PILGERFAHRT IM HIMALAJA
Nach der Morgenmeditation schrieb ich Tagebuch. Da klopfte Schri Maharadsch laut an die Türe des Meditationszimmers: "Wir gehen!" Ich schrak auf und zog mir eiligst die Schuhe an. Wir gingen zu dem Pilgerhaus, wo ich zu schlafen pflegte. Die Tage verbrachte ich jetzt immer mit Schri.
Zwei gestickte Decken wurden für Schri in einen Armstuhl gebreitet. Auch ich sass diesmal auf einem Stuhl mitten unter den Sadhus, die auf dem Boden kauerten, und konnte sie ungestört betrachten.
Ihre frischgemalten Stirnzeichen hatten heute Leben wie nie zuvor. Einer der Pilger hatte sich den ganzen oberen Teil des Gesichtes mit weisser Erde eingeschmiert. Hinter diesem kauerte ein ganz junger, fast ein Knabe, dessen gebogene Stirnfalten über der Nase wie eine Lotosblume aussahen. Einer war negerhaft dunkel. Zwei oder drei Männer hatten leuchtend weisse Spitzbärte. Königlich wirkte der alte, wohlgepflegte Sannyasi, der in der Säulenhalle vor meinem Zimmer schläft und jeden Morgen umständlich, wie eine junge Schöne, seine Gesichtsbemalung vorzunehmen pflegt.
Immer neue Gesichter von Sadhus sah ich. Sie öffneten sich vor mir, gleichsam mit allen ihren Schicksalen aus früheren Leben beladen. Wir sangen. Der dicke, von Leben strotzende, gutmütige Swami mit der hohen eingestaubten Haartolle über dem Scheitel, Aufseher der Küche, der mich besonders betreute und heute morgen gerührt an seine Brust gedrückt hatte, gab den Text und die Melodie an. Wir sangen nach.
Der Aufbruch war von grosser Feierlichkeit. In Viererreihen marschierten wir. Der Maharadscha, der von weit her zu dem festlichen Aufbruch gekommen war, neben diesem Schri Maharadsch und ich, wir Schritten zu dritt voran. Jeder von uns hatte gelbe Blumen in der Hand. Wir marschierten und sangen, dass die Strasse hallte. Die Menschen vor den Häusern standen still und falteten die Hände zum Gruss. Singend und die Blumen hochhaltend gingen wir über die Steinplatten des Basars von Almora, die endlose, mit Läden gesäumte Strasse auf dem Grat des Berges. Bald links, bald rechts sank der Blick hinab in das beiderseits der Stadt in Terrassen abfallende Land.
Wir sangen. Heute, da die ersten auszogen zum Kailas, zu dem heiligen Berg, der Schiwas irdische Wohnung ist, war Montag, Schiwas Tag. Die Namen Gottes, die wir sangen, waren wie ein wogendes Meer. Ernst lag die ausgebreitete Landschaft zu unseren Füssen. Lange Nebelstreifen, viele Meilen weite, wanden sich wie dicke weissgraue Schlangen, die Schiwa um seinen Hals geschlungen trägt.
Auf Wunsch Schris liessen wir die grosse Pilgerschar vorausziehen und bilden bloss eine kleine Gruppe. Die Wanderung ist bezaubernd. Sie führt durch eine vielgefaltete Waldwelt, wo zahllose klare Bäche den Himmel spiegeln. Von allen Seiten, durch Moos, aus Felsen und von riesigen Bäumen stürzt weisses Wasser herab. Fremdartige schöne leuchtende Blumen blühen sanft im Moos. Das Wasser, das hell von allen Seiten zusammenströmt, in Stromschnellen und Wasserfällen, wirkt gar nicht mehr irdisch. Himmelswasser, Wasser des Lebens. Der Ort, wo sich das schmale Tal zur Lichtwiese erweitert, heisst Jageshwar, das heisst: 'Schiwa, Herr der Welt.'
Es ist einer der heiligsten Orte in Indien, ja auf Erden. Der Kult des Linga, des Symbols der kosmischen Zeugungskraft, Schiwa geweiht, ist von hier ausgegangen. Die Stätte heisst auch 'der kleine Kailas'. Der grosse Kailas liegt weiter im Norden, in Tibet, jenseits der vergletscherten ungeheuren Kämme des Himalaja.
Ein weitberühmter Wallfahrtsort, aber ich habe keinen einzigen Kramladen dort gesehen. Ein oder zwei Dutzend unscheinbarer Holzhäuser, eine Holzwelt, wunderbar liebevoll geschnitztes Holz. Der Lebensbaum, das blühende Sonnenrad und ähnliche Symbole rahmen rot und blau, vom Alter nachgedunkelt, alle Fenster und Türen der Hütten ein. Und am Ufer, da wo das klare Wasser strömt, liegt der Tempelhof, von einer Mauer umgeben. Zwei grosse Tempel Schiwas und zahllose kleine Tempel, anderen Aspekten Gottes geweiht, ringsum. Die Schiwatempel haben Holzdächer auf Balustraden, weit an allen vier Seiten vorspringend, über steilen, schrägen Türmen. Sie sind nicht Schiwa, dem Zerstörer, sondern Schiwa, 'dem Besieger des Todes' geweiht.
In meinem orangefarbenen, langen Sadhu-Gewand schritt ich neben Schri durch die Höfe und kühlen feuchten Vorhallen und empfing Blüten vor jeder Pforte. Ich stand vor einem Bildwerk, vor einer roten Steinstatue Hanumans, des Affenkönigs, der den Fuss auf ein zerschmettertes Untier setzt, genau so, wie auf Bildern und Statuen in christlichen Ländern der Erzengel Michael über dem stürzenden Drachen steht. Nicht mit irdischer Kraft hat Hanuman das Untier besiegt. Hanuman steht ganz ruhevoll, tief in Meditation versunken; die Hand hat er auf seine hohe Stirn gelegt. Breit wölben sich seine tierischen Backenknochen vor. Unterwegs sah ich unter einem ungeheuren Baum ein anderes Hanumansteinbild, wie immer grellrot gefärbt. Dort trägt Hanuman einen Berg in seiner Hand. Ramas Bruder Lakshman war im Kampfe verwundet worden. Da beauftragte Rama seinen treuen Diener Hanuman, aus dem Himalaja eine bestimmte Pflanze zu holen. Hanuman flog im Nu von der Südspitze Indiens zum Himalaja. Da er aber die Pflanze dort nicht sogleich fand, riss er kurzerhand ein ganzes Gebirge mit allen seinen Wäldern und Bäumen und Kräutern aus und brachte es im Fluge zu Rama. Er meinte, die gewünschte Heilpflanze werde schon mit dabei sein.
Schiwa und Rama und dessen Diener Hanuman sind die Herren dieses Gebirges und dieser Wälder. Auf Tempelmauern, auf Baumstämme, auf Felswände haben die Einsiedler, die in den Felsenhöhlen hausen, mit grossen, roten, indischen Buchstaben jenen Namen Gottes geschrieben, der ihnen am liebsten ist: Rama, Rama, Rama ... In seinem Herzen trägt Hanuman leuchtend den Namen Rama eingeritzt. Es heisst in den Sagen, dieser Gottesname gebe ihm alle seine Kraft.
Es gibt etwa eine Million Dörfer in Indien. Vor der Mehrzahl dieser Dörfer befindet sich ein kleiner Hanumantempel. Das Volk glaubt, Hanuman halte die Dämonen ab, in das Dorf einzudringen.
Es geht mir unendlich gut. Wir wandern und reiten friedvoll in Regen und Sonne durch den endlosen Wald. Eine Wanderung, wie von dem Märchenmaler Schwind, vom Dichter Eichendorff geschildert - aber heilig. Man geht aus dem winzigen Dorf den brausenden Fluss aufwärts, und aus den strömenden Wassern neigt sich Gott einem zu!
Ich sitze auf dem Lehmboden einer grossen Stube unter dem altersbraunen niedrigen Dachgebälk in einem Nebengebäude des Schiwatempels. Es ist eine Pilgerherberge, in der wir hausen. Ein grelles Petromaxlicht ist an einem Dachbalken aufgehängt. Mit dem Kopf stösst man an das niedrige Gebälk an, wenn man unachtsam ist. Und doch ist dieser Dachboden ein geheiligter Raum. Derzeit ist die Stube voll Menschen. Schri sitzt auf einer gestickten Seidenmatte wie auf einem Thron, und ihm gegenüber am Boden kauern die Männer aus uralten Brahmanengeschlechtern, die gekommen sind, dem Maharadsch ihre Verehrung zu bezeugen und um eifrigst mit ihm über religiöse Dinge zu sprechen. Manche auch wollen von Krankheiten geheilt werden. Aus der Falltüre im Fussboden tauchen immer mehr Männer auf, ihre Schatten fallen auf mich. Eben sind Männer zu Schri gekommen, die ihm einen Gerichtsfall vortragen; Schri soll entscheiden.
Mitten im Menschengewühl und Singen der Pilger, während das Brausen der abendlichen Wasser in die Stube dringt, sitze ich mit untergeschlagenen Beinen völlig ungestört und schreibe.
Die letzten Nächte haben wir in staatlichen Forsthäusern verbracht, unendliche Waldberge ringsum. Nun sind wir zu dem bisher höchsten Punkt gelangt, zu dem Forsthaus 'Berinag', das bedeutet 'König der Schlangen'. Mühsamste Wanderung. Auf und ab geht der Weg, endlos durch ein tropisches, heisses, tiefes Tal. Büffelkühe, Ziegen, Agaven, Bananen. Dann in der Mittagsglut steil aufwärts. Nun liegt die ungeheure Kette des Himalaja offen da, hinter drei Waldketten, diese unfassbar übertürmend. In der Mitte eine Eispyramide, etwa 8000 Meter hoch, noch höher als die Wolkengebirge, die Nanda Devi. Berg neben Berg: Schiwas Weib, Schiwas Mägde, Schiwas Gefolge und eisgekantet in der Sonne gleissend, am nächsten und scheinbar am höchsten, ragt Schiwas, des Zerstörers, Dreizack: der Berg Trisul.
Was begibt sich in Europa? Ist Krieg?
Nach einem heissen Bad und einem erquickenden Essen bin ich wunderbar erfrischt. Wir wollen zwei Tage hier oben bleiben auf dem Schlangenberg. Rundum Nussbäume, Zedern und rotblühende, mir unbekannte Bäume. Dann haben wir nur drei Tagesmärsche bis Askot vor uns. Noch viele Male in die Täler hinab und die Kämme hinauf.
Als ich durch den Wald, pfadlos und allein, das letzte Stück zum Bungalow Berinag auf dem Schlangenberge hinaufstieg, hörte ich feierliche Weda-Hymnen: von Schuljungen zu Ehren Schris gesungen. Uralte Musik, wie aus dem AUM herausflutend. Es war ein Knabenbund, unter Führung ihres Lehrers; sie trugen eine selbstverfertigte Gandhifahne.
Das Gestein des Himalaja erinnert mich an das Gestein des Grand Canyon in Nordamerika. Wenn man es in die Hand nimmt, erschrickt man. Es zerbröckelt, zerfällt in Staub. Es war unmöglich, mit einem solchen Stein einen Nagel in meine Schuhe einzuschlagen, von denen die Sohlen wehmütig herabhingen. In Askot, sagte man mir, gäbe es einen Schuster!
Der Radscha von Askot, der uns in dem Rasthaus besuchte, brachte schlechte Nachrichten. Er berichtete, dass der friedliche, vielgewundene Kalifluss, auf den wir hinabblickten, sich in seinem Oberlauf wild empört hatte. Die Regen waren heftiger gewesen als jemals. Alle Brücken waren fortgeschwemmt worden, der schmale Weg vielfach verschüttet oder in die Tiefe gerissen. Die Scharen von Pilgern, die uns vorausgezogen waren, hatten unsägliche Leiden ausstehen müssen. Mehrere hatten den Tod gefunden.
Nach langem Schweigen entschloss sich Schri umzukehren. Ich hatte mich manchmal gewundert, dass der gütige alte Mann oft seltsam zurückhaltend und abweisend gegen Nityananda gewesen war. Nun verstand ich Schri besser. Die grossen Prophezeiungen Nityanandas hatten sich nicht bewahrheitet. Er, der feierlich erklärt hatte, niemand werde auf dieser Pilgerfahrt sterben, hatte sich getäuscht, hatte sich und die anderen betrogen. Auch noch weitere betrübliche Mitteilungen erhielt Schri. Die Kaufleute, die anfänglich so bereitwillig Petroleumlampen, Regenschirme, Gummimäntel und Nahrungsmittel dem Komitee für die Pilgerfahrten geliefert hatten, hatten keine Bezahlung erhalten und machten Nityananda verantwortlich. Sie strengten Prozesse gegen ihn an. Viele Menschen behaupteten plötzlich, dass dieser Mann ein Hochstapler wäre, dass man ihn nie rechtmässig zu einem der Nachfolger Schankaracharyas gewählt hätte, denn für diese Würde besässe er gar nicht die erforderlichen Kenntnisse in Sanskrit. - Mir steht es nicht zu, ein Urteil über ihn abzugeben. Schwer ist es für den Neuling in Indien, sich nicht täuschen zu lassen und in der Menge der Asketen, die andere belügen oder sich selbst, einen wahren Gottgeweihten zu erkennen. Denn die Ewig-Beigesellten Gottes verhüllen sich gerne. Und es bedarf der göttlichen Gnade, um sie zu erkennen.
Sehnsüchtig schaute ich von der Höhe von Askot auf die unberührten grünen Wälder, die Wiesen und wolkenverhangenen Gebirge des unabhängigen Landes Nepal hinab, die jenseits des glitzernden Kalistromes scheinbar dicht unter mir lagen. Es war eine wunderbare, lachende Landschaft. Sehr schmerzlich war es für mich, nicht weiter nach Norden wandern zu dürfen, denn im Gefolge Schris wäre mir Tibet, das verbotene Land, nicht verschlossen gewesen, wie den meisten europäischen oder amerikanischen Expeditionen. Es lag ja eine Einladung des Vizekönigs von Westtibet für Schri vor. Es gingen Gerüchte, dass fünfundzwanzig Pferde seit Wochen an der Grenze für ihn und sein Gefolge bereit standen.
"Warte, bis es an der Zeit ist, Schiwa wird dich rufen", sagte Schri abermals. Zwei Tage waren wir in Askot. Beide Tage war auch der jüngere Bruder des Radscha bei uns im Bungalow. Die fürstliche Familie, deren Vorfahren das grosse Königreich Kumaon, von Sikkim bis Kabul, beherrscht hatten, lebt nun wie eine Gutsherrschaft oder wie eine Grossbauernfamilie inmitten des Dorfes Askot. Auch sie sind aus der Sonnendynastie, können ihr Geschlecht einige tausend Jahre zurückverfolgen. Bis vor 100 Jahren führte jeder aus der Königsfamilie den Beinamen Dewa (Gott). Als die Engländer im Jahre 1815 die frühere Hauptstadt Almora einnahmen und die fürstliche Familie sich nach Askot zurückzog, legten ihre Mitglieder den Namen Dewa ab. Noch einen Blick warf ich auf den vielgewundenen, von Sonne überschütteten Kalistrom, dann lief ich den anderen voraus, in den Wald hinein. Seltsam freudig war diese Rückwanderung nach Almora. Wieder viele Male die Berge empor, dann in tropische, heisse Täler hinab und wieder die jähen Abhänge auf steilen Pfaden emporklimmend. "Es bedeutet nicht allzuviel, zum irdischen Kailas zu gehen. Den wahren Berg Kailas, der in der eigenen Seele liegt, den muss man zu erreichen suchen!" so ähnlich hatte mir Schri schon in den ersten Tagen unseres Beisammenseins in den Instruktionen, die er mir gab, geschrieben.
Immer näher schien mir der heilige Berg Schiwas zu kommen, auch wenn ich ihm nun den Rücken kehrte. Ich durchwanderte weiter sein Gefilde, ich träumte von ihm in vielen Nächten. Sein Eishaupt, seine goldenen Abhänge waren in meiner Seele, während ich einsam auf dem Heimweg abermals einige Falten des Himalaja überquerte.
In jedem Rasthause, wo wir auf dem Heimmarsch übernachteten, gab mir Schri seine Unterweisung. Es begann in dem Rasthaus Tal (Tal heisst auf Hindi Tiefe, Grund), tief in einer brausenden Waldschlucht, dem niedrigsten Punkte der ganzen Wanderung. Aber die Schneeberge des Himalaja leuchteten in die Schlucht hinein.
Schri sagte: "Heute ist der Gedenktag jenes Tages, da Krischna auf der Erde erschienen ist. Wir wollen diesen Tag feiern. Wir wollen zusammen in der Bhagavad-gita lesen. Vamandas, hast du die Gita mitgenommen?"
Nein, ich hatte die Gita nicht mitgenommen. Das Buch war leider in Almora zurückgeblieben.
"Welches Buch hast du mit?"
"Nur Vivekachudamani, 'das Kronjuwel der Unterscheidungskraft' von Schankaracharya."
So kam es, dass ich an einem Geburtstage Gottes auf Erden am Grunde der tiefen Schlucht dieses grossartige, aber im Kerne atheistische Werk von Schankaracharya las.
Auf der weiteren Wanderung, wenn ich auf- und abwärts schritt und lief, meditierte ich unausgesetzt über eines der Worte aus den Upanischaden, die Schankaracharya zu Grundpfeilern seiner Weltanschauung gemacht hatte: 'aham brahmasmi' - ich bin das Brahman. Hinter dem mächtigen, vermessenen Wort verschwanden zeitweise Berg und Wald und Fluss und sogar die Schneehänge des Gebirges. Aber heimlich war ich indessen voll Scham. Ich sehnte mich nach dem Bande der Bhagavad-gita, die ich in dem kleinen weissen Hause unweit von Almora, genannt Anandakutir, Hütte der Seligkeit, in einem Koffer hatte liegen lassen. Ich sehnte mich nicht nach irgendeiner bestimmten Strophe, die ich nicht im Gedächtnis hatte bewahren können, nein, nach dem ganzen Buch, weil die Bhagavad-gita die Worte enthielt, die Gott, die Krischna selbst, mit eigenem Mund einst zu seinem Schüler Arjuna gesprochen hatte.
Als ich nach Almora zurückgekehrt war und die kastenlosen Strassenfeger mit ihren Reisigbesen den scharfen weissen Staub zu hohen Wolken aufwirbelten, dass dieser mir in Mund und Nase drang, dachte ich freudig: "Auch das ist sein! Krischnas Staub wirbeln sie auf".
ANANDAPITH - SITZ DER SELIGKEIT
An meinem Geburtstag bin ich wieder nach Almora zurückgekehrt und mir ist zumut, als ob ich nie weggewesen wäre. Nur noch grüner ist das Terrassenland geworden. Hoch steht das Getreide. Die Flüsse sind angeschwollen, aber klar. Und mir unbekannte Blumenbäume blühen wie Armleuchter mit weissen Flammen. Freudig wächst der Tag der Meditation entgegen.
Gestern sind wir endgültig von Almora abgereist, nach Nasik. Über sehr viele breite Ströme sind wir gefahren. Sandbänke und grüner Buschwald und Tempel an den Ufern. An uralten Häusern vorbei, wo die Menschen bei Kerzenlicht oder Öllampen sassen und laut Hymnen an die Götter sangen. In Muttra, der alten Stadt Mathura, wo die Schmalspurbahn in den Himalaja anfängt, mussten wir für einige Stunden die Fahrt unterbrechen.
Es war am frühen Morgen. Ich fuhr mit Schri in die Stadt, in welcher der Tradition zufolge vor 5000 Jahren Krischna geboren wurde. Wildfarbiges asiatisches Gedränge in den engen, gepflasterten Strassen. Ungeheure vierrädrige Büffelkarren, Kühe, gemächlich am Boden liegend, Händler, Bettler, von Lepra zerfressene Arme gierig in unser Auto hereinstreckend. Durch einen kümmerlichen, heissen Buschwald, der einstmals ein blühender Urwald war, fuhren wir auch nach Brindaban, wo Krischna unter den Hirten seine freudige Jugend verlebte. Nächstes Jahr wollen wir in der kühlen Zeit einige Monate hier verbringen.
Diesmal sass ich mit Schri nur eine Weile im Schatten auf den Stufen, die in den Yamunastrom hinunterführten. Ich zog, wie er, die Strümpfe und Schuhe aus und streckte die Beine in das milchblau schimmernde Wasser, das strömend vorbeizog. Eine meiner Zehen war nach der langen Himalajawanderung heiss und geschwollen, pulsend und blaurot, wahrscheinlich mit Eiter gefüllt. Ich sagte zu Schri: "Vielleicht wird das Wasser des Yamuna meinen Fuss heilen". Er meinte ernst: "Gewiss wird es ihn heilen". Es war wohltuend, Gesicht, Hände und die übermüdeten Füsse von dem weichen lauen Wasser überströmt zu fühlen. Fische kamen zutraulich auf uns zugeschwommen. Als ich näher hinblickte, sah ich, dass das, was ich für Fische gehalten hatte, Häupter und Hälse ziemlich grosser Schildkröten waren.
Vorher hatte Schri, um Kupfergeld für die zahllosen Bettler zu bekommen, Blumen und Blumenketten von einer der Frauen, die auf der Strasse hockten, gekauft. Auf seinen Wink warf ich die Blumen opfernd in den Fluss, schöpfte mit hohlen Händen das helle Wasser und liess es langsam in die Flut verrinnen, während einer der Uferpriester ein Gebet dazu sprach. Dann stellte der Priester eine Muschel mit roter Farbe (mit der man das Zeichen auf die Stirne malt) neben mich auf die nasse Steinstufe. Ich tauchte den Finger in die Farbe und machte einer der Schildkröten das rote Zeichen auf die Stirne. Dann malte der Priester Schri und mir das heilige Zeichen Krischnas auf die Stirn.
Am nächsten Tage, als wir in Nasik ankamen, war mein Fuss vollkommen geheilt.
Nasik ist ein grosser Wallfahrtsort der Inder. Von allen Menschen aus den alten edlen Geschlechtern Indiens, die je auf der Pilgerfahrt nach Nasik kamen, werden die Stammbäume hier niedergelegt, die manchmal durch die Jahrtausende gehen.
Das Haus Schris führt den Namen Anandapith, Sitz der Seligkeit. Es gleicht dem Herrenhaus auf einem Gutshof. Ein riesiges Zimmer dient als sein Empfangsraum. Auf einem Tigerfell liegen das weisse Tuch und die Polster seines Sitzes. Daneben befindet sich sein grosses Meditationszimmer. Gottesbilder und Bilder von Menschheitsführern, mit Blumen geschmückt, hängen an allen Wänden. In dem Empfangszimmer bei geöffneter Tür, ihm nah, aber ihn nicht störend, soll ich meine eigene Meditation verrichten.
Nachts steht die Tür, welche mein Schlafzimmer mit Schris Schlafzimmer verbindet, weit offen. Wenn ich um drei oder um halb vier Uhr früh erwache, sehe ich stets, in immer erneuter Rührung, wie der alte Mann im blauen Sternenlicht aufrecht in seinem Bette sitzt und meditiert, für die gequälte Welt meditiert.
Nachmittags rief mich Schri zu einer Wanderung auf seinem Grund. Schri ist ein freudiger Bauherr. Augenblicklich lässt er einen Tempel für Dattatreya bauen. Der Rohbau ist schon fertig. Wie eine weisse Blume leuchtet die Kuppel.
Auch Dattatreya ist einer der Erlöser, der Avatare, die Gott, dem Glauben der Hindu zufolge, einst zum Heil der Welt aus seiner eigenen Fülle zur Erde entsandt hat. Mit drei Häuptern und sechs Armen wird Dattatreya abgebildet, weil man sagt, dass er die gesamte Kraft der indischen Trinität, Brahmas, Wischnus und Schiwas, in sich vereinigte, als er auf Erden die Menschen Weisheit und Gelassenheit lehrte. In seinen sechs Händen trägt er die tönende Muschel und den Lotos des Weltschöpfers, das richtende Rad und das Herrscherzepter des Welterhalters, den Dreizack und den Wasserkrug des Weltzerstörers. Tiefgründige Symbolik verbirgt sich hinter diesen sogenannten 'Waffen' der drei Götter - die einer sind.
Eine kleine Elfenbeinstatue Dattatreyas führte Schri in einem blauen Samtgehäuse auf allen seinen Wanderungen mit sich. In jedem Rasthaus stellte er die Statue auf. Blüten wurden zu ihren Füssen gestreut. Er sang mir Lieder zu Ehren Dattatreyas vor. "Er ist mein Guru, mein geistiger Lehrer", sagte er.
Leer ist noch die Halle des neuen Tempels, über dessen Pforte das Wort AUM leuchtet. Das marmorne Bild des dreihäuptigen Dattatreya, das darin stehen soll, ist von dem jungen Bildhauer noch nicht vollendet worden.
Wenn ich in die Stadt gehe, trage ich europäische Kleider, aber hier im Hause und auf dem Grundstück trage ich wieder den Dhoti, ein weisses hauchdünnes Gewebe statt der Hosen; die Luft weht hindurch, es ist in der Hitze unendlich angenehm.
Nun werden langsam die Bananen reif, das erstemal an den jungen Sträuchern hier im Garten von Schri. Wie Hände mit grünen Fingern spreizen sie sich. Manchmal streben sie wie viele Kerzen an einem Kronleuchter aufwärts. Die herrlichsten Früchte aber sind die Mangos. Die Süsse und das Aroma des ganzen Weltalls scheint darin enthalten zu sein, doch sie verderben leider beim Versenden.
Ich ging mit Schri durch die Mangohaine eines seiner Freunde, bei denen er manchmal zu Gast war während der Zeit, da er das Wanderleben eines Einsiedlers geführt hatte. Er tat dies viele Jahre lang. An langen grünen dünnen Stengeln hängen die Früchte zu Hunderten aus den Kronen der alten riesigen Bäume herab. Goldgelb oder lila oder purpurrot, viele Dutzende von Spielarten. "Wie Papageien", meinte Schri. Ich fand, die Früchte hängen an den dünnen Stengeln wie die goldenen und silbernen Nüsse an einem Weihnachtsbaum. - Zwischen den Mangopflanzungen breiten sich Weingärten. Statt der Pfähle sind schlanke Bäume mit schmalen, hohen Kronen gepflanzt. Man geht unter den Ranken wie durch Laubengänge. Die Trauben von Nasik sind berühmt. Die Ernte ist im April. Hie und da sieht man ein Weizenfeld, einen Schöpfbrunnen. Ein Büffelgespann zieht den biblischen Ledersack, von Wasser triefend, aus dem runden, tiefen Schacht empor. Eine Autofahrt auf der Landstrasse Agra-Bombay: eine endlose Allee uralter indischer Feigenbäume, manche sechshundert Jahre alt. Dazwischen unvorstellbar armselige Lehmhütten, mit rostigen Blechabfällen gedeckt.
Schri klatschte in die Hände. Damit rief er mich und heischte stumm von mir, ich sollte die Meditation beginnen. Ein Gast sass in seinem Zimmer, ein bald leiseres und bald lauteres Gespräch wurde geführt. Schri hatte einen Blumenkranz um die Brust, Blumen in der Hand.
Ich setzte mich zur Meditation hin und streifte den Gedanken ab: Warum ruft er mich jetzt? Warum will er, dass ich in Gegenwart eines anderen meditiere?
"Wenn die Sinne, Auge, Ohr, mich in der Meditation stören, was soll ich tun?" fragte ich Schri einmal. Schri antwortete: "Sag ihnen sanft: Auge, deine Aufgabe ist jetzt nicht, nach aussen zu sehen, sondern nach innen zu sehen, das geistige Licht zu sehen. Ohr, deine Aufgabe ist jetzt nicht nach aussen zu hören, sondern die innere Musik zu hören".
Das half. Die innere Anstrengung war nun eine Hilfe beim Konzentrieren. - Als ich aufstand, war der Gast gegangen, und auch Schri hatte seine Meditation beendet. Mein Blick fiel auf ein Bild an der Wand, das ich bisher nicht beachtet hatte. Ein golden strahlender junger Mensch am Ufer eines Stromes mit erhobenen Armen war darauf dargestellt. Schri freute sich über meine Frage. "Das ist Krischna-Chaitanya", berichtete er, "der vor einigen hundert Jahren zur Zeit der Entdeckung Amerikas in Bengalen lebte und den viele als den wiedergekehrten Krischna verehren. Ganz Bengalen widerhallt noch immer von den Liedern zu seiner Ehre".
Damals, als ich zum erstenmal den Namen des verborgenen Avatars des finsteren Zeitalters hörte, ahnte ich noch nicht, dass Krischna-Chaitanya die kommenden schweren Jahre meines Aufenthaltes in Indien erleuchten und allmählich der Mittelpunkt meines ganzen Lebens werden würde.
Fortsetzung
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