DIE MILCHWEISSE GÖTTIN Die Lagerbehörde hatte uns in späteren Jahren erlaubt, an bestimmten Tagen sogenannte Parolenausflüge zu machen. Wir hatten vorher ein schriftliches Gelöbnis zu leisten, zur festgesetzten Stunde pünktlich ins Lager zurückzukehren und keine Verbindung mit Indern zu suchen. Für Verletzung des Gelöbnisses waren langjährige schwere Kerkerstrafen angedroht. "Raghupati Raghava Raja RamDie ganze Horde marschierte nun mit uns, sang zusammen mit uns, im Rhythmus mit den Händen klatschend. Jahre später, als Sadananda schon längst schwer krank im Lagerspital lag und ich allein wanderte, rannten die Kinder noch immer von ferne auf mich zu, fragten: "Wo ist der Swami, wo ist der Swami?" Und sie sangen: "Raghupati Raghava Raja Ram..."Der Gesang der Kinder verhallte schon. Wir beide rasteten an einer Quelle. Vom Gebirge her ritt ein Brahmane auf seinem Esel den Waldsteig herunter. Bei der Quelle stieg er von seinem Reittier ab, wusch sich vom Kopf bis zu den Füssen, spülte den Mund, trank, immerzu dabei seine Mantren murmelnd. Wir wussten, er sang den uralten Spruch, der das Wasser dieser Quelle in die Flut der sieben heiligen Ströme Indiens wandeln sollte: "O Ganga, o du Yamuna,Weibliche Namen haben alle Ströme in Indien. Sie gelten in ihrer wahren Gestalt als Dienerinnen Gottes im Reiche der Urbilder. Das innere Wesen der ganzen Natur ist liebend Gott zugewendet. Auch Sadananda murmelte den Spruch an die sieben Ströme, bevor er trank und den Wasserstrahl der Quelle in seinen Mund rinnen liess. In einer Schlucht badete er im Felsentobel unter einem Wasserfall. Auf- und untertauchend, jauchzte er spritzend und prustend: "Schivo ham, shivo ham - ich bin Schiwa, ich bin Schiwa, ich bin gleich Schiwa, ich bin gleich Schiwa ein Diener Krischnas!" Viele Bhaktas in Indien ehren Schiwa nicht als den Weltzerstörer und nicht als den Herrn der Yogis, sondern als einen vorbildlichen Bhakta. Sie blicken zu Schiwa als dem grossen Gottgeweihten auf, der immerdar in liebender Hingabe über Krischna meditiert. Alte Sagen berichten, dass alle Wände in Schiwas ungeheurem Palast Kailas mit strahlenden Fresken ausgekleidet sind, Szenen aus Krischnas Erdenwandel im Hirtenland. Nahe einer Gruppe von altersgrauen Lingamsteinen zu Ehren Schiwas stand ein verwittertes Rasthaus für Pilger und ein Tempel der Devi, der Göttin, wie man die grosse Maya in Indien oft kurzerhand nennt. Die Heiligtümer Schiwas und der Maya sind meistens Nachbarn. Der von riesigen Mangobäumen umgebene Tempel liegt an dem alten Pilgerpfad, der von der Stadt Hardwar zur Quelle des Stromes Jamuna hoch im ewigen Schnee führt. Die mächtige Herrin des Weltalls führt an diesem Ort einen Namen, den ich sonst nirgends in Indien fand. Sie heisst hier Dudhya Devi, die milchweisse Göttin. Staunend erinnerte ich mich meines Traums von Odysseus und der seltsamen Worte, die der griechische Seher Homer den Götterboten zu dem irrenden Wanderer Odysseus sprechen liess: "Milchweiss ist die Blume..." Als milchweisse Herrin des Lebens aller Welten wurde die Maya hier verehrt. Ich gedachte ihrer in Gestalt der Göttin Arbuda mit dem schwarzen Antlitz, vor der ich in der dunklen Felsengrotte im Innern des Berges Abu mit Schri gestanden hatte. Und ich gedachte ihrer in Gestalt der riesenhaften blutroten Kali tief im düsteren Felsengeklüft. Nun stand ich wieder vor ihr. Hier war sie ans Tageslicht getreten. Nur mit einem einzigen dünnen Schleiertuch war sie verhüllt und ihre Farbe war diesmal milchweiss. Doch überall waren es nur Bilder der gleichen, geheimnisvollen Maya. Dreimal umwandelte Sadananda, und ich mit ihm, dem indischen Brauch folgend mit nackten Füssen, in der Richtung des Sonnenlaufs die Steinbrüstung der Devi. Unter mancherlei Namen wird sie auf Erden angebetet und gepriesen, von allen denen, die um irdische Gaben bitten, um Söhne, um Reichtum, um Befreiung von Krankheit. Einen ihrer Aspekte hat wohl Göthe im Abendland erschaut, als er die Worte niederschrieb: "Natur, wir sind von Dir umgeben und umschlungen, ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf." Lange sass Sadananda im Innern des kühlen Tempels, der umglänzt ist von der Herrlichkeit der steilen Waldhänge und wasserdurchrauschten Schluchten des Himalaja. Er sass mit gekreuzten Beinen vor dem mit einem Tuch verhüllten Bildwerk der mächtigen Herrin unseres Weltalls. Er sang vor der grossen Maya. Es war, als ob er sich mit ihr unterredete. "Was haben Sie vor der Maya gesungen?" fragte ich auf dem Heimmarsch durch Wiesen und Wald und über Geröllhänge hinab, auf dem steilabfallenden Pfad zum Tor des Stacheldrahtlagers, in das wir zur festgesetzten Stunde zurückkehren mussten. "Wie kommt es, dass ein Bhakta Krischnas die Herrin preist, welche die täuschenden, weltlichen Gaben verleiht?" Sadananda lächelte: "Die Zauberin Maya, die strenge Züchtigerin unserer Welt, tut ihr Amt als eine Magd Krischnas. Einer ihrer vielen Namen lautet Durga. Durga bedeutet Gefängnis. Ich habe der Durga, der Kerkermeisterin, die Krischna in der Verbannung dient, von jenem verborgenen Reich Krischnas erzählt, dem sie sich selber nicht zu nahen wagt." Ich blieb staunend stehen. Die Steine bröckelten unter meinen Füssen. Sadananda sprach weiter: "Ich habe der Durga von Radha erzählt, der gestaltgewordenen Freudenkraft Gottes, die in Krischnas innerem Reich ihm in unsäglicher Liebe dient. - In solcher Weise darf ein Bhakta Krischnas die grosse Maya ehren und sie erfreuen. Denn sie selbst ist eine treue Magd, ein Schatten von Radha." Vor dem Schilderhaus am Eingang des Lagers sammelten sich bereits die bestaubten Scharen der Internierten. Unsere Namen wurden aufgerufen und notiert. Einer der Wachposten sperrte die zweifachen Gittertore vor uns auf. Wir waren wieder von den Stacheldrahtwänden umschlossen. |
|---|