Das Kastensystem - Die Varnas

Bereits seit Hunderten von Jahren existiert in Indien die heutige Abart, einer ehemals sehr vorteilhaften Gesellschaftsordnung. Insbesondere die sogenannten Brahmanas, welche ihr Brahmana-Sein zum Geburtsrecht deklarierten, sind verantwortlich dafür, dass dieses zwanghafte System zur Quelle von viel Elend wurde.
Dieses Missverständnis ist leider auch unter dem indischen Volk weitverbreitet und wird von den "Brahmanas" mit aller Kraft am Leben erhalten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch wir im Westen diesem Unsinn vom Geburtsrecht, bzw. Geburtszwang, auf den Leim gegangen sind.


Das ursprüngliche (Kasten-) System kannte aber kein Geburtsrecht oder Geburtszwang. Einzig die persönlichen Eigenschaften wie Charakter, Mentalität , Neigungen und Fähigkeiten waren ausschlaggebend.

Der Brahmana (Priester, Intellektueller) wird mit dem Kopf des gesellschaftlichen Körpers verglichen. Er muss völlig unabhängig sein, um seine Funktion als Lehrer und Ratgeber erfüllen zu können. Er lebt von Spenden, die er aufgrund seiner Tätigkeit erhält. Bekommt er mehr, als er zum Leben braucht, hilft er anderen Notdürftigen mit entsprechenden Spenden. Er ist im besonderen mit dem Studium der Veden (altindische Schriften über Religion, Philosophie, aber auch über Naturwissenschaften, Politologie etc.) und dem Lehren dieser verschiedenen Wissensgebiete beschäftigt. Die Brahmanas vermitteln jedem Wissen, der begierig danach ist. Ihre Lehrtätigkeit ist kostenlos. Trotzdem ist jeder Schüler verpflichtet, zu versuchen, zumindest die Unkosten zu decken, die er selbst verursacht.
Die Eigenschaften eines Brahmana werden auf folgende Weise beschrieben:

"Friedfertigkeit, Selbstbeherrschung, Entsagung, Reinheit, Duldsamkeit, Ehrlichkeit, Wissen, Weisheit und Religiosität sind die natürlichen Eigenschaften, die die Handlungsweise der Brahmanas bestimmen." (Bhagavad-gita 18.42)
Die charakterlichen Eigenschaften und die natürliche Neigung, sich nur der höchsten Wahrheit verpflichtet zu fühlen, sind die herausragenden Merkmale eines echten Brahmana.

Der Ksatriya wird mit den Armen des gesellschaftlichen Körpers verglichen. Er übt die Funktion des Monarchen, des Soldaten, des Polizisten, des Regierungsministers oder ähnliche mit der Verwaltung eines Landes benötigte Tätigkeiten aus. Seine physische und geistige Stärke dient dem Schutz der Bevölkerung im allgemeinen. In früheren Zeiten konnte ein Monarch für ein Verbrechen, das in seinem Land stattfand, zur Verantwortung gezogen werden. Nur wenn er fähig war, die Bürger vollständig zu beschützen, war es ihm erlaubt, Steuern einzuziehen. Ein Ksatriya-König war nur von den weisen Ratschlägen der echten Brahmanas abhängig, die ihre Tätigkeit selbstlos im Interesse der Menschheit ausübten. Die Ksatriyas waren im Besonderen dafür verantwortlich, die Brahmanas, Kinder, Frauen und die alten Menschen zu beschützen. Ihnen oblag auch ganz besonders der Schutz dieses natürlichen Gesellschaftssystems, ohne das die Menschen schwerlich friedlich nebeneinander Leben können.
Die Eigenschaften des Ksatriya werden auf folgende Weise beschrieben:

"Heldenmut, Macht, Entschlossenheit, Geschicklichkeit, Mut in der Schlacht, Grosszügigkeit und Führungskunst sind die natürlichen Eigenschaften, die die Handlungsweise der Ksatriyas bestimmen." (Bhagavad-gita 18.43)
Wenn die Monarchen verschiedener Länder Probleme miteinander hatten, war es ihre Pflicht, alle diplomatischen Möglichkeiten auszuschöpfen, um einen Krieg zu verhindern. Kam es trotzdem zum Krieg, mussten sie sich an viele Ehrenkodexe halten. Z. B. mussten sie persönlich an der Schlacht teilnehmen. Es musste ein Ort zur Austragung der Schlacht vereinbart werden, abseits der Zivilisation. Es durften nur gleichwertige Krieger mit gleichwertiger Bewaffnung gegeneinander Kämpfen. So gab es viele Regeln allein für das Verhalten im Kampf. Die Schmach oder die Unehrenhaftigkeit diesen Regeln nicht zu folgen, wurde von einem echten Ksatriya schlimmer empfunden, als 1000 Mal zu sterben.
Ein guter Monarch oder eine gute Regierung wird vom Volk geliebt und von Verbrechern gefürchtet. Wenn die heutigen Politiker nur einen Funken der Ehrenhaftigkeit eines Ksatriyas hätten, wäre es nicht möglich, dass Korruption und Interessenkonflikte ein wirkliches Regieren fast verunmöglicht.

Der Vaisya wird mit dem Bauch oder Magen des gesellschaftlichen Körpers verglichen. Er treibt Handel, Ackerbau etc. Die Vaisyas handeln untereinander demokratisch. Sie unterstehen jedoch gemeinsam den Richtlinien und der Befehlsgewalt der Ksatriyas. Sie haben freie Hand geschäftlich tätig zu sein, solange sie nicht die Richtlinien der Ksatriyas oder Brahmanas verletzen.
Die Eigenschaften des Vaisya sind:

"Ackerbau, Kuhschutz und Handel sind die natürliche Beschäftigung für die Vaisyas." (Bhagavad-gita 18.44)
Der Sudra wird mit den Beinen des gesellschaftlichen Körpers verglichen. Er leistet allen anderen Dienste. Die jeweiligen Arbeitgeber oder der Monarch sind dafür verantwortlich, dass die Sudras alle Lebensnotwendigkeiten (Wohnraum, Essen, Kleidung, den Fähigkeiten entsprechende Arbeit etc.) erhalten. Jeder, der in irgendeiner Weise Dienste leistet, ist ein Sudra (z. B.: Unterhaltungsbranche, Handwerker, Künstler, selbst Zahnärzte und Chirurgen).
Der Sudra wird auf folgende Weise beschrieben:
"Die aus der eigenen Natur des Sudra bestehende Tätigkeit liegt darin, durch Arbeit anderen Dienste zu leisten." (Bhagavad-gita 18.44)

Dieses System, das gemäss der Veden von Gott Selbst geschaffen wurde, soll das friedvolle gesellschaftliche Zusammenleben unterstützen. Es dient dem Wohlstand und der Sicherheit der Bürger, damit diese die nötige Zeit und Ruhe finden, sich Gedanken über den tatsächlichen Sinn des Lebens zu machen. Es ist keine Klassifizierung, die ein Geburtsrecht oder -zwang beinhaltet, sondern ergibt sich ganz natürlich aus den individuellen Eigenschaften und Neigungen. Niemand kann die Unterschiedlichkeit der Menschen leugnen. Selbst in unserem demokratischen System gibt es Intellektuelle, Politiker und Soldaten, Bauern und verschiedene Arten von Geschäftsleuten und schliesslich diejenigen, die irgendwelche Formen von Dienst oder Arbeit im Angestelltenverhältnis leisten. Nur fehlen heute, besonders in den höheren Klassen, die entsprechenden Eigenschaften und Fähigkeiten. So befinden sich in unserer Zeit fast alle auf der mentalen Stufe der Sudras, was zwangsläufig zu grossen politischen und gesellschaftlichen Störungen führt.
Genauso wie der menschliche Körper nur gut funktionieren kann, wenn Kopf, Arme, Bauch und Beine richtig zusammenarbeiten, genauso funktioniert die menschliche Gesellschaft nur dann richtig, wenn die vier Gruppen harmonisch zusammenarbeiten. Wenn der Kopf, die Arme, die Beine oder der Bauch unabhängig von den anderen Körperteilen sein will, verursacht dies nur eine Störung der natürlichen Harmonie und die Folge ist, dass der gesamte Organismus erkrankt. Deshalb darf sich keiner wichtiger fühlen als die anderen. Auch hier bringt Gemeinsamkeit die Stärke.
Gerade weil die Brahmanas die wichtigste Funktion ausüben, müssen sie auch die entsprechenden brahminischen Eigenschaften besitzen. Wenn sie stolz und überheblich werden, wandelt sich dieses Gesellschaftssystem in ein System der Unterdrückung. Das Bhagavata Purana berichtet, dass es genau dieser Stolz war, der vor rund 5100 Jahren (Beginn des Kali-Yuga) dazu führte, dass diese natürliche Regelung der Gesellschaft zum heute bekannten Kastensystem entartete, welches nicht mehr die Eigenschaften des Menschen berücksichtigt, sondern nur darauf achtet, in welcher Familie jemand geboren wird.

 


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