GOTTES MAJESTÄT
Schris Meditationskammer in Nasik war gleichsam wie mit blendendem Gold ausgeschlagen von der in Jahren der geistigen Versenkung angesammelten Kraft. In diesem Raum und in dem grossen luftigen Arbeitszimmer daneben erzählte mir mein Lehrer viele wunderbare Geschichten.
Die erste der folgenden Legenden stammt von Krischna-Chaitanya selber. Anscheinend schildert sie bloss in mächtigen Bildern voll tropisch blühender Phantasie die göttliche Majestät, die unser Weltall durchwirkt. Doch sie ist nur ein Gleichnis. 'Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis'. Auch unser Weltall ist vergänglich. Auch das Amt eines Brahma, die Herrschaft eines Weltschöpfers über ein Weltall, ist nach indischer Anschauung vergänglich. Selbst dann noch, wenn sie Billionen Jahre währt Stillschweigend wird der innere Blick des Schülers, der dieses Gleichnis hört, auf das verborgene, das unvergängliche Reich hingewiesen, das Reich, das 'nicht von dieser Welt' ist.
Krischna und Brahma
Chaitanya erzählte einmal seinen Jüngern: Die vielfältige Göttlichkeit Krischnas in seinem eigenen Reich ist über aller Ausdrucksmöglichkeit. Höret deshalb von jenem Bruchteil seiner Göttlichkeit, wie sie sich in der Majestät des Weltalls offenbart.
Eines Tages kam Brahma, der Schöpfer der Welt, nach Dvaraka, um Krischna zu sehen. Der Pförtner brachte die Meldung zu Krischna. Dieser fragte: "Welcher Brahma?" Der Pförtner kam zurück und wiederholte die Frage: "Krischna will wissen, welcher Brahma du bist". Ungeduldig und verblüfft antwortete der Weltschöpfer: "Geh und sage ihm, es ist der vierhäuptige Brahma".
Nachdem der Pförtner Krischnas Erlaubnis eingeholt hatte, führte er den Schöpfer des Himmels und der Erde hinein. Brahma warf sich anbetend zu Krischnas Füssen nieder, der ihm Ehren bezeigte und ihn nach dem Grund seines Besuches befragte. Brahma antwortete: "Ich werde dir das später berichten. Zuerst aber erkläre mir, was meintest du, als du fragtest: 'Welcher Brahma?'". Krischna begann zu lächeln und versank in Meditation und augenblicklich kamen unzählbare Scharen von Brahmas herbei - solche mit zehn Häuptern, solche mit zwanzig, solche mit hundert, mit tausend, einer Million, selbst einer Milliarde Häuptern; es war über aller Macht, ihre Häupter zu zählen. Schiwas kamen mit Millionen und aber Millionen Armen. Indras erschienen mit Millionen Augen. Bei diesem Anblick verlor der vierhäuptige Brahma fast die Besinnung, wie ein Hase, der von einer Herde von Elefanten umringt wird. Alle diese Brahmas warfen sich vor dem Throne Krischnas nieder, der von ihren gesenkten Kronen berührt wurde. Sein Thron, umringt von den Kronen der Brahmas, begann zu tönen; es war, als ob all die Kronen Preislieder über seinen Thronsitz sängen. Mit gefalteten Händen preisen die Brahmas, Schiwas und anderen Gottheiten Krischna: "Herr, gross ist deine Barmherzigkeit uns gegenüber, dass du uns deine Füsse sehen liessest. O, unser unendliches Glück, du hast uns gerufen und uns als deine Diener angenommen. Befiehl uns und wir werden dich auf unseren Häuptern tragen." Krischna antwortete: "Ich hatte Sehnsucht, euch zu sehen, und so rief ich euch alle zusammen. Seid ihr zufrieden? Habt ihr irgend etwas von den Dämonen zu fürchten?" Sie antworteten: "Dank deiner Gnade sind wir siegreich überall. Zuletzt hast du, indem du auf der Erde erschienst, die Last der Sünden zerstört, welche die Erde in den Abgrund niederzog".
Nun verabschiedete Krischna die Brahmas, Schiwas und Indras und sie kehrten heim, sich vor ihm niederbeugend. Der vierhäuptige Brahma unseres Weltalls warf sich zu Krischnas Füssen nieder und sagte: "An diesem Tage ist mir wieder bewusst geworden, was ich doch schon einstmals in meinem Geiste gewusst hatte".
Krischna antwortete: "Dieses Weltall, obwohl viele Hunderte Millionen Meilen im Umfang, ist sehr klein. Daher hast du nur vier Häupter. Andere Weltenräume messen tausend Millionen, hunderttausend Millionen, Millionen mal Millionen Meilen im Umfang, und deren Brahmas haben Häupter in solcher Anzahl, die diesen Grössen angemessen sind ... So trage ich die Reiche aller Weltenräume. Selbst meine der Welt zugekehrte Göttlichkeit ist unermesslich. Wer will das Mass meiner verborgenen Göttlichkeit erahnen?"
Brahma - Wischnu - Schiwa
Als ob Schri mein erschrecktes Herz aus der aufgerissenen Unendlichkeit Gottes heimführen wollte in wärmere, erdnähere Gründe, erzählte er mir eine andere Geschichte. Sie ist fast ein kosmischer Sketsch, der aber freilich vom Pulsschlag des Verborgenen durchzittert ist. Schiwa hatte einst den gar nicht zu Ende gediehenen Gedanken - es war bloss ein Samen dieses Gedankens: "Wie wäre es, wenn ich aufhören würde, zu zerstören?" Kaum war dieser Gedanke in ihm aufgetaucht, kam Brahma, der Schöpfer, herbei und sagte: "Du, wie wäre es, wenn ich aufhören würde, das Weltall zu schaffen?" In diesem Augenblick kam Wischnu, der Erhalter, und sagte zu ihnen: "Was meint ihr, wie wäre es, wenn ich aufhören würde, das Weltall zu tragen?" - "Ich werde aufhören zu schaffen!" "Ich werde aufhören zu zerstören!" "Ich werde aufhören zu tragen!" So riefen die Götter und tanzten und klatschten in die Hände.
Während sie sich so gebärdeten, kam aus dem Unbekannten ein Wagen hergerollt. Staunend sahen die Götter, dass dieser Wagen mit nichts als mit Eiern gefüllt war. Der Wagen neigte sich und die Eier fielen heraus. Und wenn ein Ei niederfiel und die Schale zerbrach, kam ein Brahma, ein Schöpfer, aus dem einen Ei. Und wo ein anderes Ei niederfiel, kam ein Wischnu, ein Erhalter, heraus. Und wo ein weiteres Ei niederfiel, kam ein Schiwa, ein Zerstörer, heraus. Und immer neue Eier entfielen dem Wagen.
Da erschraken die Götter und falteten die Hände und warfen sich vor dem Allerhöchsten nieder, vor dem sie sich als gering und entbehrlich erkannten. Jäh verschwand der Wagen. Und Brahma und Wischnu und Schiwa kehrten zu ihrem Werke zurück.
Krischna und Narada
Noch tiefer in die Flut der grossen Täuschung, der Maya, führt die Geschichte des 'göttlichen Rishis' Narada, der zu den vertrauten Freunden Krischnas gehört, und den Krischna anspricht: "Du bist mein Auge". Denn Narada durchwandert immerdar die drei Welten, um nach Wesen auszuspähen, die der Befreiung aus der Wandelwelt würdig sind. Selbst der hohe Rishi Narada aber ist, wenn es Gott so gefällt, der zaubergewaltigen Täuschung unterworfen. Doch auch diese Täuschung, die Maya, ist Gottes.
Einmal suchte der weise Narada Krischna auf. Dieser stand vor seinem Palast und lud ihn ein: "Das Mahl ist gleich fertig, iss mit mir!" Freudig dankte Narada: "Ja, ich will nur rasch ein Bad in dem Flusse nehmen. In fünf Minuten komme ich". - Er stieg in die Flut, und als er in die Wellen eintauchte, fühlte er staunend, wie er zu einem jungen Weibe wurde. Verwundert betastete er sein langes Haar, seine Brüste, seinen Leib. Noch war ihm Erinnerung geblieben, dass er ja Narada, der grosse Weise, war. Aber je mehr ihn das Wasser benetzte, desto mehr vergass er es. Er war Naradi, das junge Weib. Ein junger Mann ging am Ufer. Sie fasste ihn bei der Hand. Er führte sie in sein Haus. Sie lebte mit ihm. Zahllose Kinder gebar sie. Ihre Schönheit schwand. Die Kinder schrien und begehrten dies und das. Mühseligkeiten des Lebens hüllten sie ein. Krank wurde sie, alt. Sie schrie zu Gott. Im gleichen Augenblick war sie wieder Narada, der Weise. Der Herr stand am Tore seines Palastes und rief: "Narada, die fünf Minuten sind vergangen, das Mahl ist bereit".
In die Wasser der Weltenmaya, deren Herr Krischna ist, war Narada untergetaucht.
Diese Geschichte ist besonders volkstümlich und wird von den Menschen sehr geliebt. Sie ist sogar zu einem grossen Film verarbeitet worden, der lange Zeit in zahllosen Tonkinos des weiten Landes gespielt worden ist. Die stärksten Filmerfolge in Indien sind erstaunlicherweise nicht, wie im Westen, Gesellschaftsdramen, Gangster-, Abenteurer- und Kriminalfilme. Jene Filme, die vor vollbesetzten Häusern in Indien zuweilen Jahre hindurch gespielt werden, sind Geschichten von der Macht und Liebe des allwaltenden Gottes, der immer neue Heilande und Boten zur Erde herabsendet.
Einmal sass ich mitten unterm Volk auf den rohen Bretterbänken des billigsten Platzes eines überfüllten Tonkinos in Nasik, welches einer riesigen Scheune glich. Ich war wohl der einzige Weisse in der Zuschauermenge. Manchmal liefen Ratten, einander jagend, dicht an unseren Füssen vorbei. Keiner achtete darauf. Wir waren alle im Banne des Spieles.
Ein entzückter Aufschrei durchscholl das Haus. In ihrer Erregung umklammerten meine Sitznachbarn links und rechts, ganz fremde Männer, meine Arme und Hände. Atemlos fragten sie mich, ob ich, der Europäer, nur ja richtig gesehen habe, nur ja richtig verstanden habe, wie Gott eben eingegriffen hat. Froh nickte ich: Ja, ich hatte verstanden.
Vor uns auf der Filmleinwand taumelte der wunderbar befreite Seher aus seinem dunklen Kerker auf die lichtüberflutete Strasse hinaus. Er breitete die Arme aus und sang jubelnd den Gottesnamen "Rama". Die Menschenmassen, die ringsum die Strassen säumen, fielen jauchzend ein und sangen: "Rama, Rama ... !" Aber nicht bloss das Volk auf der flimmernden Leinwand sang, sondern auch fast alle Zuschauer im Kino waren begeistert aufgesprungen und sangen so laut, dass man glaubte, das Dach des Hauses würde gesprengt werden: "Rama, Rama, Rama ..." Mit voller Kraft ihrer Stimme sangen sie den mächtigen Mantra von dem göttlichen Heiland Rama, der die Gefallenen aufhebt und läutert.
Nun sassen sie Zuschauer wieder still und lauschten, als der Held, der so viel Schweres geduldig erlitten hatte, leise flüsternd zu Gott betete: "Du bist unser Vater. Du bist unsere Mutter. Du bist unser geliebter Freund. Du bist die Quelle unserer Kraft. Der du die Last dieses Weltalls trägst, hilf uns die kleine Last unseres Lebens zu tragen."
Man darf sich die indischen religiösen Filme nicht kitschig oder süsslich vorstellen. Sie sind für westlichen Geschmack vielleicht allzulang und zerdehnt, doch sie sind voll Spass und voll von derbem, saftigen Volksleben; und einzelne Szenen sind oft ein grosses Kunstwerk. Bei einem Wettbewerb in Venedig, so hörte ich, wo seinerzeit der beste Film des Jahres ausgewählt werden sollte, hat einer dieser religiösen indischen Filme die beiden höchsten Auszeichnungen erhalten, die damals verliehen wurden.
Einige Monate war ich weit weg, versunken im Orient; aber dann strebten in mir wieder Osten und Westen mächtig zusammen. Und als ich jeden Abend mit Schri in dem Bhagavata-Purana las, brachen plötzlich Türen in germanische Vorzeit auf, ich entsann mich der Runen und deren Weisheit. Ich übersetzte für Schri aus dem Stegreif aus der Edda. 'Valuspa, der Seherin Gesicht ...'
Ich las ihm auch eine Zeitlang täglich aus der Bibel vor. Die Abschnitte über Abraham, Josef, Salomon, Zedekia, Elias, aus dem Buche Jesaias, vor allem den Römer- und den Korintherbrief des Paulus. Er meinte, einer der dunkelsten Schatten, die über das Alte Testament gefallen sind, läge in dem Wort: "Aus Staub bist du geworden und zu Staub sollst du wieder werden". "Nein", rief Schri, "aus Licht ist der Mensch geworden, und zu Licht soll er wieder werden!"
FESTTAGE MIT SCHRI
Am Märzvollmond war Schris 59. Geburtstag. Wir waren alle eingeladen, den Festtag in Ranas Heim in Sadra zu feiern.
Rana und ein mir fremder Brahmane vollzogen vor uns eine lange kultische Zeremonie. Wir, Schris Schüler, und seine erwachsenen Söhne und Töchter nahmen daran teil. Ich verstand bloss einige der Sanskritworte aus den uralten Wedahymnen - die zu Schris Füssen im Wechselgesang von den Kauernden gesungen wurden. "Schanti, Schanti, Schanti ...!" Frieden, Frieden, Frieden! - Mit Blumen wurde Schri überschüttet. Milch und Wasser wurde zuletzt über ihn gegossen. Wir streckten die Hände über Reihen von Kerzenflammen, die vor ihm gebrannt hatten, und fachten diese an, dass sie auch uns anhauchten. Als ich mich zu Schris Füssen niederbeugte, um sie mit meiner Stirn zu berühren, voll tiefer Liebe und Dankbarkeit, legte er seine Arme liebreich um mich, legte seine Hände auf meine Wangen und sagte erfreut: "Das ist gut, dass du hier bist, Vamanji". Die Silbe ji (dschi) ist eine Freundlichkeitsform, leise Zärtlichkeitsform, die er selten anwendete. Sie bedeutet eigentlich das uralte Wort 'arya' (Edler).
Gegen Abend war dann noch eine Art Gottesdienst vor vielen Gästen. Auch einige indische Fürsten aus der Umgebung waren gekommen. Inmitten des leergeräumten grossen Speisesaals im Erdgeschoss waren vier Bananenstauden im Viereck aufgebaut: Sinnbild der Weltschöpfung. Davor wieder zahllose Blumen, Früchte, Süssigkeiten, Reihen brennender Kerzen und glühender Räucherstäbchen. Im Dank für die Schöpfung wurde alles nun der Gottheit geopfert, mit erhobenen Händen dargereicht, am Schluss dann unter die Menschen verteilt. -
Einer der Gäste war ein älterer Mann, ein Postmeister aus einem kleinen indischen Dorf im Süden. Vor vielen Jahren kam Schri auf einer seiner Wanderungen in dieses Postamt, um eine Auskunft zu erbitten. Der Postmeister war auf den ersten Blick hin so betroffen vom Aussehen Schris, von dessen sichtbarer Heiligkeit, dass er ihn am gleichen Tage aufsuchte. Seit dieser Begegnung lebte in ihm eine demütige, verehrungsvolle Liebe zu Schri. Wenn der Postmeister einmal ein paar Tage Urlaub bekam, fragte er stets vorher bei diesem an, ob er zu ihm kommen dürfe, und so war er jetzt auch zu dem Geburtstagsfest seines Gurus gekommen. In zwei Jahren wollte er in Pension gehen und hoffte, dann ganz bei Schri zu leben, um ihm zu dienen. Er sprach mich an: "Wie glücklich Sie sind, Sie haben den Segen Schris und sind immer mit ihm beisammen."
Rana war wie ein Bruder zu mir. Er wohnte in einem herrlichen hellen Herrenhaus, dessen Dach auf weissen Säulen ruhte. Riesige, hohe Bäume gaben Schatten, die Wände waren hellgrün getüncht; zwei Tigerfelle hingen ausgespannt in der Halle, die Felle eines Tigers und einer Tigerin, die von ihm geschossen worden waren. Die Decken waren weiss und braun getäfelt. Vor dem Hause dehnte sich ein grüner Wiesenplan, mit schimmernden, hochstengligen farbigen Blumen, Fruchtbäumchen voller Früchte und alten knorrigen Laubbäumen; es kostete einem Dutzend indischer Diener viele Mühe, mit Wasserkübeln den Rasenfleck frisch und grün zu erhalten. Denn alles Land war gelb ausgedörrt, von der glühenden Sonne vergilbt. Die Strassen waren von feinstem Staub dicht bedeckt. Weich wie ein Federpolster lag er auf allen Wegen. Riesige Staubwolken lagerten auf den Strassen, aufgewühlt von den wandernden Viehherden, Bettlern und Asketen, deren nackte Füsse durch diesen Staub schritten. Dazwischen spazierten Scharen riesenhafter wilder Pfauen und schrien. Kamele und Büffelherden wanderten über die weite Steppe. Die Laubkronen der Bäume waren voll von weissen Eichhörnchen und Herden silbergrauer, grosser Affen. Einer der vielen Diener Ranas hatte bloss das Amt zu versehen, die Affen ein wenig in Schach zu halten. Mit Pfeil und Bogen, der Pfeil hatte eine Gummikugel als Spitze, schoss er zuweilen nach ihnen, um die allzu frechen zu verscheuchen. Die Affen sprangen auf das Dach des Autos, als Rana uns abholte. Sie tanzten nachts auf dem Zelt, in dem ich schlief, solange das Haus voller Gäste war. Es war ein behagliches indisches Offizierszelt mit doppeltem Segeltuch. Ein Zelt stand in einem anderen Zelt, um gegen die Sonne zu schützen. Innen lag ein Teppich, standen Bett, Liegestuhl, Armsessel, Schreibtisch und anschliessend barg es noch eine Art Veranda und einen Baderaum.
Es war eine Freude, im Liegestuhl zu liegen und in das aufsprossende junge Laub zu schauen, den Affen zuzusehen. Die Affen leben von den hellen, grünen Blättern. Man sagte mir, es soll eine überaus gesunde Nahrung sein. Wenn man tote Affen findet, so haben sie meistens Wunden oder Kratzer. Hat nämlich ein Affe eine Verletzung, dann kommt die ganze Familie von weither zusammen, betastet zärtlich die Wunde, macht sie dadurch immer grösser, infiziert sie und das Tier geht ein.
Schri war zufrieden, dass die Affen nachts auf dem Dache meines Zeltes ihr Spiele trieben. "Sie beschützen dich. Hanuman, der Affenkönig, beschützt dich", sagte er scherzend.
Schris Geburtstag war an einem Vollmondtag im März. Die Inder zählen ihre Gedenktage nicht nach den Monatstagen. Sie sagen, er ist am Vollmond oder Neumond eines Monats geboren. Oder am so oder sovielten Tage des aufsteigenden oder schwindenden Mondes. Der schimmernde Mond beherrscht das Jahr.
Am zweiten Tage des Festes wurden von Rana zu Ehren Schris etwa zweihundert Brahmanen gespeist. Sie assen im Hof, auf dem Boden. Einige Köche waren für diesen Tag angeworben worden, denn Rana hatte gleichzeitig noch etwa zwanzig oder dreissig andere Gäste, die in der Halle im Erdgeschoss assen.
Schon seit einigen Tagen hatten Männer den Platz im Hofe, der ab vier Uhr nachmittags im Schatten lag, aus Giesskannen viele Stunden lang mit Wasser begossen, um den Staub zu binden und eine glatte, feste Fläche herzustellen. Hier sassen nun wartend die Brahmanen mit untergeschlagenen Beinen in zwei langen Reihen einander gegenüber. Viele ganz alte Männer, auch kleine Jungen waren darunter, alle hatten den braunen Oberkörper entblösst, nur die Brahmanenschnur um den Nacken geschlungen. Vom Gürtel abwärts waren sie in farbenprächtige blaue oder rote oder grüne oder violette Gewänder gehüllt. In anderen langen Reihen sassen die Frauen, ganz in edle Seide gekleidet, manche auch in kleinen Sondergruppen, nach Unterkasten eingeteilt. Geduldig und friedvoll schweigend warteten sie, eine halbe Stunde, fast eine Stunde lang. Denn die Bereitung des Mahles für die Vielen erforderte Zeit. In Europa wäre bei ähnlicher Gelegenheit gewiss allmählich ein grosser Lärm entstanden. Indessen begannen Helfer aus Bananenblättern geflochtene grosse Schüsseln vor jeden Geladenen auf die Erde hinzustellen, dann aus gleichen Blättern geflochtene Schalen für die kraftvolle Brühe aus Dal. Grosse braune Kugeln, aus Zucker, Mehl und zerlassener Butter bereitet, wurden vor jeden Sitzenden hingelegt. Wer wollte, bekam zwei, drei, vier solche Zuckerkugeln; wer genug hatte, wehrte schweigend mit einer Handbewegung ab. Dann griffen die aufwartenden Diener, welche die Reihen entlangschritten, mit den Händen tief in die Metallkessel und häuften Reis auf die Bananenblätterschüsseln und träufelten dann heisse Butter darauf. In Häufchen wurden viele verschiedenartige Gemüse rings um den Reis gesetzt. Verschiedenartiges Blätterbrot wurde verteilt. Noch immer warteten die Gäste still und würdevoll, bis der Gastgeber ein Zeichen gab. Dann sangen sie alle im Chor eine Hymne an Schiwa und dann erst griffen sie zu mit der rechten Hand und begannen heiter zu schmausen. Es ist eine hohe Kunst, die ich trotz mancherlei Bemühungen noch lange nicht beherrsche, reinlich und anmutig wie dieses Volk säuberlich mit der rechten Hand zu essen, mit der rechten Hand allein den Reis zu kneten und mit Gemüsesaft zu durchfeuchten und zum Munde zu führen. Es ist nicht einmal leicht, mit der rechten Hand allein ohne Hilfe der Linken das Brot zu brechen, wie es Vorschrift ist und wie es diese Gäste, meistens sehr arme Leute mühelos zustande brachten. Unablässig trugen die Diener indessen neue Gerichte herein, neuen Reis, neues Fladenbrot, neue Zuckerkugeln. Gierig äugten die Affen.
Der Oktoberneumond bringt das allermeiste Glück im Jahr. An diesem Tag hat Rama den Dämon Ravana mit den zehn Häuptern erschlagen. Alle Schulen beginnen deshalb in Indien mit diesem Fest ihren Unterricht, zum Krieg zogen in früherer Zeit die indischen Heere an diesem glückbringenden Tage aus.
'Divali' ist auch Erntedankfest, 'Divali' ist Winterbeginn und Beginn eines neuen Jahres.
Wie die Woge solcher Feste einen ergreift!
In der Dämmerung, am frühen Morgen, beginnt das Feuerwerk in der freudigerregten Stadt. Oben, unten, an allen Ecken knallt es. Die kleinen Buben, die vier- und fünfjährigen, besorgen dies voll Eifer. Es knallt unter den Füssen und rechts und links sprühen Funken, wenn man über die Strasse geht. Und vier Tage lang, ununterbrochen, wird in dem ganzen Land geschmaust. Morgens, um fünf Uhr, vor Sonnenaufgang, badet man schon und fängt an zu essen. Und zwischen den Mahlzeiten gibt es Backwerk und Aschantinüsse und Fladen, mit Kokosnussmus gefüllt. Und mittags safrangelben süssen Reis und viele mir bis dahin unbekannte Gerichte.
Schri und seine ganze Familie, Söhne, Töchter, Schwiegertöchter, Schwiegersöhne, Enkel, andere Gäste und deren Diener, wir alle sassen auf ganz niedrigen Schemeln mit untergeschlagenen Beinen. Wir sassen in genau abgestufter Rangordnung. Der Hausherr hatte einen Schemel mit einer Lehne und einem ganz niedrigen Tischchen. Ich hatte einen Schemel mit einer Lehne, doch mein Tisch war wie bei allen anderen, die keine Lehne hatten, ein riesiges grünes Bananenblatt auf dem Steinfussboden. Um jeden 'Tisch' war mit purpurner Kreide ein freudiger Zierat auf die Steinplatten des Bodens gemalt. Es sah aus wie ein Lotos.
Fortwährend wurden die Silberschalen und Näpfe auf den 'Tischchen' mit neuen Gemüsen angefüllt. Oder die Speisen wurden auch oftmals in kleinen gesonderten Häufchen auf das Bananenblatt gelegt. Mit Reis und 'Dal' und verschiedenartigsten Gemüsen und Salaten und verschiedenen Butterarten begann das Mahl. Dann kamen die süssen Speisen. Und mit Reis und Gemüsen und Joghurtmilch hörte das Essen auf.
Der 'Tisch' war niedriger als der Sitz. Das Hinablangen war mühsam. Die Füsse waren mir eingeschlafen und kalt nach dem langen Kauern mit untergeschlagenen Beinen. Mühsam humpelte ich am Ende der Mahlzeit hinaus, zum grossen Vergnügen und unter freundschaftlichem Gelächter der andern.
Aber ich teilte damals die Festfreude der andern so sehr, dass ich mich von Herzen mitfreute, auch wenn man über mich lachte, über mein noch immer nicht ganz indisches Benehmen beim Mahl.
Am Abend des glückbringenden Tages fuhren wir aus, um Besuche zu machen. In viele Geschäfte der Stadt gingen wir. Alle Läden waren strahlend erleuchtet, von frohen Menschen erfüllt. Es waren diesmal keine Käufer. Die Menschen waren gekommen, sich gegenseitig Glück zu wünschen. Überall wurden wir und die anderen Gäste freudig empfangen, wurden uns duftende Essenzen auf den Rücken der rechten Hand gestrichen, andere um den Kopf gestäubt. "Die Ernte war gut", berichtete der Geschäftsinhaber mit Befriedigung. Eine Schüssel mit vielen Gewürzen wurde uns allen gereicht. Betelblätter und Blumensträusse empfingen wir. Kränze wurden uns um den Hals geschlungen. Mit einer duftenden Last von Blumen und Backwerk fuhren wir heim. Alle Taschen hatte ich mit Süssigkeiten angefüllt.
Nirgends gab es Bier, nirgends Wein oder sonst etwas Berauschendes. Ich habe damals keinen einzigen Betrunkenen gesehen. Nicht nur die Hindus, auch manche Mohammedaner in Indien sah ich froh das Lampenfest feiern. Auch vor den ärmsten Hütten brannten an diesem Abend die Lampen, auch vor Hütten, wo die Bewohner so bitter arm waren, dass sie bloss einmal im Jahre ein Licht anzünden können, beim Fest 'Divali'.
Ausnahmsweise habe ich mich europäisch angezogen, das Dinnerjacket und die weissen Schuhe, die ich noch nie trug, da wir von Takore Sahib, dem Herrscher des Staates Vasana, zum Mittagessen eingeladen waren. Er hatte einen entzückenden kleinen Jungen, der mich fragte, ob ich ein Heiliger werden wolle, weil ich indische Tracht trug. Der Takore Sahib war ein junger Witwer, einer der kleinen Fürsten in Indien und kein reicher Mann. Doch hatte er ein Chevrolet-Auto und einen Premierminister 'Divan' genannt.
Eine unbeschreibliche Heiterkeit lag über allen diesen Mahlzeiten. Auf der grossen ovalen Metallplatte vor mir waren um das Mittelstück, den Reis, all die süssen und sauren Gerichte oft unbekannten Namens gereiht, und man komponierte und mischte nun zusammen nach Herzenslust, die gelbe Zitronencreme und ein Bohnengemüse und Buttermilch und Joghurt und die vielen Brote: Chapati, Puri und wie sie alle heissen, es schmeckte herrlich!
Der Fürstenpalast glich wohl dem Königssitz des Odysseus auf Ithaka. Die Hirten, nicht Schweinehirten, aber Kuhhirten, gingen aus und ein. Das Schloss, dreistöckig, mit steilen Holztreppen und Balkendecken, war eigentlich ein altes, reiches, verwittertes Bauernhaus. Holz, überall Holz, herrlich geschnitztes graues Holz; jede Strebe, die hilft, einen Balken oder ein Dach zu tragen, ist geschnitzt, irgendein Ritter mit Schild und Schwert und Flügelhelm, oft von Fabelvögeln auf beiden Seiten umgeben, alles aus Holz. Fenster und Türen standen weit offen. Trotz der heissen Mittagsstunde wehte kühle Luft erfrischend durch die Räume.
In den Zimmern hingen an schweren Messingketten Schaukelstühle oder grosse, breite Schaukelbetten von den Deckenbalken herab. Die einzelnen Kettenglieder stellten Göttergestalten dar. Auch hier waltete ein eigener Diener, der nur dazu bestimmt ist, die Affenherden, die über die Dächer leise eindringen wollen, abzuhalten, ohne sie zu verletzen.
Durch furchtbare Hohlwege voll tiefer Wagenspuren und Staubmassen fuhren wir in Schleifen von dem hochgelegenen Fürstensitz in die Ebene hinab. Rings um die Bauernburg klebte ein elendes Dorf aus zerborstenen Lehmhütten.
Fortsetzung
Inhaltsverzeichnis
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