Sinnesobjekte,
nicht die ungestaltete Urkraft der Materie,
keines von allem diesen ist der Atma."

Bhagavatam XI, 28, 24

"Alle Dinge und Gefühle, die im Menschen
und in der Natur ihren Grund haben,
bestehen aus den drei Gunas (der Maya),
und alles, was er sieht und erlebt,
alles, was er hört,
alles, was er mit seinem Geiste denkt.
Das aus den Gunas stammende Tun und Lassen,
das bestimmt die Arten des Umhergetriebenwerdens
des Menschen in der Wandelwelt
von Geburt zu Geburt."

Bhagavatam XI, 25, 31-32

Die drei Gunas der Maya entsprechen in ihrer Wirkung verschiedenen Gruppen von Zielen menschlichen Lebens. Bei einigen wenigen Menschen herrscht der lichte Guna Sattva vor. Bei vielen dominiert die rastlose Aktivität und Leidenschaft des Guna Rajas. Die meisten von uns unterstehen hauptsächlich der Macht des finsteren Guna Tamas. Wichtig ist aber, dass es sich in der indischen Menschenkunde immer um eine Mischung der drei Gunas handelt. Das bedeutet, dass zwar der eine oder der andere Guna vorherrscht, es aber nie einen ganz guten oder ganz bösen Menschen geben kann, sondern dass das unbekannte, zutiefst verborgene Ewige im Menschen, dessen Existenz eine Grundlage des Hinduismus ist, stets von den drei Gunas gefesselt ist, wenn auch in verschiedener Art.
Das Sanskritwort Guna bedeutet bezeichnenderweise u. a. Fessel, Kette, Strick.
Die Bhagavad-gita stellt diese Bindungen folgendermassen dar:
"Sattva, Rajas und Tamas binden im Leibe fest
den Unzerstörbaren, der im Leibe weilt."

"Der Guna Sattva voller Lauterkeit bindet,
da er frei von Übel ist,
durch Anhaften an Glück,
und da er Erkenntnis gibt,
durch Anhaften an Wissen."

"Wisse, dass Rajas von der Natur der Leidenschaft ist
und Durst und Anhaften hervorruft.
Es bindet den im Leibe Weilenden
durch Anhaften am Tun."

"Und wisse, dass Tamas aus
Unwissenheit geboren ist,
betörend alle Lebewesen.
Es bindet durch Missverstehen, Trägheit und Schlaf."

Bhagavad-gita 14, 5-8

Wenn man von der grossen Maya Gottes ganz umgeben und betört ist, hat es den Anschein, als gäbe es nur sie. Sie erscheint dann, wie es auch in manchen indischen Kulturen zum Ausdruck kommt, als die Grosse Mutter, die Weltgebärerin, die Weltzerstörerin, die grosse Herrscherin allen Seins. Er, der Herr der Maya, dessen Dienerin sie ist, dessen Willen sie, wenn man anderen Offenbarungstexten lauscht, vollführt, ist gänzlich entschwunden.
Es ist nicht unwichtig für das Verständnis des Hinduismus, dass er auch diese Perspektive kennt. Ohne sie würden alle Aussagen der heiligen Texte über ein ganz weltenthobenes Spiel Gottes und der Ihm ewig Beigesellten in von Zeit und Raum unbegrenzten Reichen, wo es keinerlei Maya gibt, weniger eindrucksvoll sein. Der Aspekt des Hinduismus, in dem die grosse Maya als einzige letzte Wirklichkeit erscheint und angebetet wird, ist allerdings derjenige, zu dem das abendländische Denken am ehesten Zugang findet.
Der junge Goethe formulierte schon im Jahre 1782 sein Erlebnis mit der damals in ihrer psychologischen Bedeutung neuentdeckten Natur:

"Natur, wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend aus ihr herauszutreten, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf."

Vieles in der intuitiven Auffassung Goethes in seinem Aufsatz über die Natur wird von der indischen Offenbarung in bestürzender Weise bestätigt und vertieft. Aber mit einer Ausnahme. Die Zeilen, dass wir unvermögend seien aus der Natur, der Prakrti, der Maya herauszutreten und tiefer in sie hineinzukommen, haben, wenn wir die indische Offenbarung in ihrer Ganzheit überschauen, keine Gültigkeit.
Schwer ist es, Gottes Maya zu überschreiten, wird in den Texten oft betont, aber es ist dem Menschen dennoch nicht völlig verwehrt. Wohl liegen die Ziele, das Wissen, die Freude, der Sinn des Lebens der meisten Menschen im Bereich der Gunas der Maya - aber es gibt auch Ziele, Wissen, Freude, Sinn des Lebens, die unberührt und unbegrenzt von den Gunas sind:
Gott spricht im Bhagavatam:

"Das ausschliessliche Wissen von
Atma und Brahman ist sattvahaft.
Das Wissen vom Menschen
als Einheit von Leib und Geist
ist rajashaft.
Das alltägliche Wissen,
das sich bloss auf irdisches Wohl bezieht,
ist tamashaft.
Doch das Wissen, das in Mir gründet,
ist frei von den Gunas."

Bhagavatam XI, 25, 24

"Sattvahaft ist die tatkräftige Überzeugung,
dass das Forschen nach dem Atma
der Sinn des Lebens sei.
Rajashaft ist die Überzeugung,
dass der Zweck des Lebens das Erfüllen der
den Menschen gebotenen Pflichten sei.
Tamashaft ist die Überzeugung,
dass das Nichtbeachten (dieser Pflichten)
der Zweck des Lebens sei.
Tatkräftige Überzeugung aber,
dass das Mir-Dienen der Zweck des Lebens sei,
ist frei von den Gunas."

Bhagavatam XI, 25, 27

"Die Freude, die aus dem Atma entspringt,
ist sattvahaft,
die Freude, die aus der Sinnenwelt entspringt,
ist rajashaft,
die Freude, die aus Verwirrung
und Schwäche entspringt,
ist tamashaft.
Die in Mir gründende Freude
ist jenseits der Gunas."

Bhagavatam XI, 25, 29

Unerbittlich ist die Grenze, die zwischen dem Bereich der Maya und dem, was über der Maya liegt, gezogen wird. Diese Grenze geht sogar quer durch die heiligen Schriften. Ein grosser Teil des Veda, des heiligen Wissens der Hindus, gehört, soweit er Lohn verheisst und die religiösen und sozialen Pflichten der Menschen betrifft, zum Bereiche der Maya.

In der Bhagavad-gita belehrt Krsna seinen Schüler Arjuna:

"Die Veden handeln von den
drei Gunas der Maya.
Werde frei, o Arjuna, von den drei Gunas.
Sei über der Dualität (der Maya),
frei von Sorge um Gewinn und Sicherheit,
wurzle im lauteren ewigen Sein,
sei im Atma gegründet."

Bhagavad-gita 2, 45

Die Scheide zwischen der Maya-Welt und dem von der Maya Unberührten ist aber kein statisches Hier und Dort, es handelt sich vielmehr um eine dynamische Perspektive, eine Frage der Blickrichtung. Wenn einem Menschen durch die Gnade Gottes die Sehkraft des göttlichen Auges verliehen wird, vermag er tiefer in die Natur der Maya einzudringen und ihr Wesen zu erkennen. Als ein Freier wird er dann mitten in der Welt zwischen den Gunas der Maya wandeln und nicht mehr von ihr unterjocht sein. Das wird ihm möglich, weil er durch die ihm verliehene neue Sehkraft hinter allen flüchtigen Erscheinungen der Maya-Welt, dem Hässlichen wie dem Schönen, dem Glück wie dem Leid, den ewigen göttlichen Grund zu sehen vermag. Das Ziel ist hier also keineswegs eine völlige Abkehr von der Welt, sondern vielmehr die Erkenntnis ihrer Natur.
In Indien gilt es - oder galt es noch vor wenigen Jahren - als das grösste Glück des Erdenlebens, einem Guru, einem Geisteslehrer, zu begegnen, der über den Bereich des Vergänglichen und des Unvergänglichen Bescheid weiss, und von ihm als Schüler angenommen zu werden. Freilich, es heisst auch, ein jeder findet den Guru, den er verdient. Der Schüler, der Genuss und Reichtum und Macht sucht, findet den Guru, der den Weg weisen kann, der zu Genuss, Reichtum und Macht führt. Der Schüler, der dazu neigt, sich mit halben Wahrheiten zufriedenzugeben und vor dem Letzten zurückschrickt, der findet den Guru, der halbe Wahrheiten vorträgt. Der Schüler, der sich selbst betrügt, findet den Guru, der sich selbst betrügt.
Der gläubige Hindu ist überzeugt, dass es in Indien seit Jahrtausenden niemals eine Generation gegeben hat, in der nicht ein oder zwei oder einige wenige wahre Gurus auf dem Boden ihres Landes wandelten. Die klassische Definition für einen wahren Guru lautet: "Er muss einer der ungebrochenen alten Traditionsfolgen angehören. Er muss von seinem eigenen Guru die Wahrheit treu und unverfälscht erhalten haben. Und er muss überdies in seinem eigenen Herzen diese ewige Wahrheit untrüglich selbst erfahren haben." Der erste Guru der weitverzweigten Überlieferungsfolgen ist stets Gott oder einer der ewigen Manifestationen Gottes.
Als Sanatana, der einstige Regierungschef des grossen Reiches Bengalen, im Jahre 1516 n. Chr. endlich seinen Guru gefunden hatte#, stellte er an ihn drei zentrale Fragen:

Wer bin ich?
Warum leide ich?
Worin besteht mein Heil?

Die Antworten auf diese Fragen bilden den Hauptinhalt des vorliegenden Buches. Um näher auf sie eingehen zu können, muss aber zuerst dargestellt werden, wie die altindischen Urkunden die Struktur des Menschen sehen.
Die Begriffswelt des Hinduismus ist oftmals nuancenreicher und vielschichtiger als die des Christentums und der abendländischen Denkformen. Daher gibt es häufig keine direkten Entsprechungen. Wörtliche Übersetzungen der Sanskritausdrücke sind vielfach irreführend. Um kein allzu verwaschenes Bild der indischen Menschenkunde zu geben, werden daher im Einklang mit der traditionellen indischen Auffassung auf den allernächsten Seiten eine begrenzte Anzahl von grundlegenden Definitionen gebracht. Diese Definitionen können wie die Notenzeichen einer ungewohnten Musik sein und dazu helfen, die dann folgenden Ausführungen über das Wesen des Menschen und den Sinn des menschlichen Lebens (gemäss dem indischen Yoga) besser zu verstehen.


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