DER NAME GOTTES

Von den Lippen Sadanandas ist mir eines Tages unversehens der Mantra des Namens Gottes entgegengeklungen. Es geschah damals, als das ganze Lager wieder einmal übersiedelte, mehr als tausend englische Meilen weit, von Baracken hinter Stacheldraht in Südindien zu neuerrichteten Baracken hinter Stacheldraht in Nordindien am Fusse des Himalaja. Wir waren bereits mehrere Tage und Nächte gefahren und sollten noch lange reisen, Massen von Internierten mit Sack und Pack, sorgfältig bewacht, in langen Eisenbahnzügen. Sadananda lehnte sich zum offenen Fenster hinaus und, scheinbar unser in dem alten Wagen dritter Klasse 'Für indische Soldaten' nicht achtend, sang er einen Mantra in den Wind, als die Sonne eben hinter der wie Gold glänzenden indischen Ebene unterging.
Die Worte waren mir bekannt, die Melodie war mir bekannt. Woher kannte ich sie nur? Wie eine Stimmgabel, die berührt und zum Ton erweckt wird durch einen verwandten Klang, schwang mein Herz sehnsüchtig mit.
Es war der gleiche wundersame Klang, der mir bereits einmal entgegengetönt hatte, als ich bald nach meiner Ankunft in Indien eines Abends neben Schri die zerbröckelten Stufen durch den blühenden Wald im Himalaja emporgeschritten war und auf der Terrasse des Pilgerhauses die Mönche gesungen hatten. Der Klang, das Geheimnis, das ich hinter dem Klange ahnte, hatten mich unwiderstehlich angezogen wie bisher nichts in meinem Leben. Ich war diesem Klange nachgewandert, ich hatte ihn überall vergebens gesucht und nun in einem durch Indien rollenden Gefangenenzug hatte ich ihn gefunden.
Die Nacht war hereingebrochen. Die gutmütigen indischen Soldaten, die uns bewachten, lehnten müde vornüber, die geladenen Gewehre zwischen den Knien. Die Kameraden spielten Karten. "Was haben sie vorhin gesungen?" fragte ich.
Ein prüfender Blick Sadanandas glitt über mich, es war, als ob er meine Seele forschend betrachtete. "Das war der Mantra des Namens Gottes", sagte er.
Draussen vor den Fenstern des Zuges wurde es immer dunkler. Der Freund gab mir seine Unterweisung.
"Die erste Offenbarung der göttlichen Welt, die der Seele zuteil wird, ist Klang. Bevor man das Reich Gottes schaut, hört man es mit dem inneren Ohr. Denken Sie an den Logos, das Wort Gottes, aus welchem alles geworden ist. Aber die Worte aller Sprachen auf der Erde sind irdischer Natur. Auch die Worte der Sanskritsprache sind irdischer Natur. Mit einer einzigen Ausnahme: Der Name Gottes ist nicht von dieser Welt. Oder eigentlich müsste man sagen: Die Namen Gottes. Denn Gott in seiner Barmherzigkeit hat uns viele seiner Namen offenbart, mehr äussere und mehr innere, in denen alle seine göttliche Macht mitenthalten ist.
Das Padmapurana sagt: 'Der Name Gottes ist rein geistige Substanz, lauter, ewig, völlig frei von Materie, weil der Name Gottes von Gott nicht verschieden ist'. Deshalb hat der Name Gottes leicht die Kraft, nicht nur alle Sünden abzuwaschen, sondern sogar die Knoten des Herzens zu lösen und Gottesliebe im Herzen zu erwecken.
Wenn ein Mensch, dessen Atman vollkommen erwacht ist, den Namen Gottes singt, so hat das die Kraft, eine schlafende Seele aufzuwecken. Was da vor sich geht, nennt man Initiation. Der Erwecker der Seele ist der Guru. Durch das hingebungsvolle Lauschen, wenn ein anderer den Namen singt, und durch das Selbersingen wird das Herz wieder zu seiner wahren Natur, die Liebe ist, zurückgeführt."
Eintönig rollten die Räder auf den Schienen.
"Und Meditation, Yoga ... alle die anderen Wege zu Gott, von denen Schri sprach und die Bhagavad-gita spricht und die Evangelien ...?"
"Es gibt viele Wege. Aber wir Bhaktas sind überzeugt, unser eigenes Zeitalter des Kampfes aller gegen alle, das Kaliyuga, ist zu verworren und zu finster, das alles genügt nicht. Krischna-Chaitanya, der verborgene goldene Avatar des Kaliyugas, hat hunderte Male vor seinen Schülern einen alten Vers aus dem Naradiya-Purana wiederholt: 'Ausser dem Namen Gottes, ausser dem Namen Gottes, wahrlich ausser dem Namen Gottes gibt es nirgendwo, gibt es nirgendwo, gibt es wahrlich nirgendwo eine Zuflucht in unserer finsteren Zeit!'"
"Sie dürfen natürlich nicht glauben", fuhr Sadananda fort, "wenn irgendein Mensch sagt: 'Krischna', so sei das schon der Name Gottes. Der irdische Klang des Namens, den Sie mit dem körperlichen Ohr auffassen, ist nur gleichsam das Gefäss für den geistigen Klang oder der Schatten des geistigen Klanges. Es heisst: 'der Name Krischnas und alles, was in diesem Namen wohnt, wird nicht aufgefasst durch irdische Sinne. Aber wenn jemand, voll Sehnsucht zu dienen, sein Antlitz Krischna zuwendet, dann beginnt der Name sich von selbst auf seiner Zunge zu offenbaren.' Doch sogar der Schatten des Gottesnamens vermag schon viel. Er hilft, das Herz wieder auf Gott hinzulenken. Das wäscht die Sünden ab. Wissen Sie, was Sünde ist, Vamandas? Unser Sprache ist sehr tiefsinnig in diesem Wort. Das Wort Sünde kommt von sondern. Abgesondertsein von Gott ist die einzige Sünde, die es gibt."
Die Lichter von Delhi näherten sich, endlose kasernenartige Häuserreihen, die Wohnstätten von Schreibern, von Kulis, von Fegern der vielen Ämter und Kanzleien der indischen Hauptstadt. In einem hellerleuchteten Salonwagen, der auf einem Nachbargeleis langsam der grossen Stadt zufuhr, sassen bloss zwei Personen, ein hoher englischer Beamter im Frack; wohl der Gouverneur einer Provinz, beleibt, verlebt und doch kraftvoll aussehend wie ein altrömischer Prokurator. Und in dem Fauteuil ihm gegenüber, dessen verblühte Gattin im Abendkleid, stark geschminkt, steil aufgerichtet. Die beiden in ihrer beklemmenden Einsamkeit waren anscheinend die einzigen Menschen in dem prunkvollen Wagen.
Unser Zug fuhr weiter; die grosse Stadt war schon wieder fern. Sadananda lag auf der Bank neben mir, kaum eine Armlänge entfernt, und schlief ruhig. Auf den mehrfach übereinandergeschichteten Holzpritschen über uns schliefen die Kameraden. Nur die Wachen sassen aufrecht, die Gewehre zwischen den Knien. Das Fenster war geöffnet. Eine helle Mondnacht. Ich sah in das unbekannte Land hinaus, auf schwankende Palmwipfel, Schöpfbrunnen, Kraniche, Störche. Grosse wilde Pfauen tanzten im Mondlicht.
Der Name Gottes ... sann ich. So absonderlich und fremd, ja wahnwitzig dünkte mich alles zu sein, was der Freund mir vorhin anvertraut hatte. Und doch schien die monderleuchtete indische Nacht nur ein ganz dünner wehender Schleier zu sein, durch den das Geheimnis an mein Herz heranwogte.
Der Name Gottes, der Liebe erweckt ... 'Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn ferner offenbaren, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen'. Diese Christusworte an Gott, die letzten, die heiligsten Worte Christi im Kreis seiner Jünger kamen mir entgegen aus der blauschimmernden indischen Nacht.
Erschütternd wie noch nie trafen mich weitere Worte des göttlichen Heilands: "Wenn zwei oder mehr beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen."
Ich sah sie vor mir stehen, die Jünger auf dem Berge, als sie Jesus in ihrer Mitte fragten: "Wie sollen wir beten?", und ich hörte seine Rede: "Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name ..."
Immer mehr Christusworte berührten mich in dieser Nacht, der ich doch gar nicht besonders bibelkundig bin. Zuletzt wurde mein ganzes Wesen durchströmt von der uralten Taufformel: "Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes."
Ich gedachte eines längst vergangenen Tages auf einer Insel im Ägäischen Meer, da ein griechisch-orthodoxer Pope in der Bücherei des Bergklosters von Patmos vor meiner Frau und mir die steifen riesigen Blätter einer Evangelienhandschrift aus frühchristlicher Zeit ausgebreitet hatte. Mit silberner Schrift war sie auf Purpurpergament geschrieben, aber die Namen Gottes und Christi überleuchteten alle andere Schrift in spiegelndem Gold. Hatte das Urchristentum noch eine Ahnung von der Majestät der Gottesnamen besessen? Hatten seither die Priester, welche die Verkündigung von der Liebesmacht des Gottesnamens an den Altären sprachen, den innersten Gehalt dieser Worte vergessen? Musste man erst nach Indien gehen, um das Geheimnis wiederzufinden? So wie auch der heilige Gral, der Sage zufolge, von Engeln nach Indien getragen worden war.
Der Logos, das Wort Gottes, tönte durch die indische Nacht. Es war kein Widerspruch zwischen der göttlichen Offenbarung des Ostens und des Westens. Die Verkündigung aus dem Abendland gesellte sich zum nicht endenden jubelnden Chor der indischen heiligen Schriften.
Die Nacht blühte und duftete. Süss wehte der Duft der vollaufgeblühten Mangobäume herein zu den Schläfern in den nordwärts rollenden Zug. Mir war es, als ob ich hinausgetragen würde wie in einem Boot auf ein unübersehbares Meer der göttlichen Liebe, wo bald jede Küste, jeder Erdenhorizont hinter den Wogen versank. Die Wogen der göttlichen Liebe hoben sich immer höher auf.
Der Morgen graute. Sadananda sass halb aufgerichtet auf seiner Bank und spähte durchs offene Fenster. Ich berührte ihn mit der Hand. "Geben Sie mir die Initiation in den Gottesnamen", bat ich. Wieder glitt der Blick des Freundes über mich, als ob er prüfend meine Seele betrachtete. "Ich bin kein Guru", sagte er dann. "Meine Aufgabe ist diesmal nur, Menschen zu den Füssen meines Guru zu führen. Aber ich hoffe, Sie werden den Guru finden und er wird Sie annehmen."
Der Zug fuhr dröhnend über eine eiserne Brücke. In der Tiefe glänzte das Wasser eines Flusses grausilbern im ersten Morgenlicht. "Der Ganges", sagte Sadananda. "Nicht weit von hier, bei Rishikesh, bricht er durch das Gebirge des Himalaja hindurch". Wieder war ich vor dem Haus Schiwas angelangt.
Unser Zug fuhr in eine Station ein und hielt. 'Hardwar' las ich. "Eine der uralten sieben heiligen Städte Indiens", erläuterte der Freund. "Nun, Sie haben ja Sanskrit gelernt. Was heisst Hardwar?" "O ja, das weiss ich. Hari-dvara, das bedeutet, Tor Haris, Tor Gottes."
Dicht unter dem Bahndamm lagen die Kuppeln und weissen flachen Dächer von Tempeln und Lehrhäusern. Auf den Dächern spielten friedlich Rudel von Affen. Niemand tat ihnen etwas zu leide. Sie galten ja als die Helfer und Gefolgsleute des Affenkönigs Hanuman, der ein Gottgeweihter war.
Die Scharen der Affen hatten sich wie auf einen Befehl von den Kuppeln und Dächern und Brüstungen herabgeschwungen und liefen neben dem langen Zug, der wieder zu fahren begann und langsam die steile Spur durch den Wald emporkeuchte.
Erfreut über die unerwartete Unterhaltung lehnten sich die Internierten in allen Waggons aus den Fenstern hinaus, schrien Spottworte zu den Affen hinab und warfen diesen alles, was ihnen in die Hände kam, leere Zigarrenkistchen und blecherne Zigarettenschachteln und ausgekratzte Konservenbüchsen an die Köpfe, bis die Schar der Affen den Wettlauf mit den Menschen aufgab und wieder umkehrte.
"Ich habe die ganze Nacht über den Namen Gottes nachgedacht", sagte ich.
Sadananda nickte fröhlich: "Ich weiss, wen einmal die Anziehungskraft Gottes ergriffen hat, den lässt sie nicht mehr los." Der Zug keuchte durch den einsamen Wald empor. "Es gibt eine alte Prophezeiung", sagte der Freund, "dass die kommende universale Kirche im Singen des Namens Gottes ihr Leben haben wird, und dass es in Zukunft kein einziges Dorf auf der Erde geben wird, wo man nicht als Kult den Namen Gottes singen wird."


Fortsetzung

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