HEILIGE NACHT Winternächte am Fusse des Himalaja sind kalt und stürmisch. Tümpelbaum und ich froren manchmal erbärmlich in unserem zugigen Schuppen, wo in den drei langgestreckten Fenstern sich noch immer keine Glasscheiben befanden. Ärgerlich war Tümpelbaum am Weihnachtsabend frühzeitig weggegangen, um das Fest in einem behaglicheren Raum im Kreise gleichgesinnter Genossen mit Alkohol zu feiern. Sadananda konnte mich daher ungestört besuchen. "Ein Gott für uns, ein Kind für sich,Ein erfreutes Lächeln umspielte Sadanandas Gesicht. "Das ist schön, Vamandas, dass Sie gerade diese Strophen aus Europa nach Indien herübergetragen haben." Er stand auf und sah mich mit glänzenden Augen an. "Erinnern Sie sich aber auch der Verse, die der Seher Novalis diesen Strophen vorausgehen lässt?" Froh setzte ich fort: "Geuss Vater ihn gewaltig aus."Ja, so sei es", nickte Sadananda. Einen Augenblick lang legte er seine beiden Hände auf meine Schultern. "Nun muss ich gehen. Denken Sie an ihn, der in einer ähnlichen wirren Nacht zur dunklen Erde herabgestiegen ist. - Gesegnete Weihnacht, Vamandas." Mit leichten anmutigen Schritten ging er zur Tür hinaus und verschwand in der Finsternis des Lagers. Während mein Gefährte Tümpelbaum dicht neben mir röchelnd und gurgelnd seinen Rausch ausschlief, lag ich wach auf meinem harten Bett und war voll Glück. Ich gedachte des Heilandskindes, das vor fast zweitausend Jahren im Stroh der Krippe eines Stalles geboren worden war, weil alle Häuser und Herbergen der kleinen Stadt Bethlehem von lärmenden Gästen überfüllt waren. Demütig und sorgend beugten sich Joseph und Maria über den Neugeborenen. Die Gottesmutter bewegte in ihrem Herzen, was ihr der Engel gesagt hatte. Ruhevoll atmeten die Tiere im Stall zu Seiten der ärmlichen Wiege. Niemand in der weiten Welt ahnte, dass das lange ersehnte Gotteskind endlich zur Erde herabgekommen war. Nur einige arme Hirten, von himmlischen Stimmen geführt, trafen ein und beteten an. Und drei Weise aus dem Morgenlande brachten Geschenke dar. Ich gedachte liebend der heiligen Kindheitsgeschichte aus den Evangelien, die wir alle kennen. Ich gedachte aber auch eines anderen heiligen Kindes, das in Indien geboren worden war, Jahrtausende früher. Auch dieses Kind kam in tiefer Nacht und offenbarte sich in einem noch viel beklemmenderen Gelass, als es der Stall von Bethlehem war. In einem Kerker kam das Krischnakind zur Welt. Sein Vater und seine Mutter waren mit schweren eisernen Ketten an die Kerkermauer geschmiedet. Denn ein böser König, Kamsa mit Namen, der dem düsteren König der Juden, Herodes, glich, beherrschte damals die Lande. Alle vorgeborenen Geschwister Krischnas hatte er erwürgen lassen, denn ihm war prophezeit worden, von einem Sohn dieses Elternpaars werde er einmal entthront und ums Leben gebracht werden. Das Bhagavata erzählt, dass zuerst Vasudeva, der Vater Krischnas, das göttliche Kind in seinem Geist empfing und hegte und dass er dann dessen göttliches Wesen in den Geist seiner jungen Frau Devaki übertrug. Während diese das Gefäss Gottes war, strahlte sie so sehr, dass das ganze Haus von diesem Licht erleuchtet war und der dämonische König in tiefsten Schrecken geriet. Als der Knabe geboren wurde, erkannten beide Eltern erschauernd dessen göttliche Majestät und fielen vor ihm nieder und priesen ihn mit Hymnen. Aber obschon Devaki, die junge Mutter, wohl wusste, dass der ewige allmächtige Gott sich in ihrem Sohn offenbarte, war ihr Mutterherz doch voll Furcht. Zagend flehte sie den Neugeborenen an: "O verhülle Deine göttliche Majestät, dass der schreckliche König Dich nicht erkenne." Krischna, der jede liebende Bitte derer, die sich ihm weihen, erhört, gehorchte der sich ängstigenden Mutter und verbarg seine göttliche Majestät und sah nun aus wie ein hilfloses irdisches Kind. Während ein tiefer Schlaf über die erschöpfte Frau fiel, nahm der Vater auf Krischnas Geheiss den kleinen Knaben auf seine Arme. Die Ketten fielen von ihm ab. Die eiserne Pforte des Kerkers sprang auf. Zwischen den Reihen der in Schlaf gesunkenen Wächter vor dem Tor schritt Vasudeva, das Kind in seinen Armen, in die dunkle Nacht hinaus. Vor ihm rauschte der Fluss Yamuna. Sein Herz wusste den Weg. Die Wasser des Stromes teilen sich vor ihm, dass er trockenen Fusses zwischen den brausenden Wasserwänden hindurchschritt. Ungefährdet erreichte er das andere Ufer und wanderte mit dem Knaben in das Hirtenreich Vraja hinein. Auch hier schliefen alle. Die Kühe schliefen, die Menschen schliefen. Der Hirtenkönig Nanda schlief in seinem Haus. Die Hirtenkönigin Yashoda schlief. Sie hatte eben einer Tochter das Leben geschenkt, doch war sie von einer süssen Schwäche umhüllt und wusste noch nicht, ob sie einen Knaben oder ein Mädchen geboren hatte. Sanft legte Vasudeva das Krischnakind an ihre Brust und nahm die Tochter des Hirtenpaares auf seine Arme. Er wanderte den gleichen Weg zurück und legte das kleine Mädchen an die Brust seiner noch immer schlafenden Frau. Die Tore des Kerkers schlossen sich wieder hinter ihm. Das Kind begann zu schreien. Die schlaftrunkenen Wächter schreckten auf und brachten die Botschaft eilend dem König, der viele Jahre lang auf diesen Augenblick bang gewartet hatte. In grimmiger Entschlossenheit stürzte König Kamsa in den Kerker hinunter, ergriff das Neugeborene bei den Füssen und schleuderte es, mit dem Kopf voran, an die Quaderwand, um es zu zerschmettern. Aber wie in Rauch löste sich das Kind auf. Und von allen Seiten der Welt, von allen Seiten der zauberischen Nacht, welche das Land umhüllte, scholl ein Lachen auf König Kamsa zu. Und aus dem Lachen erscholl eine Stimme: "Du Tropf! Du glaubtest, mich töten zu können! Ich bin doch die Maya, die grosse Zaubermacht Gottes. Durch Gottes Willen ist dies alles geschehen. Krischna ist in Sicherheit. Wehe Dir, König Kamsa. Du wirst Deinem Verderben nicht entgehen." Die Geschichten verflochten sich. Zitternd vor dem Zorn des Königs Herodes, der die Neugeborenen von Bethlehem morden liess, flohen Maria und Josef mit dem Kind nach Ägypten. Jesus war in Sicherheit. In Sicherheit wurde das Kind im Tempel Gott dargebracht und der alte Simeon erkannte in dem Knaben den verheissenen Messias und nahm ihn auf seine Arme und rief froh: "Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren... Denn meine Augen haben Deinen Heiland geschaut." In Sicherheit wuchs Krischna im Hirtenland auf, wenn auch Kamsa seine mächtigen Dämonen über den Strom hinübersandte, um ihn zu vernichten. Von Krischna berührt, fielen ihre grauenhaften Leiber tot hin. Aber die Furchtbaren wurden zugleich erlöst durch die Berührung von Krischnas Hand oder Krischnas zartem Fuss oder seines kindlichen Mundes. Vor aller Augen gingen sie in sein göttliches Licht ein. Immer neue Geschichten, die das Bhagavata von der Kindheit Krischnas erzählt, fielen mir ein: Einmal sass der kleine Knabe auf dem Schosse Yashodas, deren Brüste überflossen vor Liebe, wenn sie Krischna sah. Müde und satt vom Trinken der Muttermilch gähnte das kleine Kind. Da sah die Mutter voller Staunen im geöffneten Mund des Kindes die ganze Erde, und sie sah Sonne und Mond und den Sternenhimmel; und auf der Erde sah sie ihr eigenes Hirtenland und ihr Haus, in dem sie wohnte, und auch sich selbst. Alles sah sie in dem unendlichen Gott, der das ganze Weltall in sich birgt. "Krischna, wer bist Du?" fragte sie schauernd. Da schloss das kleine Kind wieder den Mund und lächelte sie an. Und überwältigt von ihrer Mutterliebe vergass Yashoda im Nu, was sie gesehen hatte, und sie herzte und küsste Krischna und sorgte sich um ihn, da sie ihn doch behüten musste vor den immerdar drohenden Gefahren. Einmal wollte Yashoda Krischna die Hände binden, um ihn zu strafen, denn der kleine Knabe war auf einen Schemel gekrochen und hatte einen Topf zerbrochen, in dem Butter aufbewahrt wurde. Er hatte Butter genascht und auch der Katze und den Affen zum Fressen gegeben. Aber der Strick, mit dem Yashoda Krischna binden wollte, war zu kurz. Eine Wäscheleine, die sie holte, war zu kurz. Sie knüpfte einen anderen Strick daran; der Strick war zu kurz. Bald standen lachend alle Nachbarinnen um sie herum und sahen fröhlich zu, wie sie das ganze Haus nach Schnüren durchsuchte und Schnur an Schnur knüpfte, um Krischna zu binden. Aber immer blieb der Strick um eine Handbreit zu kurz. Da sah der Knabe, der scheinbar trotzig weinend in einem Winkel stand, dass der Mutter vor vergeblicher Anstrengung der Schweiss herabrann. Und er, der Ewige, dessen Unendlichkeit die grössten Yogis und Weisen in tiefster Gottschauung nicht ermessen können, hatte Mitleid mit der Mutter und liess sich gehorsam von ihr binden. Er lässt sich von jenen binden, die ihn lieben. Wieder wurde die Türe des Schuppens aufgerissen. Drei Betrunkene streckten spähend ihre Köpfe herein: "Tümpelbaum! Tümpelbaum! Tümpelbaum! Komm, noch einen Schnaps trinken!" Schrien sie. Unwillig grunzte der im Schlaf Gestörte und wälzte sich auf die andere Seite. Mit unreinen schallenden Stimmen sangen die drei im Chor einen Gassenhauer. Dann hieben sie die Tür zu und zogen, einander stützend, torkelnd weiter, um vor der nächsten Baracke ihr Spiel von neuem zu beginnen. Die Geschichten vom immer erneuten Niedersteigen Gottes auf die Erde sprossten weiter und durchrankten sich. Auch er, der Verborgene, von dem das Abendland noch kaum etwas weiss, war um Mitternacht geboren worden. Eine Vollmondnacht im Vorfrühling umglänzte hell die Erde. Aber eine Mondfinsternis zog heran. Die schimmernde Scheibe am Nachthimmel verdunkelte sich. Alles Volk in den Strassen sang. Auch das Volk sang, das voll Andacht in den Ganges gestiegen war, um zu baden und dort, dem uralten Brauch folgend, während der Mondfinsternis Gott anzurufen. In diesem Augenblick wurde Krischna-Chaitanya geboren. Umhüllt von dem himmelerschütternden Schall des Gottesnamens kam der verborgene Heiland der Liebe zur Welt. Auch sein einstiges Kommen war, wie das Kommen Christi, schon viele Jahrhunderte vorher von Heiligen und Propheten verkündet worden. Ein alter Mann hatte viele Jahre sehnsüchtig zu Gott gefleht, der verheissene Heiland, der verborgene goldene Avatar des finsteren Zeitalters möge endlich aus dem Reiche Gottes zur Erde herabsteigen. Da kam er. Als das Kind geboren war, so erzählt man, da strömten unabsehbare Scharen unbekannter Menschen jubelnd zu dem Hause des staunenden Vaters und beugten sich vor dem Kind und brachten ihm reiche Geschenke dar. Das Volk will wissen, diese Fremden seien Brahma der Schöpfer und Schiwa der Auflöser der Welt und andere hohe Himmelswesen in Verhüllung gewesen. Auch die Nachbarinnen und Freundinnen der Mutter kamen mit Geschenken. Um die Gesinnung des Neugeborenen zu erproben, legen sie Schmuck und Gold und Silbermünzen und Seide und einen Brocken Erde und auch ein Buch, das Bhagavata, vor ihn hin. Ohne zu zaudern, griff der kleine Knabe nach dem Buch, das die Liebestaten Gottes preist, umarmte es und drückte es jauchzend an sein Herz. Hier haben wir das Erdenleben eines göttlichen Heilands, das im vollen Lichte der Geschichte liegt. Es sind sogar noch Bruchstücke der Tagebücher seiner vertrauten Freunde überliefert, die viele Jahre in der gleichen Hütte mit ihm gewohnt haben - und ihn in ihren Strophen als Fülle der Gottheit ansprachen. Dieses Leben ist nicht irdisch. Es ist nur Liebe, Wort gewordene Liebe, Gesang gewordene Liebe, Tanz gewordene göttliche Liebe. Tanzend und singend hat er Indien durchzogen, vom Ganges bis zum Kap Komorin im Süden. Die dürren Bäume blühten auf, wo er schritt. Die Tiere des Waldes erkannten ihn und folgten ihm nach. Und alle Menschen, die ihm begegneten, einfältige Bauern und hochgelehrte Philosophen der Schankaracharyaschule, buddhistische und mohammedanische Bettler, Kastenlose und Brahmanen, Minister und Prinzen und der König eines mächtigen Reichs, sie sind alle bei seinem Anblick von überströmender Liebe ergriffen worden. Einst wollten ihn zwei berüchtigte Raufbolde erschlagen, weil sie wild vor Wut darüber waren, dass er und eine ganze Stadt mit ihm den Namen Gottes sang. Als ihre mörderischen Hände den Leib Chaitanyas berührten, da wurden auch sie jäh von überquellender Liebe erfüllt und auch sie begannen, den göttlichen Namen zu singen. Dieses Begebnis wird noch heute in vielen Liedern besungen. Es gibt in Bengalen etwa zwanzigtausend Lieder zu Ehren Krischna-Chaitanyas. Krischna-Chaitanya hat zahllose Menschen von dem furchtbarsten Siechtum, das es gibt, von der Krankheit der Lieblosigkeit, geheilt. - Leise murmelte ich den Mantra vor mich hin, den mir Sadananda gegeben hatte: "Verehrung dem höchst Freigebigen,Achtundvierzig Jahre ist Chaitanya auf Erden gewandelt, wie die Bhaktas sagen: Umhüllt von der leuchtenden Schönheit und der Gottesliebe Radhas und hat sich unsäglich nach Krischna gesehnt. Und dann ist er entschwunden und wieder eingegangen in Krischna. Und doch warten die Bauern manchen Dorfes in Bengalen, welche die Lieder von ihm singen, noch immer darauf, dass Chaitanya einst wiederkehren werde, wie er ihnen versprochen hat. Seit vierhundert Jahren warten sie auf ihn und singen am Abend und spähen aus nach ihm, um ihn einzuholen. Und andere warten auf den Retter, auf den verheissenen Avatar der Zukunft. Die ganze Erde wartet ja heimlich auf ihn, der kommen soll auf den Wolken des Himmels. Gegen Morgen wurden die heiseren Aufschreie der Betrunkenen allmählich leiser. Hörte ich nicht Gesang? Weihnachtslieder? "Stille Nacht, heilige Nacht ..." Wie zwei blühende Rosenbüsche, die aus einer Wurzel stammen, verzweigten sich um mich, untrennbar, die Heilandsgeschichten des Ostens und Westens. "Ein Gott für uns, ein Kind für sich,Mir schien in dieser Nacht, als hätte ich mein Leben lang unten am Grund eines tiefen gemauerten Brunnens gestanden und hätte sehnsüchtig hinaufgeblickt, dorthin, wo ich ein kleines Stückchen des Himmels sah und einen geliebten Stern; das war Christus. Aber nun hatte ich begonnen, aus dem Brunnen heraufzusteigen. Immer näher, immer liebender leuchtete der geliebte Heiland. Aber er war nicht allein. Rings um ihn leuchteten andere wundersame Sterne, andere brüderliche Heilande, ein ganzer Sternenhimmel der unergründlichen Liebe Gottes, die auf mich zuströmte. Die Heilande Gottes, die einer nach dem anderen zur Erde herabstiegen, waren unausdenkbar verschieden voneinander. Sie leuchteten in verschiedenem Glanz und in verschiedener Kraft. Manche von ihnen verhüllten sich mehr und manche weniger. Und doch waren sie untereinander auch wieder nicht verschieden. Sie waren alle Offenbarungen des Einen. Sie stammten alle aus dem gleichen Licht, demselben Urlicht, aus derselben göttlichen Urgestalt. Ob ich nachher schlief oder wach war, das weiss ich nicht mehr. Mich dünkte, dass ich vor dem lichten liebenden Leben des für die Zukunft verheissenen Avatars Gottes stünde. "Wie ist Deine Name?" fragte ich den Avatar. "Mein Name ist 'Ich komme'", antwortete er. |
|---|