STROM DER GOTTESLIEBE

Ich sass in meinem Schuppen vor dem Tisch, der mit Papieren bedeckt war. Das Rauschen eines nahen Bergstroms, der das Gebirge des Himalaja durchbricht, scholl durch die Nacht. Ich dachte an den Strom der Gottesliebe, der unerschöpflich aus Gottes Reich quillt und, von den meisten unbemerkt, unsere Schattenwelt durchströmt.
Der erste Guru der Gottesliebe, so berichten die Bhaktas, war Gott selbst. Er gab die Initiation dem Weltschöpfer Brahma, der die Welt gestaltete nach Gottes Plan. Als Brahma nach der langen Nacht, die Weltvernichtung heisst, aus dem Schlafe zu neuem Leben erwachte - lange bevor unsere Welt gebildet war - da war es dunkel um ihn. Er wusste nicht, wo er sich befand. Er wusste nicht, dass er im Kelche eines Lotos war, dessen Stengel aus dem Nabel des Alldurchdringenden wuchs. Finsternis breitete sich rings um ihn aus. Sorgenvoll erhob sich Brahma und wanderte aufwärts in dem Lotoskelch, tausend Jahre; er fand kein Ende. Sorgend kehrte er um und wanderte abwärts in dem Stengel des Lotos, tausende Jahre; er fand keinen Grund.
Ermattet und kummervoll setzte sich Brahma hin mit gekreuzten Beinen in Meditationshaltung und versuchte, in sein Herz zu lauschen. Als sein Herz ganz still geworden war, vernahm er den Klang einer Flöte, der unbeschreibliche, überströmende Liebe in ihm erweckte. Es war der Klang von Krischnas Flöte, aus dessen innerstem Reich. Und der liebeerweckende Klang war ein Mantra. Derart wurde Brahma von Gott selbst initiiert und wurde so der erste aller wahren Brahmanen. Aus dem Mantra der Gottesliebe quollen die vier Urstrophen der späteren achtzehntausend Strophen des Werkes Schrimad Bhagavata. Und immerdar lauschend und immerdar in Gottes Reich hineinspähend und nach ihm sich sehnend, erinnerte sich Brahma, wer er selber war, und wozu er berufen war, und vermochte nun nach Gottes Willen das Weltall zu bilden. Während er, der Baumeister unseres Weltenraumes, sein hartes Werk im Bereich der irdischen Zeit tat, sang er einen sehnsüchtigen Hymnus von der schicksalslosen, göttlichen Welt, wo nicht am Grunde jeder Lust Leid liegt, wo die Zeit nicht wie bei uns in jedem Augenblick schmerzlich in Vergangenheit und Zukunft zersplittert; sondern wo ewige Gegenwart west und wo alles aus Liebe gewoben ist. Brahma sang von Krischnas Reich der schenkenden Liebe, die verborgen ist hinter dem 'Ozean aller Ursachen und dem Ozean des unendlichen Lichts':

"Jedes Wort ist ein Lied, jeder Schritt ist Tanz.
Und die Flöte, Die Freundin Krischnas, tönt an seinem Mund.
Und Zeit, die hier so schnöde uns verlässt,
Eilt dort nicht fort für einen Augenblick.
Nur wenige Weise, die auf Erden wandeln,
Wissen von diesem Land."
Brahma, der Schöpfer, gab die Initiation in die Gottesliebe und die vier Urstrophen des Bhagavata seinem Schüler und geistigen Sohne Narada.
Mein erster Lehrer Schri und auch Sadananda hatten mir oft von Narada erzählt. Dieser ist ja einer jener Bhaktas, die aus Barmherzigkeit zu den von Gott abgefallenen unglücklichen Wesen immerdar, zu aller Zeit die Wandelwelt durchschweifen, um vielleicht doch irgendwo Seelen zu finden, die fähig sind, die Kraft zur dienenden, liebenden Hingabe an Krischna zu empfangen. Wie die Sonne ihren Himmelsbogen beschreibt über Gerechten und Ungerechten, so wandeln die Boten Gottes in Reinheit dahin und tragen, wohin sie auch kommen, den Glanz des Reiches Gottes, aus dem sie stammen, mit sich. Was kümmert es sie, ob ein Ort, den sie betreten, nach irdischen Begriffen einem Himmel oder einer Hölle gleicht. Sie steigen in Gefängnisse, in Irrenhäuser, in Konzentrationslager hinab. Niemand, kein Mörder, keine Dirne, kein Wahnsinniger, kein Kind im Mutterleib ist davon ausgeschlossen, Gottesliebe von ihnen zu empfangen und mit hineingenommen zu werden in den Kreis der Ewig-Beigesellten Gottes.
Auf seiner Wanderung kam Narada einstmals auch zu einer Einsiedelei hoch im Himalaja am Ufer eines Bergstromes. Dort nahe den Gangesquellen sass der weise Vyasa und blickte schwermütig in die tosenden Wellen.
Ehrfürchtig begrüsste Vyasa den Boten Gottes.
"Warum bist du so traurig?" fragte Narada.
"Ich verstehe es nicht", antwortete Vyasa bekümmert. "Ich habe das Gesetz gehalten und Askese geübt. Ich habe Macht über Yoga erlangt, wie wohl wenige. Es ist mir gelungen, die heiligen Weden, die zur Zeit der grossen Flut verloren waren, wieder zu sammeln; ich habe sogar das Mahabharata und die Gita endlich fertiggestellt. Die Essenz höchster Weisheit habe ich in den Brahmasutras zusammengefasst. Ich habe mein Leben lang über das göttliche Licht, über das gestaltlose Brahman gesonnen, ja, ich bin eins geworden mit ihm. Und doch - meine Seele hat keinen Frieden erlangt."
"Du hast in deinen herrlichen Werken zu viel von Gottes Gesetz und Logik und Weisheit und zu wenig von Gottes Liebe erzählt", belehrte ihn Narada. "Du müsstest noch ein Werk schreiben, das nur die Liebestaten Gottes preist und den Menschen Liebe schenkt". Voll Barmherzigkeit sang Narada den Mantra, den Brahma von Krischna empfangen hatte und er selbst von Brahma. Narada gab Vyasa die Initiation in die Gottesliebe und schenkte ihm die vier Urstrophen, aus denen das grosse Werk Bhagavata aufgeblüht ist.
Singend und seine Laute spielend, zog er dann weiter. Vyasa aber setzte sich hin am Ufer des jungen Ganges und meditierte über Krischna. Da schaute er Krischna in seinem innersten Reich und wie alle Wandelwelt der Maya in Krischna gründet. Während Vyasas Herz immerdar auf Krischna blickte, brach er in Gesang aus über das, was er schaute, und jubelnd begann er die achtzehntausend Strophen des Werkes zu singen, das nur von Gott handelt. "Die reifste Frucht, die am Baume der Weden wuchs, Nektar der Unsterblichkeit und Süsse, eine Frucht ohne Schale und Kerne" - so wird das Werk genannt.
Vyasa, der Dichter und Seher, sang seinem Sohne Schuka die zahlreichen Geschichten des Bhagavata vor. Der Jüngling, der seit seiner Kindheit im Reiche Gottes lebte, wohin er auch immer ging, behielt Vyasas Visionen in seinem Geist; Schuka konnte nicht anders, er sang die Strophen, die überströmten vom Ruhme und der Liebe Gottes. Und so gab er auch Parikshit, dem gerechten König, der, als Verfluchter den Tod erwartend, am Ufer des Ganges sass, das Geschenk der Gottesliebe.
Derart wurde in Indien die Einweihung in die Gottesliebe weitergegeben von Lehrer zu Schüler und deren Schülern, in ununterbrochener Folge durch die Jahrtausende. So wandelte die Offenbarung Gottes inmitten der Finsternis immerdar lebend durch die Zeit.
Als in den Jahren der Entdeckung Amerikas und des voll hereinbrechenden Materialismus Krischna ein zweites Mal - so glauben die Bhaktas - auf die Erde kam in Gestalt Krischna-Chaitanyas, da suchte auch dieser, der ehrwürdigen Tradition folgend, einen Guru auf.
Der Guru erkannte sofort das hohe Wesen des wie Gold strahlenden Jünglings, der ihm demütig nahte und gab dem herabgestiegenen Avatar vol Jubel die erbetene Einweihung. Und Chaitanya nahm ehrfürchtig Abschied und lief durch das Land und sang drei Tage lang freudetrunken eine Strophe aus dem Bhagavata: "Auch ich, auch ich werde den furchtbaren Ozean der Wandelwelt durchschreiten und an das andere Ufer gelangen."
Chaitanya brachte einen ganz neuen Mantrastrom und eine ganz neue Gottesoffenbarung auf die Erde herab. Er gab die Einweihung seinen Schülern und seine Schüler gaben die Einweihung ihren Schülern. So floss in Indien der Strom der Gottesliebe wie Wasser des Lebens, verborgen und doch nicht verborgen, bis in unsere Tage, bis zu dem Einsiedler Gaura Kishora. Der nackte, bloss mit dem Schamtuch bekleidete Asket, der ungelehrt war, kaum des Schreibens und Lesens kundig, gab nach langem Sichbittenlassen die Initiation dem Bhakti-Siddhanta Sarasvati, der früher Professor für Astronomie und höhere Mathematik an einer Hochschule in Bengalen gewesen war. Dieser gab die Einweihung weiter an einen Schüler, der aus Europa stammte und den er Sadananda nannte.
Als ich verzweifelt in dem von Lärm und Streit erfüllten Internierungslager in Indien sass, kam Sadananda. Und in seiner Barmherzigkeit gab er einen Tropfen der Gottesliebe sogar mir.


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