DIE VIER STUFEN DER MEDITATION

Als vor etwa hundert Jahren Europäer staunend zum erstenmal den grünglitzernden See Nainital im Himalaja erblickten, war das Seebecken rings von duftendem Urwald umgeben. Der Wald war voller Blumen und voller Wild, das in dichten Rudeln zur Tränke drängte und sich durch nichts verscheuchen liess. Der friedvolle Boden war heilig. Die Hindus erzählten, selbst der Schlangengott habe ein Gelübde abgelegt, dass der Biss einer Schlange an diesen Ufern niemals tödlich werden sollte. Ich habe keine Schlange am See Nainital gesehen. Das Wild ist vertrieben. Nur die bunten Vögel wiegen sich noch auf den Zweigen der Edelkastanien und die steilen Felswände des Südufers gehören noch den Affen, die zuweilen im Spiel Felsblöcke in den See schleudern. In den dichten Wald von Eichen und Edelkastanien haben Menschen viele Lücken gebrochen und ihre Landhäuser hingebaut, einfache Bungalows und die prächtigen Landsitze vieler indischer Fürsten und des englischen Gouverneurs. Einen breiten Reitweg haben sie am Ufer angelegt, sie haben westliche Kaufhäuser, Schulen und Banken errichtet und einen grossen Hockeyplatz. Dort am Ufer erhebt sich auch noch der zarte Tempel der Göttin Naini, wo in den Gewölben nackte indische Asketen und Heilige hausen. Aber der Tempel wird von einem massigen Gebäude in einem hässlichen europäischen Stil weit überragt, das ein Tonkino und eine grosse Rollschuhhalle enthält. Die Jazzmusik der vorzüglichen Kinoapparatur übertönt die Tempelglocken, die in einem Gerüst neben dem Tempel der Göttin Naini aufgehängt sind und noch oftmals von Gläubigen in Schwingung gebracht werden.
Jeden Abend umwanderte ich mit Schri Maharadsch, dem Lehrer und väterlichen Freund, den ich hier in Indien gefunden hatte, die Ufer des Sees. "Die Rishis haben einstmals auf den Waldbergen hier gewohnt", erzählte er mir. "Die Rishis sind hohe geistige Wesen, viel höher als der Mensch. Sie haben keinen irdischen Körper, aber es wird von ihnen gesagt, dass sie nach ihrem Gefallen einen Menschenleib anlegen können. Vor tausend Jahren sollen die Rishis noch alljährlich in Menschengestalt im Wasser des Ganges gebadet haben. Später, als sich das innere Ohr der Menschen verschloss, sind diese Urlehrer der Menschheit weiter empor ins Gebirge gezogen, hoch in die Regionen des ewigen Schnees." "Wo wohnen sie heute?" fragte ich. Der alte Mann lächelte. "Ja, in den Schneegebirgen am Manasa-rowar-See." Das Wort Manasarowar-See klang über die Wasser. Der ferne See Manasarowar in Tibet, mein heimliches Ziel, stand wieder vor meinem Blick, von Sagen umhüllt, der Mittelpunkt der Welt, der letzte Rest des Paradieses auf Erden. Vier heilige Ströme, so heisst es, entquellen nach allen Richtungen seiner Flut. Nach Süden, Westen, Norden und Osten. Der Strom, der nach Süden fliesst, führt silbernen Sand mit sich; der nach Westen fliesst, Gold; der nach Norden fliesst, Smaragd; der nach Osten fliesst, Diamant. Und seine Flut speiste geheimnisvoll auch das Seebecken, vor dem ich stand. War ich also bisher richtig gewandert?
Die Musik des Tonkinos und der Regimentskapelle war verklungen. Ich höre die Geschichte, wie der See Nainital entstanden war. Auf ihrer Weltenwanderung in Menschengestalt waren drei von den sieben heiligen Rishis in dieses Gebirge gekommen. Sie hatten kein Wasser und litten grosse Not. Dürstend flehten sie zu Brahma, dem Weltschöpfer, er möge ihnen helfen. Brahma hörte ihr Flehen. Auf sein Geheiss gruben sie eine Höhlung, und der Gott liess in dieses tiefe Becken das lebendige Wasser aus dem fernen See Manasarowar sich ergiessen. So ist der See entstanden und bekam den Namen Tririshisarowar, See der drei Rishis. Das Hockeywettspiel war mit lautem Zuruf der Menschenmassen zu Ende. Die leidenschaftlichen braunen und weissen Zuschauer hatten sich verlaufen. Auch die Musiker in ihren roten Uniformen hatten ihre Instrumente eingepackt und waren in ihre Kasernen zurückgekehrt. Leise klangen die Glocken vom Tempel der Göttin Naini über den See.
Ich schaute nach Westen, wo die Sonne eben über den Waldgebirgen unterging. Schri Maharadsch erzählte mir weiter von den Rishis und von einer Hymne an die Sonne, die die Rishis sangen. Nicht an die Sonne, die man mit den Augen sieht, waren die Worte der Hymne gerichtet. Es war ein sogenannter Mantra an die geistige Sonne, an das Geisteswesen, das sich hinter der sichtbaren Sonne verbirgt. Schri sang mir den Mantra vor und liess mich versuchen, ihn nachzusingen.
"Blicke tief in den blauen Himmel hinein. Trinke seine Tiefe in dich, dass er dir Kraft gibt", riet mir Schri, und dann lasen wir gemeinsam einige Strophen aus der Bhagavad-gita. Jeden Tag lasen wir fortan am Seeufer aus diesem Buch. Der alte Mann jubelte, wenn er den Sinn, den verborgenen und doch so offen am Tage liegenden Sinn einer Strophe erläuterte: "Das ist das grösste Einweihungsbuch der Geschichte aller Völker!" Er fuhr fort: "Der alldurchdringende Gott selbst spricht in der Bhagavad-gita zu uns, der innerste Gott, von dem Brahma, der Schöpfer und Wischnu, der Erhalter und Schiwa, der Zerstörer, nur äussere Aspekte sind. Krischna spricht in der Bhagavad-gita zu seinem Freunde Arjuna: 'So wie ein Mensch abgetragene Kleider abwirft und neue anzieht, so wirft die Seele abgetragene Leiber ab und zieht neue an. Niemand hat die Macht, das Unvergängliche zu zerstören.'"
Wie ein Verkünder der geistigen Sonne stand der weiss gekleidete alte Mann vor mir. Rhythmisch schlugen die Wellen des Sees Nainital an den Strand. Ich ahnte, wie seine Ufer einstmals waren, voller Wild, das zu den lebendigen Wassern drängte. Voll Glück wurde mir bewusst, dass ich in Indien, dass ich im Himalaja war. Zahllose Weise und Geisteslehrer der Vorzeit sind wohl einstmals von diesem verschneiten Gebirge herabgestiegen.

Bevor ich am nächsten Morgen erwachte, hatte ich einen Traum. Von einem Schiff wurde ich in ein fremdes Land geführt. Und ich hörte eine Stimme: "Alles wird dir gelingen. Dein Weib wirst du wiederfinden. - Gebt sie ihm, die Schätze; Schritt für Schritt".
Froh sprang ich auf. Es war 6 Uhr früh. Morgendlich leer war noch die Uferstrasse und der breite Reitweg dicht am See. Nur einige Kulis mit Lumpen um die straffen braunen Glieder und mit schweren Lasten auf Haupt und Schultern trabten vorbei. Ich wartete auf Rana. Pünktlich war Rana da. Ganz zufällig erfuhr ich, dass er von Beruf ein hoher Polizeioffizier war, der Kommandant eines Distriktes von mehreren Millionen Menschen. Mit hoher Achtung sprach Schri Maharadschs Privatsekretär von Rana. "Er ist wie ein Tiger, wenn er einen Amtsmissbrauch oder eine Korruption entdeckt. Er liebt Tiger. Er ist ein berühmter Tigerschütze. Aber nie schiesst er ein anderes Wild als dieses Raubtier." Rana kletterte voran. "Shortcut" (Abkürzungsweg) war das häufigste Wort, das ich in den ersten Tagen von ihm hörte. Er bevorzugte in jeder Beziehung die raschen Abkürzungswege im Leben. Ohne die Antwort auf seine Frage recht abzuwarten, schlug er bei diesen Wanderungen im Himalaja stets den kürzesten Weg ein, steil durch den dichten Wald von Eichen und Edelkastanien empor.
Tief unten zwischen den Waldstämmen lag der See bleigrau im Morgen. Ich blieb stehen, um zu schauen und zu veratmen. Daheim in Wien war ich zuletzt tagaus, tagein in Passämter und so viele andere Ämter gewandert, aber das rasche Steigen in der grossen Höhe war ich nicht mehr gewohnt. "Nur die Beine werden müde, die Lungen nicht", sagte Rana. Wir stiegen weiter. Ich versuchte, mich seinem Rat gemäss zu verhalten. Ich mühte mich, die Beine zu vergessen. Es gelang. Ich lebte nur in dem Atemstrom. Mein Atem war eins mit dem starken Wind, der die Welt durchwehte. Meine Lungen waren wie die Segel eines Schiffes. Der Wind wehte in die Segel und trieb das Boot vorwärts. Mühelos stieg ich nun in die Höhe.
"Wollen wir rasten?" fragte Rana. "Nein, weiter", rief ich und stieg aufwärts. Eine andere Gestalt, ein unermüdlicher Wanderer schien in mir zu sein.
Rana gehörte der Kriegerkaste an, er ist ein Kschatriya, von ältestem Adel, mit vielen Hunderten von Ahnen. "Tausend Jahre haben sie immer wieder gegen den Islam gekämpft", sagte er. Später erzählte man mir, dass Rana aus dem edelsten Geschlechte Indiens, der 'Sonnendynastie', stamme. Von Rama, dem göttlichen Sonnenhelden, der in der Urzeit in Indien als König geherrscht hatte, stammt er ab.
Als wir den Gipfel erreicht hatten, schlug mein Begleiter vor: "Wollen wir schweigen?"
"Ja, wir wollen schweigen."
Still sassen wir nebeneinander auf der Felsenwölbung und lauschten in unsere Seelen und sahen zu, wie der Nebel aufstieg und niedersank und im Auf- und Niederwogen Wälder und Gebirge enthüllte. Wir blickten nach Norden, wo manchmal die höchsten Schneekämme des Himalaja schimmerten. Schweigend stiegen wir dann abwärts. Als der Weg sachter ging und durch das Laub üppiger Fruchtbäume der See schon näher heraufspiegelte, begann Rana zu erzählen, von sich selbst und seinen beiden Jungen. Er erzählte mir auch von seiner Frau, mit der er in einer wahrhaft esoterischen Gemeinschaft gelebt hatte und die gestorben war. Nach einer Weile, da wir wieder still nebeneinander geschritten waren, sagte er: "Drei Wünsche habe ich in diesem Leben: mein wahres Selbst, den Atman zu erkennen, und den persönlichen und unpersönlichen Gott zu schauen." Und nun fügte er lächelnd noch ein weniger erhabenes Begehren hinzu: "Ich wünsche mir auch, nochmals die richtige Frau zu finden." "Vergessen Sie nicht, dass Sie heute um 10 Uhr zur Meditation zu Schri Maharadsch kommen dürfen", sagte er mir zum Abschied.
Erwartungsvoll und ein wenig befangen im Herzen Schritt ich durch den Seewind Schris Haus zu. Hie und da ritten auf schönen Pferden junge Engländerinnen und Engländer an mir vorbei. Wie Götter erschienen diese hoch aufgerichteten, lächelnden jungen Menschen über dem Gewühl der braunen Menge. Sie wussten meistens nicht allzuviel von der Seele des indischen Volkes, das sie so lange beherrscht hatten. Sie blieben Fremde, auch wenn sie dreissig Jahre im Lande lebten. In der Vorhalle des Hauses, in dem Schri wohnte, blieb ich stehen, um die Augen nach dem grellen weissen Licht des Weges an die Dämmerung in dem Zimmer zu gewöhnen. In Ranas Zimmer rastete ich. Ich hatte den Wunsch, mir nochmals Hände und Füsse zu waschen, obwohl ich eben gebadet hatte. Dann trat ich barfuss in Schris Zimmer ein. Schri winkte mir nicht mit einer leisen Handbewegung freundlich zu, wie er es sonst immer tat. Unbeweglich sass der alte Mann am Boden, in einen weissen Umhang eingehüllt. Stumm deutete mir Rana an, ich solle mich Schri gegenüber auf den Boden setzen. Ich tat es. Auch Rana hatte einen hellen Umhang umgetan. Ehrfurchtsvoll warf er sich vor Schri nieder und berührte mit seiner Stirne Schris nackte Füsse. Dann zündete er ein Räucherstäbchen an und stellte es in einem kleinen Leuchter neben sich auf. Mit weissgrauer Asche aus einer Glasschale machte er sich Zeichen auf Scheitel, Stirn, Hals und Brust. Nun sass auch er mit untergeschlagenen Beinen steil aufgerichtet und unbeweglich. Ich fühlte, dass Schris Blick auf mir ruhte. "Sieh mir in die Augen. Ich bin dein Freund", sagte er. Ich blickte Schri an. Wie der Vater der Welt sass der alte Mann vor mir. Mächtiger als je wuchs sein gefurchtes Gesicht mit dem langen dunklen Haar und dem silbergrauen Bart aus dem weissen Linnen, das seine Glieder umhüllte. Berge und Bergabstürze, ganze Welten waren in diesem klaren Gesicht. Wie der Kosmos selbst sass er da, altersgrau und doch umschwebt von einem stillen weissgoldenen Licht, das ein Teil seines eigenen Wesens war.
Ich habe noch nicht viel meditiert an dem ersten Tage. Beklommen war ich, das Sitzen mit untergeschlagenen Beinen war ich nicht gewöhnt; es wurde bald unerträglich mühsam. Meine Glieder wurden steif und kalt und schmerzten. Sehr beschämt richtete ich mich auf und begann, meine eingeschlafenen Füsse zu reiben, als sich Schri erhob. Schri tröstete mich. Ja, für Europäer sei es anfangs schwer. Ich müsse mir eine Strohmatte aus Kuschagras und ein Rehfell besorgen, wie es vorgeschrieben war, damit ich bequemer sitze. Ich müsse langsam die vier Stufen der Meditation erlernen: erstens das Sitzen, zweitens das Atmen, drittens das Sprechen, das mantrische Sprechen, viertens das Singen. Ich werde es gewiss zustande bringen, denn ich hätte die seelischen Anlagen dazu aus früheren Erdenleben mitgebracht. Diese Anlagen müssten nur entwickelt werden, meinte er.
Ich blieb noch etwa eine Stunde in dem dämmernden Raum, in den von der mittäglichen Basarstrasse die Rufe der Händler und Kulis und der Pferdejungen heraufdrangen. Manchmal spähte ein neugieriges Gesicht durch die Scheiben. Rana sass am Boden und las aus den losen Blättern eines Buches vor. Die fremden Laute einer der indoarischen Sprachen des Landes hüllten mich ein. Mein Ohr sollte sich daran gewöhnen. Schris Schüler las aus dem Ramayana von den Taten des allmächtigen Gottes, der als Rama zur Erde niedergestiegen war und gegen den mächtigen Dämon Ravana kämpfte, der seine zehn Häupter nach allen Richtungen des Raumes ausstreckend, alle Welten unterjocht hatte.
"Immer, wenn ein Verfall des Rechtes und ein Übermass des Unrechts eintritt, steige ich nieder und verkörpere mich, um die Guten zu beschützen, um die Bösen zu vernichten. Um die Festigkeit des Rechtes wiederherzustellen, werde ich in jedem Zeitalter auf Erden geboren." So verhiess Gott in der Bhagavad-gita. Mehr als hundert Male bin ich seither Schri in der Meditation gegenüber gesessen. Da vergass man, auf welchem Orte auf Erden man war. Und ich war dann immer voll tiefster Rührung und Ehrfurcht, wenn ich die Augen öffnete und sah, dass der erhabene alte Mann in tiefer Stille und gleichsam der geistigen Sonne hingegeben, hell vor mir sass und sich dann erhob und mir mit kühler Sandelpaste die Zeichen auf Scheitel, Stirn und Halsgrube machte, um zu helfen, dass meine geistigen Augen sich öffneten.

Mit der Strohmatte aus Kuschagras und einem Rehfell und einem Tuch unterm Arm kam ich das nächste Mal zur Meditation. Nicht mehr krampfhaft, sondern mit gelösten Gliedern und so, wie es mir am bequemsten war, setzte ich mich hin. Manchmal kamen Menschen und gingen wieder. Der Diener richtete auf einer silbernen Platte mit vielen silbernen Schalen Schris Mittagsmahl an, das einzige Mahl, das er jeden Tag zu sich nahm. Ich war erstaunt, dass mich das alles nicht im geringsten störte. Immer von neuem versuchte ich, mich in der Meditation zu konzentrieren. Und manchmal kamen majestätische Bilder. Doch heimlich ahnte ich, das war nur eine Verführung, die gefahrvoll war, weil sie einen festhielt und mit Stolz aufblähte. Auch diesen Stolz über das, was man geschaut hatte, musste man erst mühsam wegräumen, ebenso wie alles andere Geröll, alle Unruhe, alle seelische Unreinheit. Man musste in die Stille kommen, wie an die Küste eines unbekannten Meeres; dort an der Küste des Unbekannten musste man lauschend und hingebungsvoll warten, bis die verborgene Welt - wenn es ihr so gefiel - einen mit hineinnahm in ihr Leben. Wenn ich mich nach meinen stümperhaften Versuchen zu meditieren vom Boden erhob, da taten mir meist alle Glieder weh. Und doch war ich wunderbar erquickt, und tiefer erhellt als vorher strahlte ringsum die irdische Welt, die mich umgab.
Es dauerte eine Reihe von Jahren, bis ich nach vielen leidvollen Erfahrungen in Indien ahnen lernte, was die vier Stufen der Meditation bedeuten und was Meditation ist: Ein sich Abwenden von seinem egoistischen Selbst und sich Hinordnen auf die göttliche Welt, auf das wahre Selbst. "Das hat freilich wenig Sinn", sagte Schri, "wenn man nur gelegentlich und zu einer bestimmten Tagesstunde meditiert". Schri schärfte mir oftmals ein: "Vierundzwanzig Stunden am Tag, schlafend und wachend muss man in dieser Seelenhaltung leben, sich öffnen, sich ständig hingeben." Die ersten Stufen der Meditation, von denen mir Schri am See Nainital erzählte, das Sitzen, das Atmen sind nur Vorbereitungen dazu; wie auch ein Bad und das Anziehen eines reinen Kleides vor der Meditation eine äussere Vorbereitung ist.
Wenn man mit untergeschlagenen Beinen und mit vollkommen lotrechter Wirbelsäule sitzt, vermag man nach längerer Übung stundenlang bequem und entspannt zu sitzen, ohne müde zu werden. Der Körper stört nicht mehr. Schon auf den Bildwerken einer jüngst aufgedeckten Kultur im Industal, die mindestens fünftausend Jahre alt ist, sieht man die Menschen in der gleichen Haltung in der Meditation sitzen, wie es der indische Yogi heute noch tut. Auch das geregelte Atmen ist eine in Indien seit Jahrtausenden gepflegte und noch heute gelehrte Kunst. Wenn der Atem ruhiger wird, dann wird auch der schweifende Geist ruhiger. Denn es besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Atemstrom und dem Menschengeist. Aber die indischen heiligen Schriften sagen oftmals: durch Beherrschung des Atems wird Gott nicht erreicht. Auch Atemübungen sind nur Hilfsmittel. Bei dem, was man in Europa oft unter Yoga versteht, beim sogenannten Hata-Yoga, der sich vorzugsweise mit dem Leib beschäftigt, sind diese Hilfsmittel allerdings zur Hauptsache geworden. Man kann, wie viele ernsthaft behaupten, manches dadurch erlangen, zum Beispiel einen kraftvollen Leib, der ungezählte Jahre in jugendlicher Frische und Gesundheit zu leben vermag. Auch ungeahnte Macht und starke Kräfte kann man so gewinnen. Bekannt ist die Antwort, die der grosse Buddha dem Yogi gab, der sich brüstete, dass er nach zwanzig Jahren harter Übung gelernt habe, auf dem Wasser zu wandeln: "Was ist das schon!" sagte Buddha. "Für die kleinste Kupfermünze rudert dich der Fährmann über den Fluss." "Vergeude nicht viel Zeit für Übungen im Hata-Yoga", sagte mir mein Lehrer Schri einmal. "Das hast du in einem früheren Erdenleben bereits getan. Ungeahnte Kräfte könnten in dir erwachen, die bloss eine Versuchung sind und dich auf deinem jetzigen Wege hindern würden." Das Mantra-Sprechen jedoch führt ins Wesentliche hinein. Wenn man in einem Sanskrit-Wörterbuch die Bedeutung des Wortes Mantra sucht, findet man folgende Übersetzungsversuche: wedische Hymne, geheiligtes Gebet, ein Zauberspruch, ein Geheimnis, eine Beschwörung, die Zeile eines Gebets, die einer Gottheit geweiht ist usw. Doch das alles sind nur äussere Bedeutungen. Der indische Wahrheitssucher, ob er nun den Pfad der Werke oder den Pfad der Weisheit oder den Pfad der liebenden Hingabe geht, ist davon überzeugt, dass der Mantra, den er spricht, und die Gottheit, die er damit anruft, vollkommen eins sind. Das erklärt die Ehrfurcht vor dem Mantra und die Wichtigkeit des korrekten Aussprechens und die Gefahren beim eigennützigen Missbrauch. Mehr Ehrfurcht hat der Hindu vor dem Wort als der Mensch im Abendland. Nicht nur das lebendige Wort des Mantra, sondern überhaupt jeder Laut der Sprache, jede Silbe, jedes Wort wird im Sanskrit Akschara genannt, das bedeutet: Das Unzerstörbare. Akschara, der Unzerstörbare, so heisst auch Gott.
Der wahre Mantra wird nicht gesprochen, sondern gesungen. Mit geöffneter Seele sucht der indische Gottgeweihte jenen göttlichen Klang, jenen Mantra zu erlauschen und nachzusingen, zu dem sich aller irdische Klang bloss wie ein Schatten verhält. Brahma, der Schöpfer, wird in den indischen heiligen Schriften 'der erste Sänger' genannt. Man sagt, aus dem Mantra, den er sang, sei die Schöpfung unseres Weltalls entsprossen.

Dem Abendland dünkt solche Kunde höchst fremd und erstaunlich. Und doch gibt es auch im Westen Spuren von ähnlichem geistigen Wissen. Immer wieder musste ich in Indien betroffen an den Anfang des Johannesevangeliums denken: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort ... alle Dinge sind durch dasselbige gemacht ...".


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