ABSCHIED VON INDIEN

Als ich frei war, führte mein erster Weg zu Schri. Er wohnte wieder oben im Waldgebirge von Mahabaleshvar, wo ich schon einmal einen Sommer mit ihm verbracht hatte. Wieder, wie einstmals, sass ich zu den Füssen des gütigen alten Mannes. Er hielt noch sein jahrelanges Schweigegelübde; aber jeden Tag, morgens und abends, beugte ich mich vor ihm nieder und er berührte mit seiner schmalen Hand segnend mein Haar und sah fröhlich zu mir herab, mit dem heiteren hellen Lächeln eines unschuldigen Kindes. Auch Rana war bei ihm. Abermals wanderte ich mit Rana durch die Wälder, wo auf den bemoosten Zweigen der Bäume wundersame Orchideen wachsen und wo man unvermutet in tiefe Täler und Schluchten, ja bis zum Meer hinabblickt.
Von Mahabaleshvar fuhr ich nach Bombay, um mir dort einen Schiffsplatz nach Schweden zu sichern, denn es war schon über acht Jahre her, dass ich die Meinen nicht mehr gesehen hatte, und meine tapfere Frau hatte die ganze Zeit die Bürde allein tragen müssen. Nun war sie am Ende ihrer Kraft und hatte geschrieben: "Komm. Nimm Dich des Kindes an".
Ich war sehr einsam in Bombay, während ich von Amt zu Amt lief und überall eine Menge von langen Formularen und Fragebogen ausfüllen musste, um die Dringlichkeit meiner Reise zu bezeugen. Nicht nur ich wartete, sondern auch die grossen Armeen, die in Asien gekämpft hatten, warteten auf die Heimkehr. Sadananda war fern; er war mit seinem Freund Swami Bon nach Assam gereist. Das lag am anderen Ende von Indien, fast an der Chinesischen Grenze. Wohl hatte ich ihm geschrieben, ich möchte ihn gerne noch sehen. Aber was half es, Briefe zu schreiben oder Telegramme abzuschicken. Ein allgemeiner Post- und Telegraphenstreik hielt seit Wochen ganz Indien fiebernd in seinem Bann. Auf dem Boden der leeren Postämter lagen die unbestellten Briefe und Depeschen zu Bergen gehäuft. Auch ein Streik aller Eisenbahnen wurde für die nächsten Tage angedroht. Die Bankbeamten, die Lohnerhöhung forderten, verteilten Flugzettel in den Strassen, statt an ihren Schaltern zu sitzen. Zuweilen zogen lange Aufzüge mit flatternden roten Hammer- und Sichelfahnen durch die Stadt. Bombay hatte sich beträchtlich verändert in der Reihe von Jahren, seit ich dort gelandet war. Bloss der schrille Schrei der erregten Volksmenge vor der Goldbörse wogte unverändert auf und ab.
Eines Tages las ich in der Zeitung, dass Gandhi zu wichtigen politischen Verhandlungen nach Bombay gekommen war. Am gleichen Abend fuhr ich in einem überfüllten Autobus in das ferne Fabrikviertel, wo der Mahatma wohnte und sein tägliches öffentliches Abendgebet abhielt. In jedem Palaste Indiens hätte man den Greis gewiss gerne als geehrten Gast aufgenommen, er aber zog es damals vor, wenn er in die grossen Städte kam, als Zeichen der Brüderlichkeit mit den Armen in einem der Elendsviertel mitten unter den indischen Fabrikarbeitern und Kastenlosen zu wohnen.
Ich stand eingekeilt zwischen vierzigtausend oder fünfzigtausend dieser Menschen, von denen manche sich vielleicht noch niemals richtig satt gegessen hatten, denen versagt gewesen war, Lesen und Schreiben zu lernen und denen bis vor kurzer Zeit nur das Verrichten der niedrigsten Arbeiten erlaubt gewesen war. Viele hielten ihre kleinen Kinder hoch empor, damit diese doch einmal in ihrem Leben den Mahatma, die grosse Seele, erblicken sollten. Die Millionen armer Hindus liebten Gandhi nicht als den erfolgreichen Politiker, nicht als den Sozialreformer und Verteidiger ihrer Rechte, sie liebten ihn, weil sie einen Heiligen in ihm spürten, der alle seine Kraft aus Fasten und Gebet und Zwiesprache mit Gott empfing und der sich aus Liebe zu ihnen in den Lärm und Streit der Politik geworfen hatte. Und der geduldige Erzieher seines Volkes, der es so oft gewagt hatte, den Seinen die harte bittere Wahrheit zu sagen, sah nicht nur den Staub und die Leidenschaften in den Gesichtern der Menschenmasse; er sah hinter den Hüllen die ewigen Seelen, die Atmas, in allen Wesen, deren eingeborene Seelenkraft er erwecken wollte.
Mahatma Gandhi sass dem Volk in einem Lehnstuhl auf einer Plattform gegenüber. Er sah sehr müde aus, seine Hände waren im Schoss gefaltet, die Augen geschlossen, als ob er meditierte. Es war gerade jener Tag in der Woche, da er regelmässig ein Schweigegelübde beobachtete. Deshalb las ein anderer seine kurze Ansprache. Aber als der Lautsprecher zu tönen begann, waren es noch nicht die Worte Gandhis. Zu meinem Staunen scholl die erste Strophe der Isha-Upanischad mächtig über den von Fabriken eingerahmten weiten Platz. Die Isha-Upanischad, noch viel älter als die Bhagavad-gita, ist jene Upanischad, mit welcher seit Jahrtausenden das Studium der Upanischaden begonnen wird. Auch Schri war in der Unterweisung, die er mir gegeben hatte, dieser Tradition gefolgt und wir hatten mit der Isha-Upanischad angefangen. Nun schollen über der Menge der Unberührbaren die Worte der Geheimlehre des Weda, denen zu lauschen bis vor kurzem jedem Kastenlosen aufs strengste verboten gewesen war:

"Isha Vasyam idam sarvam
yat kinca jagatyam jagat..."
Das heisst: Von Isha, dem göttlichen Weltenherrscher möge dieses ganze All umhüllt werden..." Aber die uralte Sanskritsprache ist so knapp und vieldeutig, dass jedes Wort aufspringt wie ein reifer Granatapfel in der Überfülle seiner Bedeutung. Vasyam heisst nicht nur: es möge umhüllt werden, es bedeutet auch: das Weltall und all unser Tun soll ständig von Gott umkleidet sein, es möge von ihm bewohnt sein, es möge von ihm durchduftet werden.
Während ich mitten unter der Menschenmenge stand, welche unter der Macht der donnernden Worte schauerte, dachte ich: Diese Strophe der Upanischad ist wie eine Wasserscheide, wie eine Schwelle. Wenn man den Sinn dieser Strophe inne hat, vermag man mitten im Lärm und Streit der vergänglichen Welt zu leben und wird doch nicht von ihr verschlungen. Dann ist man gegründet in Gott. Dann erst kann man den weiteren unendlichen Weg antreten, der hier beginnt - in das Reich der göttlichen Liebe.
Die Stimme der Upanischad war verstummt; die Menge verblieb still. Nun begann ein Sohn Gandhis oben auf der Estrade zu singen. Auch diesen Vers kannte ich. Er war einer der Gottesnamen, der im Herzen Liebe erweckt, der Name des göttlichen Königs Rama; der Vers, den Sadananda und ich viele Male mit der Schar der jauchzenden Kinder in den Vorbergen des Himalaja gesungen hatten.
Zehnmal, zwanzigmal sang Gandhis Sohn den Namen Ramas. Dann sprach er die Volksmenge an: "Ihr, singet auch!" Und zuerst schüchtern und dann lauter und freudevoller sangen sie alle, die Latrinenfeger und Kulis und Strassenkehrer und die Arbeiter aus den Baumwollspinnereien und die Weiber, deren Beruf es ist, dreiviertel nackt in der farbigen Brühe der Färbereien zu stehen und das endlose Band der nassen Tücher auszuwinden; vierzig- oder fünfzigtausend Menschen sangen und ich sang mit ihnen. Und Gandhis Sohn zeigte uns mit erhobenen Armen, wie man den Rhythmus halten solle und wie man im Takt mit den Händen klatschen solle. Und wir alle klatschten in die Hände und sangen mit voller Kraft unserer Stimmen:
"Raghupati Raghava Raja Ram
Patita Pavana Sita Ram."
Es schien, als ob die Menge niemals aufhören wollte, jubelnd und begeistert den Namen Ramas zu singen, des göttlichen Heilands, der auf die Erde niedergestiegen war und die Gefallenen aufhob und läuterte. Manche, die da sangen, wendeten wohl zum erstenmal in ihrem Leben das verschüchterte Antlitz ihrer Seele Gott zu.
Mahatma Gandhi war in seiner Hütte verschwunden. Keiner von uns, der diese Stunde miterleben durfte, hatte wohl ahnen können, dass nicht allzulange darauf, am Beginn eines solchen öffentlichen Abendgebets, ein Fanatiker diesen von göttlichem Frieden erfüllten alten Mann mit einigen Schüssen niederfällen würde, um seinen Liebe zu den Feinden heischenden Mund zum Verstummen zu bringen.

Vergrämt und ermattet lag ich in der Mittagshitze auf meinem Bett in dem Zimmer, das ich mit vier alten Männern teilte, da dünkte mich, ich hörte Sadanandas Stimme. "Stehen Sie auf, Vamandas", sagte der Freund, der hochgewachsen, schlank in seinem lichten indischen Mönchsgewand erstaunlicherweise durch die Türe eingetreten war und mit raschen Schritten auf mich zukam. Misstrauisch und besorgt betrachtete mein Bettnachbar, ein langbärtiger Jude, den Eindringling in indischer Tracht. "Rasch! Es ist schade um jeden Augenblick", mahnte mein Freund. "Ziehen Sie sich Ihren besten Anzug an. Unten im Wagen wartet Swami Bon."
"Wir können nur zwei Tage, höchstens drei Tage bleiben", erklärte mir Sadananda, während wir eilig die Holztreppen des hohen Hauses hinunterliefen. "Wir beide sind bloss gekommen, um Sie zu treffen, bevor Sie nach Europa reisen - und weil Swami Bon Ihnen den indischen Rosenkranz aus Tulasiperlen mit den heiligen Namen Gottes geben will."
In dem landesüblichen zweirädrigen Wagen vor dem Tor sass Swami Bon, Sadanandas Freund, den sein Guru Bhakti-Siddhanta Sarasvati einst vor vielen Jahren nach Europa entsandt hatte, der erste Bhakta, dem Sadananda begegnet war. Swami Bon, dessen edles Gesicht mit den stillen Augen ich von Bildern kannte, sah älter aus, als ich gedacht hatte. Mit der Stirn berührte ich seine Füsse zum Gruss und stieg in den Wagen und wir fuhren davon. Wir kümmerten uns nicht um die beiden Männer in indischer Tracht, die vor dem Tore des Hospizes standen und uns forschend nachblickten und wahrscheinlich Geheimpolizisten waren.
Nur drei Tage waren wir beisammen. Tiefgründiger wurde die Stadt Bombay in diesen drei Tagen. Zusammen schritten wir barfuss durch das Volksgewimmel der Höfe des grossen Narayanatempels, der ein Sitz der indischen Orthodoxie ist und in dessen Hallen der Pandit inmitten eines Kreises kauernder Zuhörer nach uraltem Brauch singend die Schrift erklärt. Wir gingen weiter. - Zusammen sassen wir drei am Meer, sassen im Kino vor einem Krischnafilm, wir assen gemeinsam und mühten uns, wie es den Bhaktas geboten ist, die Speise als eine Gabe unserer Liebe, zuerst Gott darzubieten und als göttliche Gnade von ihm zurückzuempfangen und dann teilzunehmen an einer Kommunion mit Gott, an einem gemeinsamen Liebesmahl.

Als wir am Bahnhof in Bombay Abschied nahmen, sagte mir Sadananda: "Tragen Sie den Schatz, den Sie empfangen haben, ins Abendland hinüber."


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